"Es braucht hohes Risiko"

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Kriechbaum: "Anna weiß, dass sie Siege braucht"

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Das Duell um den Gesamtweltcup spitzt sich zu.

Acht Rennen vor Schluss liegt Tina Maze nur mehr 44 Punkte vor Anna Fenninger.

„Jede Läuferin weiß, dass am Schluss abgerechnet wird. Bis dorthin muss man mit aller Härte und Konsequenz arbeiten, bis zum letzten Schwung. Man darf nicht zu viel rechnen - egal, ob man ein Rotes Trikot anhat oder nicht“, verrät ÖSV-Damen-Chefcoach bei LAOLA1 das Erfolgsrezept, um im heißen Fight um die Kristallkugel einen kühlen Kopf zu bewahren.

Die Salzburgerin wisse, wie sie mit der Situation umzugehen habe: „Sie weiß, dass sie Siege braucht, wenn sie dran bleiben und mitkämpfen will. Das versucht sie bei jedem Rennen. Dazu braucht es hohes Risiko und das nötige Selbstvertrauen.“

„Es sieht so aus, als hätte sie das im Moment“, fügt der 48-Jährige mit einem Schmunzeln an.

Warum die zwei Slaloms zu einem „großen Vorteil“ für Maze werden könnten, er mit dem Damen-Team zufrieden ist aber ein kleines Loch sieht, und wie er die möglichen Karriere-Enden von Nicole Hosp und Kathrin Zettel kompensieren will, verrät Jürgen Kriechbaum im LAOLA1-Interview:

LAOLA1: Wie zufrieden sind Sie mit der Saison der ÖSV-Damen?

Jürgen Kriechbaum: Im Großen und Ganzen läuft es ganz gut. Im Riesentorlauf ist Eva-Maria Brem in die Weltspitze hineingestoßen. Im Slalom war es im Grunde auch nicht schlecht. Marlies Schild – unsere Siegläuferin der Vergangenheit – hat aufgehört, das merkt man schon. Auch im Speed waren sehr gute Leistungen dabei.

LAOLA1: Jetzt stehen die Speed-Rennen in Garmisch-Partenkirchen an. Was sind die Kriterien für Super-G und Abfahrt?

Kriechbaum: Garmisch gehört zu den Abfahrts-Klassikern. Bei den Damen wird die Original-Strecke gefahren, wie die Herren sie früher gefahren sind. Der Start ist gleich wie bei der WM. Oben ist ein langes Gleitstück mit Wellen und langgezogenen Kurven drin. Es bleibt aber abzuwarten, wie die Piste präpariert wird. Es hat sehr viel geschneit, die Feuchtigkeit ist auch sehr hoch. Wenn es zu schneien aufhört und die Nacht klar ist, sollte es gut aussehen. Sonst wird es problematisch.

LAOLA1: Anna Fenninger konnte 2013 einen Super-G in Garmisch gewinnen und kommt mit einer tollen Form hier her. Ist sie im Super-G die Läuferin, die es zu schlagen gilt?

Kriechbaum: Ich denke schon, dass es einen breiten Favoritenkreis gibt. Lara Gut ist sehr schnell, auch wenn sie es nicht immer hinunter bringt. Sie war in Bansko beim Kombi-Super-G die Schnellste, ehe sie ausgeschieden ist. Sie schätze ich sehr stark sein. Lindsey Vonn mag Garmisch normalerweise auch sehr gerne. Ich hoffe, dass auch Elisabeth Görgl mitreden kann, sie wurde hier 2011 Weltmeisterin im Super-G. Auch Nicole Hosp und die restlichen unserer Damen sollten mitsprechen können.

Kriechbaum coachte von 2004 bis 2008 die WC III rund um Hermann Maier

"Im Riesentorlauf haben wir mit Brem und Fenninger ganz starke Läuferinnen, danach ist – wenn man Zettel jetzt wegnehmen würde – ein kleines Loch drin. Dann kommt Michaela Kirchgasser, die immer wieder tolle Leistungen bringt, aber nur selten ganz vorne in der Weltklasse zu finden ist. Sie ist eine, die etwas gutzumachen hätte. Dieses Loch gilt es zu füllen. Im Slalom haben wir einige Läuferinnen, die nachkommen. Mit Schild, Hosp und Zettel – sofern sie wirklich aufhören – hätten wir drei Siegläuferinnen der vergangenen Jahre, die wegfallen. Das zu kompensieren, ist nicht einfach. Zeller, Truppe und Haaser rücken aus dem Europacup nach. Dann könnten wir mit bis zu zwölf Läuferinnen im Slalom starten. Da sind einige dabei, die zwar keine Rennen gewinnen, aber im Weltcup Fuß fassen können. Das ist der erste Schritt. Bernadette Schild, Michaela Kirchgasser und auch Carmen Thalmann sollten aber öfter ganz vorne zu finden sein. Die Situation ist gut – gemessen an Siegläuferinnen ist der Slalom aber die schwächere Disziplin.

LAOLA1: Bei welcher jungen Läuferin orten sie das größte Potential?

Kriechbaum: Das wäre zu früh. Rosina Schneeberger muss man auch dazu zählen. Sie hat sich in ihrem ersten Slalom in Levi gleich qualifiziert, sich aber leider das Kreuzband gerissen. Sie ist aber auch eine sehr vielversprechende Läuferin. Man kann nicht prognostizieren, wer es wie weit schafft. Das hängt von zu vielen Faktoren ab.

LAOLA1: Nina Ortlieb kämpft sich von ihrer schweren Knieverletzung mit gerade einmal 18 Jahren im Europacup zurück und zeigt ansprechende Leistungen. Wann kann man mit ihr im Weltcup rechnen?

Kriechbaum: Sie hat sich leider neben dem Kreuzband auch die Patella-Sehne gerissen. Heuer hat man versucht, ein gutes Aufbau-Training zu machen – konditionell und skitechnisch. Sie ist sehr ehrgeizig, manchmal sogar zu ehrgeizig. Wir sind dran, auch im Speed-Bereich für die nächste Generation ein spezifischeres Programm aufzubauen. So wollen wir die Läuferinnen auf dem Weltcup vorbereiten.

LAOLA1: Im Herren-Team gibt es die vieldiskutierte Nachwuchs-Krise. Warum gibt es im Damen-Team kein riesiges Loch hinter der Generation Götschl, Dorfmeister, Meissnitzer?

Kriechbaum: Ich bin vom Herren-Team zu weit weg, um das beurteilen zu können. Mein Verantwortungs-Bereich ist jener der Damen. Da ist die Nachwuchs-Situation ganz okay, sie war schon einmal schlechter. Im technischen Bereich haben wir schon noch einige Läuferinnen, die große Qualität haben. Das kann ich sagen, ohne vermessen zu sein.

 

Das Gespräch führte Matthias Nemetz

LAOLA1: Anna tat sich in Garmisch auf der Abfahrt immer schwer, Platz 13 war ihr bestes Ergebnis. Kann sich das heuer ändern oder ist die Abfahrt einfach nichts für sie?

Kriechbaum: Wie gesagt, oben ist ein langes Gleitstück drin, das mag sie vielleicht nicht so sehr. Man hat aber heuer in Val d’Isere gesehen, dass sie in solchen Passagen auch schnell sein kann. Bei der WM war auch ein langes Gleitstück drin, wo sie schnell war. Optimal ist es für sie nicht, es geht aber mittlerweile. Es ist nicht so, dass sie überhaupt keine Chance hat.

LAOLA1: Um nochmals auf Bansko zurückzukommen: Der Sieg in der Kombi wurde als Sensation gefeiert, waren sie ebenfalls von Annas Slalom-Leistung überrascht?

Kriechbaum: Wir wissen, dass Anna mit der richtigen Konzentration viel machen kann. Im Slalom benötigt es normalerweise aber sehr viel Training, um schnell zu sein. Sie hat bewiesen, dass vieles möglich ist, wenn man von Haus aus eine gute Skifahrerin ist und eine gute Grundausbildung hat. Das war richtig stark. Das war wirklich eine sehr positive Überraschung, die möglicherweise auch nicht oft gelingt.

LAOLA1: Der Kampf im Gesamtweltcup zwischen ihr und Tina Maze spitzt sich immer mehr zu. Wie muss Anna damit umgehen?

Kriechbaum: Ihr Weg, damit umzugehen, ist gut. Sie versucht, sich auf die Rennen zu konzentrieren, die anstehen. Sie weiß, dass sie Siege braucht, wenn sie dran bleiben und mitkämpfen will. Das versucht sie bei jedem Rennen. Dazu braucht es hohes Risiko und das nötige Selbstvertrauen. Es sieht so aus, als hätte sie das im Moment. Jede Läuferin weiß, dass am Schluss abgerechnet wird. Bis dorthin muss man mit aller Härte und Konsequenz arbeiten, bis zum letzten Schwung. Man darf nicht zu viel rechnen - egal, ob man ein Rotes Trikot anhat oder nicht. Das muss man bei Seite schieben. Man muss sich im Moment befinden und sich nicht durch Berechnungen oder Favoritenrollen ablenken lassen.

LAOLA1: Für Tina Maze spricht, dass sie zwei Rennen – die beiden Slaloms – mehr hat. Ist das ein großer Vorteil?

Kriechbaum: Das ist sicher ein Vorteil. Vor allem dann, wenn sie so gut fährt, wie man es heuer schon von ihr gesehen hat. Dann könnte sogar ein großer Vorteil daraus werden. Der Slalom in Are liegt ihr sehr gut, der Hang generell. Es ist alles offen. Sie wird schauen, dass sie alles herausholt. Man hat in Bansko gesehen, dass sie gut fährt und nicht müde wird.

LAOLA1: Wie sehr schmerzt die Absage des zweiten Super-G in Bansko? Könnten die Punkte am Ende fehlen?

Kriechbaum: Mitunter schon. Letztes Jahr stellte sich diese Frage in Crans Montana auch, als Andrea Fischbacher Anna den Sieg wegschnappte. Da hat es auch geheißen, dass die 20 Punkte genau die sein könnten, die fehlen. Es ist möglich, aber nicht sicher. Es ist Fakt, dass der Super-G nicht stattfindet. Ein Slalom wird weniger leicht abgesagt, als ein Speed-Rennen, damit muss man leben und nicht zu viel darüber nachdenken.

LAOLA1: Abseits vom Kampf um den Gesamtweltcup haben Nicole Hosp und Kathrin Zettel durchklingen lassen, dass es für beide die letzte Saison werden könnte. Steht das ÖSV-Damen-Team vor einem Umbruch?

Kriechbaum: Wir sind schon mitten im Umbruch. Vor einigen Jahren haben Weltklasse-Läuferinnen wie Götschl, Dorfmeister und Meissnitzer ihre Karrieren beendet. Da war es das Um und Auf, wieder Läuferinnen zu haben, die überhaupt im Weltcup fahren. Zu Beginn haben wir nicht einmal alle Startplätze voll bekommen. Das Loch wurde jetzt etwas gefüllt. Das heißt aber noch nicht, dass man mehr Sieg-Läuferinnen hat. Auf der einen Seite haben wir Anna Fenninger, die im Speed eine Sieg-Läuferin ist und Cornelia Hütter, die noch sehr jung ist und in der Weltspitze ist. Ich hoffe, dass die ein oder andere Läuferin – wie Mirjam Puchner oder Ramona Siebenhofer – nachziehen. Da müssen wir aber erstmal unter die ersten Zehn kommen. Das Zeug dafür haben sie allemal."

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