"Ich dachte, sie stirbt gleich"

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Wenn sich die Mutter mehr freut als die Siegerin selbst

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Dass es Kinder erfolgreicher Sportlerinnen und Sportler nicht immer leicht haben, wenn sie in die Fußstapfen ihrer Eltern treten wollen, ist hinlänglich bekannt.

So ist es auch bei Federica Brigone. Pardon – war es bei Federica Brignone. Denn beim Riesentorlauf in Sölden feierte die Italienerin ihren ersten Sieg im Weltcup. Damit fehlen ihr nur noch drei Erfolge, um mit ihrer Mutter gleichzuziehen.

Maria Rosa Quario feierte in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren vier Weltcup-Siege, allesamt im Slalom.

„Ich dachte, sie stirbt“

Bei der stolzen Mama war die Freude nach dem ersten Triumph ihrer Tochter riesengroß. Fast schon größer als bei Brignone selbst. „Sie hat sich so gefreut, ich dachte fast, sie stirbt. Sie hat sich mehr gefreut als ich“, nahm die 25-Jährige ihre „Party-Mutter“ mit einem Lächeln auf den Arm.

Nur um sich wenig später zu bedanken: „Es war toll, dass meine ganze Familie da war und meinen ersten Sieg mit mir feiern kann.“

Dass sich ihre Mutter wirklich mehr über den Sieg gefreut haben soll, als die gebürtige Mailänderin selbst, ist eigentlich nur schwer zu glauben. Denn Brignone konnte ihre Gefühle kaum in Worte fassen.

Lange auf Durchbruch gewartet

„Ich kann nicht wirklich glauben, was passiert. Es ist so toll. Als ich ins Ziel kam und das grüne Licht gesehen habe - das war einfach unglaublich“, so der überwältigte Lockenkopf.

Auf diesen besonderen Moment musste sie lange warten. 2009 krönte sie sich zur Junioren-Weltmeisterin, zwei Jahre später holte sie bei den „Großen“ Silber. Immer wieder wurde ihr der große Durchbruch prophezeit – immer wieder warfen Verletzungen sie zurück.

Brignones Mutter, Maria Rosa Quario, gewann vier Weltcup-Rennen

„Ich habe schon lange auf meinen ersten Sieg gewartet. Ich war nicht auf dem Niveau der Topläuferinnen - aber ich habe hart daran gearbeitet, dahin zu kommen“, blickte sie zurück.

„Ich war nervös“

Bereits vor vier Jahren führte sie einmal nach dem ersten Durchgang eines Riesenslaloms. Wie es der Zufall will, ebenfalls in Sölden. 2011 stürzte Brignone jedoch im zweiten Lauf.

Entsprechend angespannt ging sie auch diesmal ins Finale. Nur nicht wieder ausscheiden: „Ich war schon nervös, aber in den ersten Toren habe ich mir gesagt: Ich muss einfach nur runterfahren - und das habe ich gemacht.“

Nach einigen kleinen Fehlern im oberen Teil drohte ihr Traum vom Sieg zu zerplatzen. Mit einem starken Steilhang und einem noch besseren Schluss-Abschnitt sicherte sie sich aber souverän ihren ersten Sieg.

Motivations-Loch überwunden

Dabei sah es noch im Sommer nicht ganz so rosig aus. Nach der letzten Weltcup-Saison fiel sie in ein Motivations-Loch. „Letzte Saison war schon gut, aber danach war ich erledigt. Ich habe mir einige Zeit frei genommen“, beschrieb sie die Wochen und Monate nach dem Saisonfinale.

Ans Aufhören dachte die Italienerin aber nie: „Ich war immer knapp am Podium und am Sieg dran. Ich habe mir geschworen, alles zu geben, dass ich dieses Jahr gewinnen kann.“

Deshalb rackerte die rassige Südländerin so intensiv, wie noch nie zuvor: „Ich habe härter trainiert, als jemals zuvor. Ich musste athletischer werden, das habe ich geschafft. Jetzt kann ich noch mehr attackieren, das ist mir heute entgegen gekommen.“

„Längst überfällig“

Im ersten Durchgang distanzierte sie die Konkurrenz um fast eine Sekunde. Auch deshalb qualifizierte man sich mit einem Rückstand von viereinhalb Sekunden noch für das Finale. Am Ende verwies Brignone Mikaela Shiffrin um 85 Hundertstel auf Platz zwei, nur drei weitere Athletinnen verloren weniger als zwei Sekunden auf die Siegerin.

Für die fulminante Performance setzte es Lob von allen Seiten: „Mich hat es nicht überrascht. Ich habe schon vor dem Rennen gesagt, dass sie längst überfällig für einen Sieg ist“, so Eva-Maria Brem, deren Top-10-Serie hielt.

Auch Shiffrin war von der Erstplatzierten begeistert: „Sie fährt so kraftvoll – einfach toll!“

Erst der Anfang

Brignone wollte sich von dem großen Abstand nicht blenden lassen. Sie weiß, dass die Konkurrenz nicht schläft: „Ich muss weiterhin an mir arbeiten und besser werden. Die anderen Läuferinnen holen wieder auf.“

Nachsatz: „Heute genieße ich aber den Tag und feiere mit meiner ganzen Familie.“

Der Brignone-Clan hat auch allen Grund zum Feiern. Immerhin hält die Familie nun bei fünf Weltcupsiegen. Wenn Brignone so weiterfährt, werden wohl noch einige dazukommen.


Aus Sölden berichtet Matthias Nemetz

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