"Hart, das mitansehen zu müssen"

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"Diese Leute mussten irrsinniges Leid ertragen"

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Die Flüchtlingskrise ist und bleibt das bestimmende Thema in den Medien und der Gesellschaft.

Auch die heimischen Sportstars meldeten sich in jüngster Vergangenheit zu Wort. Marcel Hirscher, Anna Fenninger, David Alaba und Co. – sie alle plädieren für Menschlichkeit, Miteinander und Unterstützung und gegen Vorurteile, Angst und Hass.

Dem schließt sich auch Olympiasieger Matthias Mayer an. Doch der Kärntner und seine Familie beließen es nicht bei den Worten. Sie ließen Taten folgen.

Zwei Familien aufgenommen

Der Ski-Star hat mit Hilfe seiner Vertrauten zwei Flüchtlingsfamilien aufgenommen. „Meine Familie hat sich dafür eingesetzt, dass etwas getan wird. Über eine Bekannte, die ehrenamtlich bei einem Flüchtlingsheim arbeitet, haben wir den Kontakt hergestellt. Wir haben uns entschlossen, diesen Menschen eine Wohnung herzurichten und sie dann aufgenommen“, berichtet der 25-Jährige.

Dass es sich dabei um eine PR-Aktion handelt, kann ausgeschlossen werden. Mayer will sich nicht selbst beweihräuchern und betrieb selbst großen Aufwand. So legte er bei der Findung und Einrichtung der Unterkunft selbst Hand an: „Ich habe für die Wohnung und die Einrichtung gesorgt. Meine Mutter hat alles mit der Schule gemacht und lernt ihnen Deutsch. Sie sollen einfach bei uns integriert sein.“

Wenn „Mothl“ von den Menschen, die seit kurzem in sein Leben getreten sind, erzählt, funkeln seine Augen. „Die Kinder gehen in die Schule und durften heute erstmals mitturnen. Es ist einfach schön, welche Freude sie haben. Dieser unglaubliche Dank ist toll.“

„Hart, das mitansehen zu müssen“

Doch warum entschied sich der dreifache Weltcupsieger überhaupt, das Heft selbst in die Hand zu nehmen und zu handeln? „Die Idee wurde geboren, wir wollten es unbedingt umsetzen. Es ist hart, das alles über die Medien zu verfolgen und mitansehen zu müssen. Diese Leute mussten irrsinniges Leid ertragen, deswegen wollten wir etwas organisieren.“

„Für die zwei Familien mit Kindern haben wir es gut hinbekommen“, ist er mit dem Ergebnis überaus zufrieden.

Die Aktion stößt auch bei Teamkollegen auf Begeisterung. Marcel Hirscher zeigte sich bei „facebook“ beeindruckt und zollte Mayer Respekt: „Super Initiative Mothl!“

..vielen Dank an meine Familie und Freunde die mitgeholfen haben dieser Familie aus dem Irak ein Dach über dem Kopf zu...

Posted by Matthias Mayer on Montag, 21. September 2015

Vier Monate Fußmarsch

Beim persönlichen Kontakt mit den Flüchtlingen wurde Mayer daran erinnert, in welch außergewöhnlich guter Situation sich unsereins befindet. Von heiler Welt kann bei den irakischen Flüchtlingen keine Rede sein – ganz im Gegenteil.

„Sie waren vier Monate zu Fuß unterwegs. Sie haben die typische Route durchgemacht, von der Türkei mit einem kleinen Schlauchboot nach Griechenland und dann weiter über Mazedonien und Ungarn. Dort wurden sie zum Teil geschlagen und mussten einiges durchmachen“, erzählt Mayer von den persönlichen Gesprächen mit den irakischen Familien.

„Sie haben eine unglaubliche Geschichte zu erzählen. Mir kommt es wie ein Film vor. Was sie im letzten halben Jahr durchgemacht haben, hört sich nicht real an. Daher ist es schön, helfen zu können.“

Gutes erstes Schneetraining

In Zukunft wird der Abfahrts-Olympiasieger aber nicht mehr ganz so viel Zeit für Gespräche mit den Flüchtlingen haben. Die Ski-Saison rückt immer näher und Mayer ist immer öfter auf Reisen.

„Wir hatten zwei perfekte Wochen mit dem Abfahrtsteam in Chile, dort war es so gut wie lange nicht mehr. Es war ganz anders als im letzten Jahr in Ushuaia, damals haben schlechte Bedingungen geherrscht“, zeigt er sich mit den ersten Schnee-Einheiten überaus zufrieden.

Seine Ziele für die kommende Saison sind leicht gefunden. Da kein Großereignis ansteht, soll eine kleine Kristallkugel her. „Es wäre gelogen, wenn die kleine Kugel nicht das Ziel jedes Läufers wäre. Es ist meine erste Saison im Weltcup ohne Großereignis, deshalb muss ich vom ersten bis zum letzten Rennen voll dabei sein“, bestätigt er das Vorhaben indirekt.

Chance im Gesamtweltcup?

Dass man als Speed-Spezialist, der auch im Riesentorlauf passable Resultate erzielen kann, Chancen auf den Gesamtweltcup hat, zeigten Aksel-Lund Svindal und Kjetil Jansrud in der jüngeren Vergangenheit. Ist die große Kugel also auch ein Thema für Mayer?

„Das wurde letztes Jahr von unserem Präsidenten ins Spiel gebracht, ich habe darüber noch nicht nachgedacht“, winkt er ab und legt mit einem Schmunzeln nach: „Ich habe noch nicht einmal eine kleine Kugel gewonnen.“

Dem Riesentorlauf räumt er aber immer mehr Trainingszeit ein. Auch in Sölden (25. Oktober) wird „Mothl“ am Start sein. „Ich bin richtig heiß darauf“, kann er den Saisonstart kaum erwarten.

Vielleicht legt Mayer ja schon am Rettenbachferner den Grundstein für eine erfolgreiche Saison. Egal, wie die Ergebnisse dann aussehen - ein Gewinner ist er dank seiner Flüchtlings-Unterstützung schon jetzt.

 

Matthias Nemetz

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