"Ich konnte nicht nein sagen"

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"Nie mein Kindheitswunsch, vier Kugeln zu gewinnen"

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Die Weltcup-Saison ist vorbei, Urlaubs-Zeit für Marcel Hirscher.

Möchte man meinen, ist aber nicht so. Ganz im Gegenteil: Etliche Medien-Termine, Ehrungen und Pressekonferenzen stehen noch auf dem Programm.

So auch bei einer Pressekonferenz seines Kopfsponsors Raiffeisen, die im „DC Tower“ stattfindet. Der größte Skifahrer der Gegenwart im größten Gebäude Österreichs – ein passendes Bild.

„Es geht sicher wesentlich leichter von der Hand, als wenn das Thema der Pressekonferenz wäre, dass ich nichts gerissen habe“, lacht der vierfache Gesamtweltcupsieger im Gespräch mit LAOLA1.

Aktuell gehe es ihm viel besser als in vergangenen Jahren: „Ich weiß an gewissen Tagen, dass ich einfach Pause machen muss. Da gibt es nichts, keine Termine und keine Medien. Das konnte ich früher nicht, ich konnte nicht nein sagen.“

Der Annaberger heizt bei dieser Gelegenheit die Gerüchte um seine Zukunft etwas an: „Ich habe einige nette Artikel gelesen, wo spekuliert wurde, wie meine Zukunft aussieht. Vielleicht stimmt es, dass ich vermehrt Speed fahre, vielleicht nicht.“

Das Thema Auszeit sei aber „vom Tisch“. Weiters spricht Marcel Hirscher über seinen Legendenstatus, das „Red Bull Skills“, seine Mutter, ÖFB-Team, Anna Fenninger und mehr:

MARCEL HIRSCHER ÜBER…

… den schwersten und schönsten Moment der abgelaufenen Saison: Die Situation, die noch am präsentesten ist, war der Riesentorlauf in Meribel. Ich wusste, dass ich das Ding finalisieren soll bzw. muss. Ich hatte eine große Chance, musste aber Gas geben. Kjetil hat gut vorgelegt, alles in allem war das die schwierigste Situation für mich. Wahrscheinlich, weil sie noch so gut in Erinnerung ist. Es gab aber sicher Momente, die noch schwerer waren, wie zum Beispiel das erste Abfahrts-Training im Dezember in Beaver Creek oder der Kitzbühel-Super-G. Das sind Dinge, die einen irrsinnig stressen. Beim schönsten Moment wäre es ungerecht, einen herauszupicken. Jeder für sich hat etwas ganz besonderes.

… seine Sommerplanung: Ich habe einige nette Artikel gelesen, wo spekuliert wurde, wie meine Zukunft aussieht. Vielleicht stimmt es, dass ich vermehrt Speed fahre, vielleicht nicht. Es war jetzt noch nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Wenn ich beim Fenster hinaussehe, habe ich viel Freude, weil es zu Hause in Annaberg schneit. Das heißt, ich kann noch eine Zeit lang Skifahren. Das ist jetzt der kurzfristige Plan. Mittelfristig steht der Urlaub an und langfristig habe ich noch nicht überlegt, was in diesem Jahr ansteht. Ich denke aber nicht, dass es große Abweichungen geben wird.

… das Gefühl, vier Mal in Folge den Gesamtweltcup gewonnen zu haben: Im Vergleich zum ersten Mal fällt es mir leichter, es zu realisieren. Es war nie mein Kindheitswunsch, vier große Kugeln zu gewinnen. Das habe ich mir nie als Ziel gesetzt, weil es surreal ist. Solche Dinge sind für mich eine völlige Überraschung und freuen mich riesig. Ich versuche, sie anzunehmen – das gelingt mir ganz gut. Bei mir stellt sich eine gewisse Grundzufriedenheit ein. Ich merke, ich brauche und muss nicht mehr wirklich, will aber noch. Ich habe nicht das Gefühl, irgendjemandem etwas beweisen zu müssen. Das ist ziemlich cool, weil ich sehr relaxed sein kann und das machen kann, was ich will.

… die Idee, eine Saison zu pausieren: Das ist vom Tisch. Ich hoffe einfach, ich verletzte mich nicht. Das könnte aber natürlich passieren. Bis jetzt haben wenige ihre Karriere beendet, ohne sich einmal verletzt zu haben. Außerdem ist es fraglich, ob du nach einem Jahr Pause noch den Anschluss findest. Das Risiko einzugehen, wäre mir zu riskant. Ich will in den nächsten paar Jahren alles geben und versuchen, dafür vielleicht ein oder zwei Jahre früher aufhören.

… seinen guten körperlichen Zustand nach einer anstrengenden Saison: Körperlich ist es heuer wirklich genial. Ich merke jetzt schon, dass der Körper nach immer mehr Schlaf verlangt. Im Vergleich zu den letzten Jahren ist es aber richtig gut. Ich habe es auch mental sehr gut hinbekommen, weil ich mir meine Pausen gut gelegt habe. Das ist die Erfahrung, die ich gesammelt habe. Ich kann alles besser einschätzen. Ich weiß an gewissen Tagen, dass ich einfach Pause machen muss. Da gibt es nichts, keine Termine und keine Medien. Das konnte ich früher nicht, ich konnte nicht nein sagen. Ich wollte alles in einen Tag hineinquetschen. Der Tag hat aber einfach nur 24 Stunden, das musste ich lernen und akzeptieren. Das hilft mir jetzt viel weiter.

… die Ski-Tests in den kommenden Wochen: Die Deadline habe ich mir für 1. Mai gesetzt, bis dahin wird getestet. Ganz normales Training mit vielen verschiedenen Set-Ups und neuem Material. Ich werde auch diverse Weiterentwicklungen testen und herausfinden, ob sie sinnvoll sind. Danach richtet sich dann die Produktion.

… die Leistung des Fußball-Nationalteams: Das Spiel in Lichtenstein konnte ich mir nicht ansehen, weil ich eingespannt war. Man merkt, dass die einzelnen Spieler bei richtig guten Klubs spielen. Das ist ein sehr gutes Team, ich habe überhaupt keinen Zweifel an der Qualifikation für die EM. Die Burschen marschieren jetzt.

… die Bezeichnung „Legende“ für seine Person: Gute Frage, ich bin etwas sprachlos. Ich fühle mich nicht anders, als vor den Kugeln. Es hat sich in den vier Jahren schon viel geändert, es fühlt sich trotzdem fremd an. Legenden sind für mich Hermann Maier, Franz Klammer oder Stephan Eberharter. Vielleicht bin ich eine Legende, wenn ich einmal aufgehört habe und junge Skifahrer das so sehen.

… die Rolle seiner Mutter im Team, über die man wenig weiß: Es ist gut, dass über meine Mutter nicht so viel berichtet wird, weil sie das nicht will. Sie macht einen unglaublich guten Job als Mama und ist die beste Mutter der Welt. Das passt so.

… das „Red Bull Skills“, wo alle vier Disziplinen in einem Kurs gefahren werden: Das ist ein supercooles Format, das kann definitiv Zukunftsmusik sein. Ich wäre gerne dabei, weiß aber, dass es neben den ganzen Terminen zu gefährlich ist. Irgendwann bin ich dort aber einmal dabei, werde dafür aber andere Sachen streichen müssen. Das Format an sich ist gut, der Skifahrer an sich kommt sehr gut heraus.

… die vielen Termine nach der Saison: Es geht sicher wesentlich leichter von der Hand, als wenn das Thema der Pressekonferenz wäre, dass ich nichts gerissen habe. Trotzdem ist es sehr viel, jetzt ist aber die Zeit dafür. Es ist genauso ein Bereich, an den ich mich gewöhnt habe und mit dem ich rechne.

… Anna Fenninger: Sie war immer schon brutal erfolgreich. Schon als Schülerin war sie abartig gut. Im Endeffekt ist sie durchmarschiert, hatte zu Beginn im Weltcup aber kurz etwas gebraucht, um die richtigen Kontaktpersonen zu finden und den Durchbruch zu schaffen. Wenn sie will und Lust hat, einige Jahre zu fahren, zerreißt sie alles. Anna kann es.

 

Aufgezeichnet von Matthias Nemetz/Peter Rietzler

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