ÖSV-Adler haben Vormachtstellung verloren

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Der „worst case“ wurde abgewendet.

Mit der Silbermedaille im Teambewerb haben Österreichs Skispringer auf den letzten Drücker verhindert, erstmals seit den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City beim wichtigsten Wintersport-Ereignis der Welt leer auszugehen.

Dank einer geschlossenen Mannschaftsleistung – keiner stach heraus, niemand fiel ab – kämpften die rot-weiß-roten Adler bis zum letzten Sprung um den dritten Olympia-Sieg in Folge, der jedoch um 2,7 Punkte an die Mannschaft aus Deutschland ging.

Vettori zufrieden

Nach außen hin gaben sich die Verantwortungsträger zufrieden, ob sie das allerdings auch wirklich sind, darf mehr als bezweifelt werden.

„Ich habe gesagt, wenn wir überall eine Medaille machen, bin ich sehr zufrieden“, erklärt Sportdirektor Ernst Vettori auf Nachfrage von LAOLA1.

Mit überall sind übrigens die Skisprung-Damen und -Herren sowie die Kombinierer gemeint.

2006 durfte der ÖSV allerdings noch drei Springer-Medaillen bei den Herren feiern, 2010 ebenfalls.

Pflicht erfüllt

Alexander Pointners Mannen haben im RusSki Gorki Jumping Center zu Sotschi zwar die Pflicht erfüllt, von einer Kür war jedoch weit und breit nichts zu sehen.

„Wir sind furchtlos in jede Konkurrenz gegangen, waren gut vorbereitet und haben zweimal daneben gegriffen. Die Situation wird immer schwieriger, weil von außen immer mehr Einfluss da ist“, sucht Pointner nach einer Erklärung.

Auf die LAOLA1-Frage, ob er denn rückblickend etwas ändern würde, meint er kurz und knapp: „Nein, gar nichts.“

"Unfair" den Jungen gegenüber

Die gerissene Gold-Serie – seit 2005 war Österreich in jedem Teambewerb im Rahmen eines Großereignisses (WM, Olympia) siegreich – scheint ihn nach außen hin wenig zu stören.

Es sei den Jungen wie Thomas Diethart und Michael Hayböck gegenüber, „komplett unfair“, zu sagen, es wäre „nur Silber“ geworden.

Freilich ist es für die beiden Shootingstars dieser Saison ein riesiger Erfolg und auch Gregor Schlierenzauer, der damit seine Medaillensammlung komplettierte, und Thomas Morgenstern, der sein eindrucksvolles Comeback mit Silber krönte, dürfen sich zurecht über Silber freuen.

Vormachtstellung verloren

Was bleibt, ist aber die Erkenntnis, dass von der einstigen Vormachtstellung der Österreicher nichts übrig blieb.

„Die Zeiten sind vorbei, in denen wir mit über 100 Punkten Vorsprung gewonnen haben“, versucht Gregor Schlierenzauer erst gar nicht, etwas schön zu reden. Die Gründe dafür sind vielfältiger Natur.

„Es hat sich viel getan im Materialbereich, aber auch bei den anderen Nationen mit österreichischen Trainern. Es schiebt sich immer mehr zusammen“, weiß der Tiroler.

"Schlieri" spricht Klartext

Bereits nach dem Einzelbewerb auf der Großschanze hatte der 24-Jährige urgiert, dass der ÖSV in puncto Material und Technik nicht mehr „up to date“ sei.

Der Titelverteidiger im Gesamtweltcup hat die Zeichen der Zeit erkannt und scheut sich nicht davor, (öffentlich) Kritik zu üben.

Das kommt natürlich nicht bei jedem gut an. Viele werfen dem erfolgreichsten Weltcup-Skispringer aller Zeiten vor, ein schlechter Verlierer zu sein.

Dabei ist es wichtig, den Finger auch mal in die Wunde zu legen. Nur so kann verhindert werden, dass in vier Jahren tatsächlich der „worst case“ eintritt.


Aus Sotschi berichtet Christoph Nister

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