Nicht nur die Kleinigkeiten

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Was war gut, wo gibt es Luft nach oben?

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Nach zwei von sieben Vorrundenspielen bei der A-WM in Prag steht Österreichs Nationalteam besser da, als man es erhoffen durfte.

Ein Sieg nach Penaltyschießen gegen die favorisierte Top-8-Nation Schweiz sowie eine deutliche, aber verkraftbare, weil zu erwartende Niederlage gegen den neunfachen Weltmeister Schweden stehen zu Buche.

Was war gut, was nicht?

Damit hat die Mannschaft von Headcoach Daniel Ratushny schon zwei Punkte auf dem Konto, ohne überhaupt gegen die vermeintlichen Gegner auf Augenhöhe Frankreich, Deutschland oder Lettland gespielt zu haben.

„Ich bin nicht so sehr auf Punkte fokussiert, sondern auf die Fragen: 'Was war gut? Wo besteht Mannschaftsentwicklung?' Natürlich bin ich aber glücklich mit dem Sieg und den Punkten, am Ende des Tages entscheiden sie über den Klassenerhalt“, stellt Ratushny die Leistungen des Teams in den Vordergrund.

Und damit hat er recht, es sind nicht die Ergebnisse, sondern hauptsächlich die Art und Weise der Auftritte der Mannschaft, die Mut machen. Logischerweise ist nicht alles Gold was glänzt, es gibt so manche Baustelle an der Ratushny und sein Trainerteam ansetzen müssen.

LAOLA1 zeigt auf, was das ÖEHV-Team bisher gut gemacht hat und wo noch Luft nach oben besteht.

Teamgeist

Wie heißt es so schön im Fußball? 11 Freunde müsst ihr sein, um Siege zu erringen. Dieses Zitat gilt wohl für jede Mannschaftssportart, so auch im Eishockey. Deswegen ist es auch nicht weit hergeholt, dass Linz-Stürmer Brian Lebler die mannschaftliche Geschlossenheit Östereichs mit einem simplen Satz erklärt: „Wir sind Freunde!“ Das ÖEHV-Team ist kein zusammengewürfelter Haufen, in dem jeder sein eigenes Ding durchzieht und nur auf den persönlichen Vorteil schaut. Zwar würde es keiner der Beteiligten je zugeben, doch bei früheren Weltmeisterschaften war das nicht immer der Fall. Manuel Latusa, einer der wenigen mit reichhaltiger A-Team-Erfahrung muss es wissen: „In dieser Truppe ziehen alle an einem Strang und wollen das beste für Österreich geben.“

Kleinigkeiten

Oft beschworen, noch öfter ob der Phrasendrescherei belächelt, aber dennoch immens wichtig. Die berühmten Kleinigkeiten können im Eishockey den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen. Perfektes Beispiel: Nach dem 0:1 gegen Schweden wurde zweimal der Zweikampf hinter dem eigenen Tor verloren. Beide Male nutzten dies die Schweden zu Treffern.

Mentale Stärke

Daniel Ratushny hat seiner Mannschaft anscheinend etwas nordamerikanische Siegermentalität eingeimpft. Anders ist es kaum zu erklären, dass das ÖEHV-Team gegen die Schweiz dreimal in Rückstand geriet, jedoch nie den Kopf in den Sand steckte. Dies ist vor allem beachtlich, wenn man bedenkt, dass der Altersschnitt der Truppe gerade einmal 25 Jahre beträgt. „Wir haben starke Persönlichkeiten in der Mannschaft, die auch in ihren Klubs Leader sind. Da spielt das Alter keine Rolle. In der Kabine wird nicht viel geredet, keine Energie verschwendet, es ist einfach eine Entschlossenheit zu spüren“, so der Teamchef. Und als man gegen Schweden 0:6 zurücklag und manch einer vielleicht schon eine Niederlage im zweistelligen Bereich befürchtete, legten die österreichischen Cracks ein starkes Schlussdrittel hin. „Wir haben uns in der Pause vorgenommen, dass wir uns nicht aus der Halle schießen lassen. Kopf hoch, Brust raus, war das Motto. Das ist uns gelungen“, so Michael Raffl.

Special Teams

Mit einem Mann weniger auf dem Eis ist Österreich bislang perfekt. Neun Penalties wurden gekillt, insgesamt überstand man 16:33 Minuten mit einem Mann weniger ohne Gegentor und führt diese Statistik nach zwei WM-Spielen an. Chapeau. Das Powerplay ist hingegen verbesserungswürdig, bei 8:33 Minuten Überzahl gelang noch kein Tor, gegen Schweden nahm man sogar zweimal wenige Sekunden nach Powerplay-Beginn selbst eine Strafe. Auch für Ratushny ein absolutes No-Go: „Das darf keinesfalls passieren, das müssen wir abstellen.“

 

Aus Prag berichtet Fabian Santner

Defense

Die Verteidigung ist seit Jahren das Sorgendkind des ÖEHV. „Wir müssen defensiv besser werden“, hörte man von Ratushny schon nach den Testspielen gegen Kanada und die USA sagen. Nach den ersten beiden WM-Partien wiederholte der Coach diesen Satz. Und das zurecht. Im Spiel gegen die Schweiz resultierten sowohl das 0:1 als auch der Penalty-Shot, den Kevin Romy dankenswerterweise vergab, aus haarsträubender Abwehrfehlern. Bis zu Thomas Raffls Ausgleich fielen die heimischen Cracks vor allem durch ungezwungene Fehlpässe im eigenen Drittel und Stellungsfehler auf. Und auch gegen Schweden war man meist zu weit weg vom Mann. „Wenn wir auf diesem Niveau mitspielen wollen, müssen wir enger stehen“, weiß auch Michael Raffl.

Torhüter

Wenn eine kleine Eishockey-Nation wie Österreich die Klasse halten will, braucht sie einen überragenden Torhüter, der auch einmal ein Spiel im Alleingang gewinnen kann. Mit Bernhard Starkbaum steht genau so ein Mann zwischen den rot-weiß-roten Pfosten. Der Schweden-Legionär wehrte gegen die Schweiz 37 von 40 Schüssen auf seinen Kasten ab, gegen Schweden kam er für den entnervten Rene Swette beim Stand von 0:6 und ließ keinen der 17 folgenden Schüsse passieren. „Ich bin mit meiner Leistung ganz zufrieden“, so der 29-Jährige ganz bescheiden. Wir auch!

Umschaltspiel

Die Transition, das Umschalten von Offensive auf Defensive und umgekehrt wurde von Ratushny schon nach dem Sieg gegen die Schweiz kritisiert. Das ÖEHV-Team rückt bei Gegenangriffen zu behäbig nach und ist nach Puckverlusten in der Rückwärtsbewegung zu langsam. Gerade durch das riskante System Ratushnys, das von Verteidigern verlangt, sich in das Angriffsspiel einzuschalten, kommt diesem Punkt große Bedeutung zu.

Selbstvertrauen

„Wir haben erwartet, dass es gut laufen wird“, gibt sich Kapitän Thomas Raffl gewohnt selbstbewusst und auch Goalie Bernhard Starkbaum schlägt angesprochen auf etwaige taktische Veränderungen in den kommenden Spielen in dieselbe Kerbe: „Unser Ziel ist es, dass sich der Gegner an uns anpasst.“ Das klingt fast schon etwas überheblich, ist es aber nicht. Das ÖEHV-Team weiß genau, was es kann und hält damit auch nicht hinter dem Berg. Ein erfrischender Ansatz im Gegensatz zu der sonst in Österreich allgegenwärtigen Tiefstapelei, mit der man höchstens einen Blumentopf gewinnt.

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