Was man über Tschechien und Lettland wissen muss

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Heute (ab 16:15 Uhr im LAOLA1-LIVE-Ticker) geht das "Abenteuer" A-WM in Prag für Österreich in die nächste Runde.

Die Mannschaft von Dan Ratushny trifft auf Gastgeber Tschechien und bekommt es nur 24 Stunden später mit Lettland zu tun.

LAOLA1-Scout Bernd Freimüller kennt beide Teams in- und auswendig:

Tschechien

Noch kein Katzenjammer, aber doch Ernüchterung – so präsentiert sich die Lage um Gastgeber Tschechien.

Eine Shootout-Niederlage gegen Schweden, ein mühevoller Sieg gegen Lettland, ein eigentlich chancenloses 3:6 gegen Kanada und gestern dank eines starken Schlussdrittels ein 5:1-Erfolg gegen Frankreich – vom Gruppensieg sind die gastgeber weit entfernt, das Viertelfinale sollte aber kein Problem sein.

Die Löcher im Team von Headcoach Vladimir Ruzicka sind jedoch genau jene, die vor Turnierbeginn zu erwarten waren.

Tor:

Alexander Salak begann das Turnier – ein reflexstarker Goalie für Europa, der sich in Nordamerika nie durchsetzten konnte.

Ondrej Pavelec (Bild) übernahm dann die Einserrolle, ihn kenne ich als ehemaligen Zweitrunden-Draftpick in Atlanta zur Genüge. Es fehlt ihm in seiner Karriere einfach an Konstanz, obwohl er punktuell brillieren kann. Er brachte Winnipeg heuer mit einer starken Saisonendphase in die Playoffs.

Abwehr:

Nicht nur in Österreich sind gute Verteidiger Mangelware, das tschechische Eishockey, das sich erst seit kurzem von jahrelangen Nachwuchsproblemen zu erholen scheint, bringt viel zu wenige Qualitäts-Defender hervor.

Hier treten die größten Unterschiede zu Teams wie Schweden und Kanada hervor, fehlt es doch fast gänzlich an "puck-moving defensemen". Wenn ein solider und ehrlicher, aber keineswegs übermäßig begabter Mann wie Jakub Nekladal ein 5-3-Powerplay dirigieren muss, sagt das schon einiges.

Ondrej Nemec (Bild) von CSKA Moskau verfügt wenigstens über einen platzierten Schuss, Michal Jordan aus Carolina ist ein unauffälliger Ergänzungsspieler.

Jan Hejda (Colorado), Petr Caslava (Pardubice) und Jan Kolar (Vladivostok) definieren sich fast ausschließlich über ihre Größe und Defensive. Die blaue Linie weist jedenfalls keine Medaillen-Qualität auf.

Angriff:

Hier schaut es besser aus, auch wenn man mit der Nominierung von Jaromir Jagr natürlich wie so oft alten Zeiten nachtrauert.

Kaum zu glauben, aber hätte sich Martin Rucinsky nicht in der Finalrunde mit Litvinov verletzt, wäre er mit 44 Jahren (ein Jahr älter als Jagr) auch noch nominiert worden. Jagr, um den sich hier fast alles dreht, muss auf seine alten Tage im Powerplay den Prellbock geben, eine Rolle, die er zuvor noch nie gespielt hat.

Mit Jakub (in der NHL: Jake) Voracek und Tomas Hertl (San Jose) bilden zwei jüngere, körperlich starke Spieler ein sehr gutes erstes Flügelpaar, Vladimir Sobotka dazwischen verfügt zwar über mangelnde Körpergröße und Abschlusskraft, ist aber ein Energiebündel.

Interessant die neue zweite Linie: Neben Jagr darf sich der Shooting-Star der Extraliga, Dominik Simon, gegen Österreich versuchen. Dazwischen steht mit Jan Kovar (Bild) einer der besten europäischen Spieler, die noch nie in Nordamerika spielten. Was hält den talentierten Offensiv-Künstler, der im Powerplay von den Halfboards agiert, von Höherem ab? Ein Skating-Style wie Markus Piermann mit ziemlichen X-Beinen…

Roman Cervenka ist ebenfalls ein talentierter KHL-Flügel, danach dünnt sich die Offensive aber aus. Martin Erats Zeit in der NHL (noch Arizona) könnte heuer vorbei sein, er spielt auch ein enttäuschendes Turnier. Jiri Novotny (Yaroslavl) ist ein reiner Defensivcenter, während die vierte Linie mit Martin Zatovic (Togliatti) und Petr Koukal (Jokerit Helsinki) überdurchschnittliches Offensiv-Potential aufweist.

Fazit:

Ein Medaillengewinn der Tschechen würde überraschen, gegen Österreich sollten die Schwächen allerdings kaum ins Gewicht fallen. WM-Bilanz gegen unser Team: 14 Spiele, 14 Siege, Tordifferenz 70:13.

Lettland

Wie Deutschland musste auch Lettland vor dem Turnier einige Absagen hinnehmen, die in ihrer Gesamtheit ziemlich an die Substanz gehen.

Mit Arturs Kulda, Oskars Bartulis und Georgis Pujacs mussten drei erfahrene Defender w.o. geben, noch schwerwiegender allerdings sind die Ausfälle im Angriff: Ronald Kenins, ein "Energy Winger", gab heuer sein NHL-Debüt in Vancouver, meldete sich aber für die WM – wie so viele Canucks – ab.

Alte russische Schule

Noch schmerzhafter der verletzungsbedingte Ausfall von Zimgurs Girgensons, einer der wenigen Lichtblicke heuer in Buffalo. Er wäre wohl der Einser-Center gewesen.

Zu den Ausfällen kommen noch einige Spieler der zweiten Reihe sowie "Oldies" wie Herberts Vasiljevs. Aus dem Vollen kann Coach Alexander Beliavski – er gilt als Vertreter der alten russischen Schule mit kraftraubenden Trainings – sicher nicht schöpfen.

Tor:

Edgars Masalskis ist der Inbegriff des "Journey Man", er hat fast alle europäischen Länder abgeklappert. An guten Tagen – wie gegen die Schweiz – ist er ein schneller Reflex-Goalie, an schlechten ein "fish out of water".

Vom Stil ist er jedenfalls das genaue Gegenteil zu Cristobal Huet, der ja Österreich zur Verzweiflung brachte.

Abwehr:

Außer Masalskis ist kein lettischer Spieler unter 1,80 Meter groß, diese Größenvorteile gegen Österreich fallen vor allem in der Abwehr ins Auge. Allgemein ist dies eine körperlich starke, aber relativ unbewegliche Riege mit limitierten Skills.

Bestes Beispiel dafür: Guntis Galvins (Bild), der in Bozen sicher keine Bäume ausriss, spielt hier eine Top-4-Rolle und in allen Special Teams. Krisjanis Redlihs bringt noch die meisten spielerischen Elemente ein, doch mit Speed ist dieser Defender-Reihe am meisten beizukommen.

Angriff:

Kaspars Daugavins ist der "Go-To-Guy", seine Skills machten ihn zwar in Ottawa nicht zu einem Full-Timer, aber in Binghamton zu einem ausgezeichneten AHLer.

Weiters in der Top-Linie: Flügel Lauris Darzins (Bild), ein Solo-Performer, und Center Andris Dzerins als defensive Absicherung. In der zweiten Linie ist Robert Bukarts durchaus gefährlich, braucht aber im eigenen Drittel einen Kompass.

Janis Sprukts – auffallend seine Rückennummer 5 – gehört schon seit Jahren zum Inventar. In der dritten Reihe kann vor allem der wuchtige Miks Indrasis gefährlich werden. Auch einen Blick wert: Center Rodrigo Abols, als "96er" der jüngste Spieler der Mannschaft, ein Puckcarrier mit sehr guter Reichweite. Ein Pflichtreport für jeden Scout hier…

 

Fazit:

Lettland bewies mit dem Sieg gegen die Schweiz nach den Auftakt-Nniederlagen gegen die Gruppenleader, dass sie noch nicht abzuschreiben sind.

Das Team ist körperlich stark und mit genügend KHL-Routine versehen, allerdings auch nicht unbezwingbar. Österreich könnte hier mit Speed einige Chancen kreieren, die Verwertung wird wie immer entscheidend sein.

Ein Sieg wie vor zwei Jahren in Helsinki (damals 6:3) könnte schon den Klassenerhalt bedeuten…

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