Das ärmste Team der Welt

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Koreanisches 'Cool Runnings': Ohne Geld und Ahnung

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Vier Athleten, die von ihrer Sportart wenig Ahnung haben, ein verrückter Trainer und das große Ziel Olympische Spiele.

Die Zutaten, die bei "Cool Runnings" perfekt funktionierten und aus dem jamaikanischen Bob- ein international beliebtes Kult-Team werden ließen, nahmen sich südkoreanische Produzenten zum Vorbild.

Dort entstand, aufgebaut auf demselben Prinzip, im Jahr 2009 der Film "Take off". Ziel im Film war es, eine schlagkräftige Skisprung-Mannschaft für Nagano 1998 auf die Beine zu stellen.

Wie beim Original blieb ein sportliches Happy End aus, dafür flogen den Sportlern die Sympathien der Fans zu.

"Take off" begeisterte das Publikum und avancierte zu einer der erfolgreichsten Produktionen aller Zeiten in Südkorea. Mit einem Einspielergebnis von mehr als 52 Millionen Dollar rangiert der Streifen heute auf Platz 14 der ewigen Bestenliste.

Vom Hype ist "wenig übrig geblieben"

Davon profitierten auch die echten Athleten, denen die Filmfiguren nachempfunden wurden. Südkoreas Skispringer hatten zahlreiche TV-Auftritte und wurden so in ihrer Heimat zu Stars, wie Trainer Wolfgang Hartmann bestätigt.

Der gebürtige Garmischer schwingt seit zweieinhalb Jahren das Trainerzepter bei den Asiaten und erklärt, dass vom Hype wenig übrig geblieben ist. „Jeder kennt das Team. Die Sportler hatten viele Auftritte, aber davon ist wenig übrig geblieben.“

Zwar hält der 55-Jährige viel von seiner Truppe („Die Mannschaft hat Potenzial, die Athleten sind motiviert“), doch nach dem Gewinn einiger Medaillen bei Winter-Universiaden blieb der große Erfolg auf internationaler Bühne aus.

Jahresbudget vom Verband: Null Euro

Für Hartmann kein Wunder, fehlt es doch an allen Ecken und Enden. Vor allem der finanzielle Aspekt setzt seiner Truppe gehörig zu. „Wir haben eine Budgetierung von null Euro“, hält er nüchtern fest. Der Verband halte dies bei diversen Wintersportarten ähnlich und schieße kein Geld zu.

Um überhaupt an den Start gehen zu können, müssen die Koreaner eine Quote erfüllen. Da sie diese geschafft haben, steht ihnen Reisegeld zur Verfügung, das die jeweiligen Veranstalter an die Nationen ausschütten müssen. „Das sind ungefähr 30.000 Euro“, erklärt Hartmann, der als Mädchen für alles herhalten muss.

Betreuer gibt es keinen, die Athleten sind für ihr Material selbst verantwortlich, um den Rest kümmert sich Hartmann, dem ein Co-Trainer („Er spricht kein English, sein Deutsch wird etwas besser“) zur Seite steht. Ausrüsterverträge hat der Bayer an Land gezogen, doch der Konkurrenz können sie zwangsläufig nicht Paroli bieten.

Neuer Anzug plötzlich verschwunden

„Das Hauptproblem ist, dass 50 Prozent der Skispringerei über den Sprunganzug geht“, parliert Hartmann. „Da haben wir die größten Probleme, weil die anderen Nationen bei jedem Weltcup mit zwei neuen Anzügen auftauchen. Wir springen seit acht Wochen mit denselben.“

In Falun wurde er mit einem weiteren Problem konfrontiert. Ausgerechnet, als neue Anzüge eintrafen, hat einer seiner Athleten seinen in einem Media Shuttle vergessen. Erst nach stundenlanger Schnitzeljagd ist er wieder aufgetaucht.

Choi und Co. springen hinterher, die Koreaner erwarten dennoch Medaillen

Auch die Trainingsmöglichkeiten für die Südkoreaner sind alles andere als einfach. Vor Ort gibt es ausschließlich in Pyeongchang Schanzen. Im Sommer sind diese allerdings extrem windanfällig. Hartmann erklärt es anhand eines Beispiels: „Wenn ich vier Wochen drüben bin, würden sich normalerweise 200 Sprünge ausgehen, wir können 15 machen. Das kapieren sie (vom Verband, Anm.) aber nicht. Sie haben ja eine Schanze und glauben, da geht das.“

Vorstellung und Realität harmonieren nicht

Im Winter wohnen die vier Athleten - Heung-Chul Choi, Seou Choi, Chil-Ku Kang und Hyun-Ki Kim - vorwiegend in einem gemieteten Apartment in Garmisch. „Wir sind insgesamt acht Monate in Europa. Das ist nicht ganz einfach, weil zwei verheiratet sind und Kinder haben", weiß Hartmann. Die Motivation sei dennoch hoch, Choi und seine Kollegen leben für den Skisprung-Sport.

Doch nicht nur kurzfristig erweist sich das Projekt Südkorea für den Wandervogel – er arbeitete zuvor u.a. sechs Jahre mit den schwedischen Herren – als Mammutaufgabe. Auch im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2018 in Pyeongchang stehen die Vorzeichen schlecht.

„Sie glauben, sie haben einen deutschen Trainer und holen jetzt die Goldmedaille 2018. Die Realität sieht komplett anders aus.“ Hartmanns Athleten sind fast durchgehend 30 Jahre oder älter. Grundsätzlich ist das im Skispringen kein Problem, wie Noriaki Kasai Jahr für Jahr beweist, doch von nachhaltiger Arbeit ist keine Spur.

Kein Nachwuchs, keine Vereine, keine Ahnung

Es gebe schlicht und einfach keinen Nachwuchs. „Null! Sie haben kein Nachwuchssystem und sie haben keine Vereine“, ist der Cheftrainer irritiert und rechnet ab: „Das Hauptproblem ist, dass sie von Wintersport null Ahnung haben.“ Auch bei den Veranstaltungsorten für Olympia in drei Jahren gebe es zuhauf Unstimmigkeiten. „Sie sind so weit hinten, dass es eine Katastrophe ist.“

Ob er dann noch mit an Bord ist, weiß Hartmann nicht. Zwar habe er solange Vertrag, doch die Verbandsbosse haben Probleme mit seiner direkten Art. „Im Leistungssport interessiert mich keine Hierarchie“, lässt er sich nichts vorschreiben. „Derjenige mit dem größten Wissen und der nötigen Erfahrung, sagt, wo es lang geht. Nicht aber jemand, der von der Sportart nichts weiß.“

So gesehen wäre ein erfolgreiches Abschneiden der Koreaner in drei Jahren ein echtes Wunder. Und Stoff für einen weiteren Blockbuster.


Aus Falun berichtet Christoph Nister

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