Mario Stecher: Eine Legende tritt ab

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Aus und vorbei.

Mario Stecher hat seine Karriere als Profisportler beendet und ist ab sofort Nordischer Kombinierer außer Dienst.

Der 37-jährige Steirer war extra zur Nordischen Ski-WM in Falun gereist, um den Medienvertreten in passendem Ambiente seinen Rücktritt zu erklären.

LAOLA1 fasst die wichtigsten Aussagen Mario Stechers zusammen:

Die Rücktrittsverkündung

Nach reiflicher Überlegung habe ich mich dazu entschlossen, dass ich meine Karriere mit dem heutigen Tag beenden werde. Ich glaube, dass sich der Kreis gut schließt. Ich habe es bei der WM 1993 ganz knapp nicht geschafft, dass ich dabei sein durfte, diesmal war es wieder so. Es ist vielleicht nicht unbedingt der beste Boden, auch wenn ich hier einen Weltcupsieg feiern durfte. Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass es der richtige Zeitpunkt ist, dass ich mein Leben ändere und meine Zukunft anders gestalte.

Die Person, die als erstes eingeweiht wurde

Das war natürlich meine Frau, ganz klar. Man entscheidet so etwas ja nicht wirklich alleine. Man diskutiert herum.

Worauf er sich am meisten freut

Ich werde dem Sport nach wie vor verbunden bleiben. Ich freue mich darauf, es nicht mehr machen zu müssen, sondern machen zu dürfen. Wenn richtig schlechtes Wetter war, musste ich raus, das muss ich nun nicht mehr.

Die Freude am Spitzensport

Bis jetzt hat es wahnsinnig viel Spaß gemacht. Ich war mehr oder weniger jeden Tag zu 100 Prozent bei der Sache und habe alles unternommen, um im Sport gut sein zu können. Ich habe mich ihm verschrieben und möchte nicht eine Sekunde missen, was ich in den letzten 22 Jahren gemacht habe.

Die ganz besonderen Momente

Es gibt natürlich einzelne Momente, die ich sehr positiv herausstreiche. Das war für mich die letzte WM 2013. Nach einer schweren Verletzung bin ich kurzfristig wieder ins WM-Aufgebot zurückgekommen und konnte Silber gewinnen - trotz großer Schmerzen und viel Trara drumherum. Da geht meines Erachtens nichts drüber. Ich bin da mit eineinhalb Füßen heruntergehüpft und wurde Vize-Weltmeister. In der Zeit und auch danach hatte ich viele Helferlein, die mich soweit gebracht haben, dass ich als Sportler wieder funktionieren konnte.

Die Momente, die er bereut

Es gibt keinen einzigen Moment, den ich bereue. Ich habe immer alles zu 100 Prozent gemacht. Ich habe zu 100 Prozent trainiert, habe aber auch mal zu 100 Prozent gefeiert. Ich habe das zu vollen Zügen genossen und das kann mir keiner wegnehmen.

Der zu spät gewählte Rücktritt?

Absolut nicht. Für mich ist genau jetzt der optimale Zeitpunkt. Ich hatte auch in letzter Zeit viel Spaß, habe viel gelernt und mich mit neuen Dingen beschäftigt. Das wäre alles nicht passiert, wenn ich aufgehört hätte.

Die kurzfristigen Zukunftspläne

Wer mein Leben kennt, weiß, dass es viele Niederlagen gegeben hat. Aus diesen Niederlagen ist meistens aber wieder ein Hoch entstanden. Dieses Wissen, das ich mir in dieser Zeit angeeignet habe, möchte ich in Zukunft weitergeben. Um das besser tun zu können, habe ich ein Buch geschrieben und bin derzeit bei den letzten Zeilen. Es geht dabei sehr viel um die Bewältigung von Niederlagen.

Die aktuelle Trainer-Konstellation

Ich würde gerne mit jungen Athleten weiterarbeiten, um ihnen mein angeeignetes Wissen zu vermitteln. Im Augenblick ist nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Es gibt Trainer, die momentan fest im Sattel sitzen. Dieses Team funktioniert, wie man bei der Goldmedaille gesehen hat, ganz gut. Daher steht das in nächster Zeit außer Diskussion.

Der Moment der WM-Nichtnominierung

Der Cheftrainer hat mich am Montag nach Sapporo angerufen und mir gesagt, dass ich nicht im Aufgebot für Predazzo, den letzten Wettkampf vor der WM, bin. Die erste Reaktion war, schnell vor meiner Frau wegzulaufen. Wir waren gerade gemeinsam Langlaufen, als mich der Anruf erreicht hat. Ich habe dann fünf Minuten richtig Gas gegeben, um mir den Frust rauszulaufen. Danach haben Überlegungen begonnen, was ich in Zukunft mache. Die Perspektive für eine weitere Zukunft im Sport hat gefehlt.

Die Gefühlswelt bei der Rücktrittsverkündung

Ich muss schon sagen, mir sind fast ein paar Tränen heruntergeronnen, weil ich genau weiß, dass ich die Sache, die ich am besten konnte und am liebsten gemacht habe, das Skispringen, nicht mehr habe. Das tut natürlich schon weh.

Die Gefühlswelt seiner Kinder

Momentan sind sie sehr glücklich, weil sie jeden Tag mit dem Papa schlafen gehen können und sich auch jeden Tag in der Früh zu mir kuscheln können. Das ist aber sicher nicht für immer der Fall, ich muss meine Zukunft gestalten und auch etwas dafür tun.

Das hat er im Sport gelernt

Ich habe leben gelernt. In einer Intensität, die kaum ein Mensch schafft. Ich habe absolut alles durchlebt, hatte riesige Erfolge, aber auch riesige Niederlagen. Ich habe mich immer wieder zurechtfinden müssen und das auch ganz gut geschafft. Daraus habe ich gelernt und bin immer wieder gestärkt hervorgegangen.

Die Nachwirkungen zahlreicher Operationen

Momentan bin ich absolut schmerzfrei. Das ist paradox, denn ich konnte seit 2013 nicht wirklich schmerzfrei trainieren oder Wettkämpfe bestreiten. Jetzt, wo eigentlich nichts mehr weh tut, höre ich auf. Man muss aber auch in die Zukunft investieren. Ich glaube, dass auch von meiner Gesundheit her der richtige Zeitpunkt gekommen ist.

Das Buch, das im April auf den Markt kommt

Eines ist gewiss, es gibt keinen einzigen Menschen, der so viele Niederlagen und Rückschläge erleben musste wie ich und aus jeder Niederlage gestärkt hervorgegangen ist. Das ist einzigartig. Alleine das spricht dafür, dass man das Buch kaufen sollte. Beim Titel bin ich mir noch nicht ganz sicher. Der Untertitel steht fest: "Sind Niederlagen die besseren Siege?"

Die Differenzen mit Cheftrainer Christoph Eugen

Wir haben uns zu Weihnachten ausgesprochen. Das lief alles nicht wirklich glücklich, ist aber vergessen. Ich selbst habe über die Saison weg nicht die Leistung geboten, die ich mir selbst vorgestellt habe und so ist es zustande gekommen, dass ich nicht teilnehmen konnte.

Die sportlichen Probleme in dieser Saison

Ich war nicht so gut, wie ich mir das selbst vorgestellt habe. Wenn du nur 20. wirst, ist es schwierig. Wenn aber Leute, die hinter dir waren, mitfahren dürfen, dann hat mich das in diesem Moment gestört. Darauf war ich nicht gefasst. Es ist eine Niederlage, die ich einstecken musste. Aus dieser gilt es, rauszukommen und ich bin auf dem besten Weg.

Die wichtigsten Wegbegleiter

Ganz klar Gerhard Niederhammer, mein erster Vereinstrainer. Er war der Trainer schlechthin und hat mich in 29, 30 Jahren immer begleitet und war auch immer für einen Rat offen. Sehr wichtig war auch Hans-Peter Wagner während meiner Stamser Zeit. Das empfinde ich als sehr wichtig, dass zu dieser Zeit Trainer am Werk sind, die sich voll reinhauen und die Buben auch dazu stoßen, etwas zu tun. Und dann noch Bard Jörgen Elden, der mir gezeigt hat, wie das Langlaufen und das Training dafür zu funktionieren hat.

Das sagt Stechers Freund und Teamkollege Christoph Bieler

Es war relativ schnell klar, warum er hier vorbei schaut. Ich wollte mir das persönlich anhören. Ich glaube, dass es auch von Respekt gegenüber einer Person zeugt, mit dem ich rund 20 Jahre im Weltcup zusammen war. 12, 13 Jahre lang waren wir sogar Zimmerkollegen. Wir haben sehr gut harmoniert, sind nicht nur zwei Sportkollegen, sondern Freunde. Daher tut es mir natürlich ein bisschen leid. Ich habe aber keine Angst um ihn und weiß, dass er seinen Weg gehen wird.


Aus Falun berichtet Christoph Nister

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