Hirscher: "Nichtstun war der Horror für mich!"

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„Wenn ich ehrlich bin, möchte ich in jedem Trainingslauf, in jedem Durchgang und in jedem Rennen die Bestzeit haben.“

Marcel Hirscher kennt nur ein Gas. Vollgas. „Das war schon immer so“, stellt der 22-Jährige dann im Gespräch mit LAOLA1 noch klar.

Mit einem Aber: „Ich weiß schon, dass das Wunschdenken ist. Und es ist jetzt nicht so, dass ich enttäuscht bin, wenn es nicht klappt.“

Was treibt Marcel Hirscher an?

Am Sonntag im Riesentorlauf in Beaver Creek (Rennbericht) klappte alles.

Im zweiten Rennen nach seinem Comeback, der Salzburger hatte sich im letzten Rennen vor der Ski-WM in Garmisch das Kahnbein gebrochen, feierte er seinen vierten Weltcup-Sieg.

Im großen LAOLA1-Interview mit dem rot-weiß-roten Ski-Hoffnungsträger der nächsten Jahre geht es aber nicht nur um Bestzeiten und Erfolge.

Marcel Hirscher spricht über Ängste und Sorgen, den neuen Umgang mit seinem Körper und er verrät, warum er kein Problem damit hätte, auch als Surfer Erfolg zu haben.


LAOLA1:
Gratulation zum Sieg gleich im zweiten Rennen nach dem Comeback. Ist das der stärkste Marcel Hirscher aller Zeiten?

Marcel Hirscher (lacht): Beim Bankdrücken auf jeden Fall.

LAOLA1: Und wie sieht es mit dem Skifahren aus?

Hirscher: In der Vorbereitung war ich lange ziemlich verhalten unterwegs. Normalerweise gehören Stürze im Training dazu, weil nur so weiß man, wo die Grenzen liegen. Aber das hat bei mir ziemlich lange gedauert, auch weil im Hinterkopf lange Zeit mitgefahren ist, wie weh es tun kann, wenn man stürzt.

LAOLA1: Wann hast du gewusst, dass du wieder schnell bist und ganz vorne mitfahren kannst?

Hirscher: Ich bin um einiges schlauer geworden, vielleicht hat es mich auch ein bisschen erwachsener gemacht. Wenn man verletzt ist, erkennt man erst, wie wichtig die Gesundheit eigentlich ist. Und ich habe auch gemerkt, dass mein Körper dankbar war für die längere Pause, die ihm durch die Verletzung gegönnt wurde.

LAOLA1: Wie muss man sich das vorstellen?

Hirscher: Die letzten drei Jahre mit Weltcup, Europacup und FIS-Rennen waren schon heavy. Auch weil ich keiner bin, der Pause macht, denn ich will ja immer weiter nach vorne. Aber jetzt habe ich das erste Mal gesehen, dass eine Pause manchmal notwendig ist.

LAOLA1: Du hast diese Pause auch genützt, um dich einer neuen Sportart anzunähern: dem Wellenreiten?

Hirscher: Ja, ich war eine Woche Surfen in Ericeira, Portugal. Damit habe ich mir einen Traum erfüllt, das war eine brutal schöne Abwechslung und tolle Erfahrung. Ich, das Gebirgskind, im offenen Meer, das war anfangs doch eine Überwindung für mich. Aber ich habe mir ziemlich leicht getan und bin am ersten Tag gleich ein paar Weißwasserwellen gesurft. Und zum Abschluss der Woche hatte ich eine super Welle von draußen bis zum Strand.

LAOLA1: Fortsetzung folgt also?

Hirscher: Auf jeden Fall! Für mich ist das der perfekte Urlaub. Weil nur auf der Liege faulenzen, da kriege ich nach zwei Tagen die Krise. Und außerdem ist mein Ehrgeiz jetzt geweckt, weil die Babywellen, die ich gesurft bin, mit ein, zwei Metern waren doch ziemlich harmlos.

LAOLA1: Marcel Hirscher, der Draufgänger?

Hirscher: Nein, nein, so ist das auch wieder nicht. Wenn man die Materie kennenlernt, hat man großen Respekt vor den Leuten, die es wirklich beherrschen. Wellenreiten ist ein brutal schwerer Sport. Aber auf der anderen Seite ist so ein Leben als Surfer sicher auch nicht schlecht. Ich kann die Faszination für diesen Lifestyle absolut nachvollziehen.

LAOLA1: Im Gegensatz zum Surfen kommt man beim Motocrossen meist schmutzig von der Arbeit nach Hause?

Hirscher: Meine Leidenschaft fürs Motocrossen ist im Sommer trotzdem weiter gewachsen. Ich war viel mit Matthias Walkner (MX-Profi, Anm.) unterwegs. Das ist schon super, wenn man sieht, was eigentlich los ist. Weil man selbst glaubt ja, dass man es eigentlich eh nicht so schlecht kann, aber da fehlt es halt schon weit.

LAOLA1: Apropos weit: Was darf in deinem Koffer nicht fehlen, wenn es auf große Reise geht?

Hirscher: Unterhosen, Ski-Unterwäsche, Rennanzug …

LAOLA1: Wir haben eher an Dinge gedacht, die dir das Leben abseits der Rennen angenehmer machen, Bücher zum Beispiel oder ein Laptop?

Hirscher: Der Laptop muss immer mit, ohne könnte ich nicht überleben. Ich bin eher der Film- und nicht so der Bücher-Typ. Am liebsten schaue ich mir die neuesten Streifen aus Hollywood an, da ist man in Sachen guter Unterhaltung eigentlich fast immer auf der sicheren Seite.

LAOLA1: Wir danken für das Gespräch.

Das Interview führte Stephan Schwabl

Hirscher: Vor der Saison war schon eine Ungewissheit da. Es gehen so viele Gerüchte herum, das ist teilweise richtig verwirrend. Wer ist schnell? Wem fehlt die Form? Mir ist es teilweise richtig gut gegangen, aber ich hatte auch schlechte Tage. Da hätte man meinen können, dass ich nicht in Topform bin.

LAOLA1: Dass es ausgerechnet bei den Übersee-Rennen mit dem Sieg klappt, damit durfte man nicht unbedingt rechnen, oder?

Hirscher: Vor drei, vier Jahren bin ich gar nicht gerne nach Amerika gefahren. Denn ich war eigentlich immer langsam. Aber wir haben viel gemacht im flachen Gelände, haben versucht diese Schwäche wegzubringen. Jetzt hat sich die harte Arbeit ausgezahlt.

LAOLA1: Und der „Mr. Riesentorlauf“ Ted Ligety ist auch entzaubert und also doch nicht unschlagbar?

Hirscher: Dass ich den besten Riesentorläufer der Welt ausgerechnet auf seinem Hang geschlagen habe, macht den Sieg noch cooler. Ich habe immer gewusst, dass jeder zu schlagen ist, aber dass es mir gelungen ist, freut mich ganz besonders.

LAOLA1: Wie schwer ist dir, der du eigentlich immer und überall Gas gibst, das Nichtstun nach der Verletzung gefallen?

Hirscher: Am Anfang war es der Horror! Aber ich bin dann ins Fitnessstudio und habe mir ein Computer-Spiel gekauft. „Dirt 3“, da bin ich dann bis auf Platz 33 in der Weltrangliste gekommen. Damit habe ich mein Ziel, unter die Top-100 zu kommen, erreicht. Und auch sonst habe ich versucht, die Zeit für mich zu nützen.

LAOLA1: Was hast du abgesehen von virtuellen High-Scores noch von deiner ersten schweren Verletzung mitgenommen?

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