"Dann fahren wir im Slalom nur mit drei Fahrern"

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Andreas Puelacher ist ein Mann klarer Worte.

Der ÖSV-Herrenchef, der bereits nach dem Sölden-Riesentorlauf Kritik an einigen Fahrern übte, zeigt sich mit der bisherigen Saison nicht vollends zufrieden.

„Es ist also nicht alles gut und nicht alles schlecht, so ein Mittelding“, lässt er sich nicht von Marcel Hirschers Siegen täuschen.

In den technischen Disziplinen ortet er ob des kleinen, überalteten Teams eine riesige Lücke. Diese könne auch nicht von heute auf morgen geschlossen werden: „Da fehlen uns einfach viele Jahrgänge. Mario Matt ist ein 79-er Jahrgang, Marcel Hirscher ist 89er. Dazwischen sind zehn Jahre, in denen wir keinen Athleten haben, der permanent unter die Top 15 fährt. Die ganzen Jahrgänge fehlen uns.“

Dennoch wolle der Tiroler nicht auf Zwang junge Fahrer im Weltcup starten lassen. „Ich verheize die Jungen sicher nicht, nur weil wir oben keine Fahrer haben. So kann ich sie vernichten, das mache ich nicht.“

Warum er bereits im Sommer wusste, dass Marcel Hirscher das Maß aller Dinge ist, wie er die jungen Talente an den Weltcup heranführen will, ein ÖSV-Jungspund der beste 95er-Jahrgang der Welt ist und er trotz der bei den ÖSV-Fahrern ungeliebten Gleitstrecke in Gröden viel erwartet, erzählt Andreas Puelacher im LAOLA1-Interview:

LAOLA1: Neun Rennen sind bisher gefahren, damit fast schon ein Viertel der gesamten Saison. Wie zufrieden sind Sie mit den bisherigen Leistungen Ihrer Herren?

Andreas Puelacher: Da muss man ein bisschen unterteilen. Die Top-Leute wie Marcel Hirscher und Benjamin Raich haben sehr gute Leistungen gebracht, da bin ich sehr zufrieden. Dann gibt es Hannes Reichelt, Max Fraz, Otmar Striedinger und Matthias Mayer, die auch gute Leistungen gebracht haben aber zu unkostant sind. Von den anderen Leuten, speziell im Riesenslalom und Slalom, erwarte ich mir mehr. Alle fahren gut Ski, aber der letzte Speed fehlt, um ganz vorne hinzukommen. Wir haben aber versucht, das jetzt zu verbessern. Wir hatten gute Trainings in Sölden. Es ist also nicht alles gut und nicht alles schlecht, so ein Mittelding.

LAOLA1: Marcel Hirscher ist in den technischen Disziplinen nach wie vor eine Macht. War bereits im Sommertraining absehbar, dass er auf einem solch hohen Level ist?

Puelacher: Ich finde schon, ja. Man hat gesehen, dass er top vorbereitet ist und in einer sehr guten körperlichen Verfassung ist. Das Material hat er mit seiner Firma zusammen gut abgestimmt. Das ist auch Benni (Raich/Anm.) zugute gekommen. Im Riesenslalom haben sie tolles Material mit einer Top-Abstimmung. Das ist eine Voraussetzung, dass man schnell sein kann.

Puelacher: Man darf eines nicht vergessen: Wir haben im Moment auch noch etwas Pech, dass sich Manuel Feller verletzt hat. Er ist in diesem Bereich eine große Hoffnung. Es sind schon einige da, wir haben aber noch nicht die Konstanz, um gezielt zu arbeiten und sie nach vorne zu bringen. Deshalb habe ich in Are nur fünf Leute eingesetzt, die Jungen habe ich im Europacup fahren lassen. Das ist voll aufgegangen, weil sie gepunktet haben. Jetzt müssen sie sich einfach Schritt für Schritt nach vorne arbeiten. In ein, zwei Jahren brauchen wir sie, vorher wird es nicht gelingen. Ich verheize die Jungen sicher nicht, nur weil wir oben keine Fahrer haben. So kann ich sie vernichten, das mache ich nicht. Wenn es sein so sein sollte, dass wir für oben nur drei Fahrer haben? Ok, dann fahren wir nur mit diesen drei. Wir haben nicht mehr, wir können nicht zaubern. Die Frage, warum wir die nicht haben, muss nicht ich beantworten, da müsste man andere Leute fragen.

LAOLA1: Wie bereits angesprochen schmerzt Manuel Fellers Verletzung jetzt doppelt. Vor allem, da er im Training voll dabei gewesen sein soll, sogar in Hirscher-Regionen.

Puelacher: Bei Marcel würde ich jetzt nicht gerade sagen, aber knapp dahinter. Mit Mario (Matt/Anm.) und diesen Leuten ist er gut mitgefahren und war auf einem guten Weg. Was soll man tun. Er hätte einiges wettmachen können. Bei ihm sieht man gut, dass man die Jungen schon hinbekommt, wenn man gezielt und gut arbeitet. Das braucht aber einfach Zeit. Die bekommen sie von mir auch.

LAOLA1: Juniorenweltmeister Marco Schwarz ist einer der wenigen jungen Läufer, die für Aufsehen sorgen. Wie lange braucht er noch?

Puelacher: Das ist schwer zu sagen. Er ist wahrscheinlich der weltweit stärkste 95-er Jahrgang, den es gibt. Ich will keinen Spezialisten aus ihm machen. Man muss ihn an den Riesentorlauf und den Super-G heranführen. Er wird irgendwo nach vorne stoßen müssen, sei es im Riesentorlauf oder im Slalom. Aber ich möchte nicht die anderen Disziplinen zurückstellen und so seine Entwicklung stören. Man will ihn in mehreren Bewerben aufbauen, nicht nur im Slalom.

LAOLA1: Marcel Mathis wäre auch noch ein junger Fahrer für den Riesentorlauf, hat aber seit einiger Zeit mit Problemen zu kämpfen und war zuletzt gar nicht mehr im Weltcup-Team. Woran liegt es bei ihm?

Puelacher: Er macht in seiner Entwicklung gerade ein Wellental durch. Mir tut der Bub leid. Er gibt alles, dass er den Anschluss schafft, tut sich aber einfach schwer. Es funktioniert nicht so, wie er es will. Bevor er jedes Mal eine auf die Rübe kriegt und ein Negativerlebnis durchmacht, haben wir gesagt, wir nehmen ihn raus und lassen ihn Europacup fahren. Wir versuchen so, ihn wieder aufzubauen, dass er Selbstvertrauen tankt und dann wieder in den Weltcup kommt.

LAOLA1: Wird der Gesamtweltcup ein Zweikampf zwischen Hirscher und Kjetil Jansrud?

Puelacher: Das ist fast noch zu früh, es kann noch so viel passieren. Marcel ist sicher einer der Mitfavoriten und auf einem guten Weg, aber Jansrud, Pinturault oder auch Ligety – wenn einer dieser Läufer einen guten Jänner hat, kann er auch eingreifen. Das hat man bei Ligety im Are-Slalom gesehen. Man darf die Leute nie abschreiben, das sind richtig gute Fahrer.

LAOLA1: Vor allem in den technischen Disziplinen sorgen die arrivierten Läufer für die guten Ergebnisse, dahinter klafft eine Lücke auf. Woran liegt das?

Puelacher: Da muss man unterteilen. Im Riesentorlauf bringen wir schon junge Leute hin. Das ist ja auch heuer schon passiert. Roland Leitinger ist jetzt hineingefahren, Vincent Kriechmayr oder Stefan Brennsteiner auch. Da kommen einige, die heuer immer wieder unter die ersten 30 fahren. Diese Leute können auch im Europacup mithalten, da sind wir dabei. Im Slalom wird es länger dauern, da fehlen uns einfach viele Jahrgänge. Mario (Matt/Anm.) ist ein 79-er Jahrgang, Marcel (Hirscher/Anm.) ist 89er. Dazwischen sind zehn Jahre, in denen wir keinen Athleten haben, der permanent unter die Top 15 fährt. Die ganzen Jahrgänge fehlen uns.

LAOLA1: Warum fehlen die? Wurde etwas falsch gemacht?

Puelacher: Das ist eine gute Frage. Ich weiß es nicht genau. Ich bin noch nicht lange genug zurück im ÖSV. Da jetzt Ursachenforschung zu betreiben, will ich nicht. Ich versuche, die Leute, die wir jetzt haben, nach vorne zu bringen. Im Europacup haben wir auch ein paar, die weiter vorne starten und sich etablieren. Das dauert noch ein, zwei Jahre, bis wir da wieder etwas haben. Davor haben wir keine Leute, die ganz nach vorne kommen.

LAOLA1: Mario Matt ist 35 Jahre alt, Benjamin Raich und Reinfried Herbst 36. Sollten diese drei Fahrer im Sommer ihre Karriere beenden, würde im Slalom neben Hirscher nur Wolfgang Hörl, der ebenfalls bereits 31 Lenze zählt, über bleiben.

LAOLA1: Hat er nach wie vor das Zeug dazu, in Zukunft ein Siegfahrer zu sein?

Puelacher: Ja, das hat er definitiv. Es ist natürlich schwierig, durch dieses Wellental zu kommen ist nicht so einfach. Wenn er so weiter arbeitet und nicht aufgibt, schafft er es. Davon bin ich überzeugt.

LAOLA1: Nun stehen die Speed-Rennen in Gröden an. Zuletzt lief es dort nicht nach Wunsch, Hannes Reichelt meint, die Gleitstrecke kommt den ÖSV-Fahrern einfach nicht entgegen.

Puelacher: Das ist mir egal. Ganz ehrlich gesagt, teile ich diese Meinung nicht ganz. Wir haben wenig Schnee, jetzt ist es noch warm und dann wird es kalt. Das bedeutet, dass es hart und interessant wird. Deshalb habe ich keine Angst, ich denke wir sind gut dabei. Den aggressiven Schnee aus Lake Louise, mit dem wir nicht zurechtgekommen sind, gibt es in Gröden nicht. Ich glaube, dass wir voll dabei sind.

 

Das Gespräch führte Matthias Nemetz

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