Tyler Seguin: Zum Star im zweiten Anlauf

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Das Anforderungsprofil für die Elite unter den Kufensportlern gestaltet sich umfassend.

Auf dem Eis wird Herausragendes erwartet, das Leistungsprinzip der NHL verlangt regelrecht danach. Professionalität ist eine grundlegende Tugend - ebenso abseits des aktiven Geschehens.

Nervenaufreibenden Spielen folgen ewig anmutende und ähnlich kräftezerrende Interview-Marathons. Das nicht existente Privatleben entwickelt sich zum wahren Spießrutenlauf. Und dennoch sollte man stets seine Natürlichkeit bewahren.

Für Neuankömmlinge eine schwer zu meisternde Prüfung. Bostons Tyler Seguin, die Nummer zwei im 2010er-Draft, tat dies mit „ausgezeichnetem Erfolg“. Allerdings beim zweiten Anlauf.

Lehrling am Weg zum Meister

„Im Vorjahr wollten wir den Stanley Cup. Mit viel Routine im Lineup war die Herangehensweise eine andere. Er bekam nicht die erhoffte Eiszeit. Er musste das durchleben und lernte, was zu machen ist, um Titel zu gewinnen. Das macht sich bezahlt“, verweist Betreuer Claude Julien auf das Lehrjahr.

Während der Rookie-Saison hatte Seguin mit zuvor erläuterter Umstellung so seine Probleme. In der Ontario Hockey League, eine der drei Top-Juniorenligen Kanadas, noch umjubelter Spielmacher (106 Scorerpunkte) wurde er auf höchster Ebene vorzugsweise als Right Wing lanciert.

Zudem sollte er zunehmend defensiven Verpflichtungen nachkommen. Eine Schwäche, welche seine Einsatz-Möglichkeiten (12:02 Minuten) drastisch beschränkte. Unachtsamkeiten oder Leichtsinn weiß die Konkurrenz nämlich umgehend zu bestrafen.

Defense als Schlüssel für die Offense

Selbst gestandene Scorer können sich in der Rückwärtsbewegung nicht ausklammern. Und ein Neuer  erst recht nicht. Seguin erkannte dies, arbeitete akribisch und merzte die Defizite in der eigenen Zone aus. Druck Fehlanzeige - vielmehr brillierte der erfahrene Coaching-Stuff mit einer im Profi-Business selten gewordenen Eigenschaft: Geduld.

„Ihm ist bewusst, was er zu tun hat, um im Roster zu bleiben. Er kennt seine Vorzüge, tankte auch in den Playoffs viel Selbstvertrauen. Uns allen war klar, welch großartige Anlangen er besitzt. Nun kann er das Vertrauen zurückzahlen“, zollt Bruins-Mastermind Julien seinem „Schüler“ Anerkennung.

Paradoxerweise kann Seguin ausgerechnet dank der Entwicklung im Abwehr-Verhalten den Output - je elf Treffer und Assists waren eines Rohdiamanten seiner Güte unwürdig – vervielfachen. 44 Punkte entsprechen eher seinem Talent. Mit einer derartigen Explosion durfte durchaus gerechnet werden, zumindest ließen die Top-Ten der vier Jahrgänge zuvor ein solches Phänomen erhoffen.

Stars á la Steven Stamkos, John Tavares oder Nicklas Backstrom (siehe Statistik) konnten im zweiten Jahr ihre Zahlen nochmals hochtreiben. Nur darauf wollte sich Seguin nicht verlassen.

„Movember“ als Wendepunkt

„Seit ich in Boston bin, trainiere ich das. Der Forecheck ist eine entscheidende Sache. Sowohl in der Defense dem Gegner die Scheibe von der Schaufel zu schnappen, als auch zu lernen, wann und wo der richtige Moment dafür ist, benötigt Zeit“, sieht der in Brampton, einer Stadt der kanadischen Provinz Ontario, geborene Jungstar noch reichlich Potenzial.

Nichtsdestotrotz stieg der seit kurzem 20-Jährige längst zur unverzichtbaren Größe im Konstrukt der Bruins auf. Legte man nach den nicht enden wollenden Stanley-Cup-Ehrungen noch einen kapitalen Fehlstart hin, fand der amtierende Champ im November zurück in die Spur. Zwölf von 13 Partien konnte die Franchise aus dem Bundesstaat Massachusetts für sich entscheiden, hinter den New York Rangers etablierte man sich als zweite Macht im Osten.

Alleine im „Movember“, wie er angesichts der jährlichen Schnauzer (engl.: Moustache)-Charity gegen Prostatakrebs bekannt wurde, zeichnete sich Seguin für acht Tore und sechs Vorlagen verantwortlich.

Nicht zu verachten ist bei solch herausragenden Statistiken ein Blick auf die Plus-Minus-Statistik.

„Komplettester“ Spieler der NHL

Der Indikator für die Ausgewogenheit - in der Premieren-Saison mit Minus-4 einer der Kritikpunkte - unterstreicht den schon augenscheinlichen Eindruck: Seguin ist im Big-Business des Eishockeys mehr als angekommen. Plus-33 ist ligaweiter Bestwert, auch ein Verdienst seiner Sturm-Partner.

Nach Mark Recchis Rücktritt im Sommer rückte Seguin in eine Linie mit Patrice Bergeron und Brad Marchand. Ein Schachzug Juliens mit im wahrsten Sinne durchschlagendem Erfolg. Denn Ersterer führt mit 46 Punkten die teaminterne Scorerliste an. Zusammen bringt es das Parade-Trio auf beachtliche 139 (!).

„Man kann nicht oft genug treffen. Derzeit verwerte ich die Vielzahl meiner Möglichkeiten." Dem aufstrebenden Flügel ist jedoch bewusst: "Natürlich profitiere ich dabei von den Kollegen, ich muss oft nur den Stock richtig halten. Wenn wir das System bewahren, finden wir viele Konter-Chancen vor.“ Seine Schnelligkeit wird dabei zur größten Waffe.

Draft

Pick

Name

Verein

  1. Saison
  1. Saison

2006

3.

Jonathan Toews

Chicago

54 Punkte

69 Punkte

2006

4.

Nicklas Backstrom

Washington

69 Punkte

88 Punkte

2007

9.

Logan Couture

San Jose

9 Punkte

56 Punkte

2008

1.

Steven Stamkos

Tampa Bay

46 Punkte

82 Punkte

2009

1.

John Tavares

NY Islanders

54 Punkte

67 Punkte

2009

3.

Matt Duchene

Colorado

55 Punkte

67 Punkte

2009

4.

Evander Kane

Winnipeg

26 Punkte

43 Punkte

Ewige Vergleiche: Hall versus Seguin

Nicht selten entwischt Seguin, dem in Ottawa erstmals die Ehre einer All-Star-Game-Teilnahme zuteil wurde, der gegnerischen Hintermannschaft. Derzeit weiß er davon mit einer Portion Lockerheit auch zu profitieren.

„Er ist viel erwachsener geworden“

Eine Art Reifeprozess wurde vollzogen. Vor allem die Psyche betreffend, glaubt man Julien: „Diesen Hype muss man ausklammern, den Fokus auf das Wesentliche richten. In dem Bereich wurde er viel erwachsener. Er lässt sich nicht mehr beirren.“ Auch nicht von den unvermeidbaren Vergleichen mit Edmontons First-Overall-Pick Taylor Hall.

„Er hatte eine großartige Saison, ich durfte den Stanley Cup in Händen halten. Wir sind zwei verschiedene Persönlichkeiten, die unterschiedliche Wege gehen“, betont Seguin, der von Hätte-Wäre-Wenn–Spielchen nichts hält: „Ich dachte nie darüber nach, was gewesen wäre, wenn ich bei den Oilers gelandet wäre.“

Daran verschwenden auch die Bruins-Anhänger keinen Gedanken. Sie sind heilfroh, Tyler und nicht Taylor im Jersey mit dem „dicken B“ anzuhimmeln. Ob jung oder alt, Frau oder Mann – der in den regionalen Medien als einer der bestaussehendsten Athleten Bostons Gepriesene avanciert langsam zum Publikumsmagneten.

Welche Welle der Sympathie ihm entgegen schlägt, zeigte der 31. Januar.

Schlafmütze ist noch im Lern-Prozess

Im Vorfeld des 4:3-Triumphes über die Ottawa Senators wurde Seguins 20. Geburtstag im TD Garden zu Boston zelebriert. Glückwünsche fanden sich auf dutzenden Plakaten, ein überwältigendes Erlebnis: „Ich habe damit nicht gerechnet. Es ist ein unfassbares Gefühl, wenn die Fans hinter dir stehen. In 24 Stunden bekam ich derart viele Gratulationen, auf dem Eis, der Straße oder im Einkaufzentrum.“

Die Ostküsten-Metropole steht voll hinter ihrem neuen Sternchen am Himmel. Über jugendliche Fehltritte wie Anfang Dezember sieht man da gerne hinweg. Damals verschlief Seguin ein gemeinsames Frühstück mit anschließendem Team-Meeting.

Unterläuft ihm solch ein Fauxpas nicht abermals, gastiert er in der Nacht auf Mittwoch bei den einst hoch gehandelten und mittlerweile tief gefallenen Buffalo Sabres. Für Thomas Vanek und Co. ist ein Sieg in Anbetracht des Zehn-Punkte-Rückstands auf das rettende Ufer praktisch Pflicht.

Ein wachsames Auge sollte dabei auf Seguin geworfen werden. „Er ist so ein smarter Spieler“, erklärt Bostons Veteran Shawn Thornton und versichert: „Es ist zwar erst das zweite Jahr, aber Tyler hat den Ernst der Sache erkannt. Er lernt noch immer dazu. Fehler begeht sowieso jeder.“

Nur allzu natürlich.

Christoph Köckeis

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