Auf Herz und Nieren geprüft

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Alles Wissenswerte zum NHL-Scouting-Combine

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Die NHL-Scouts sind seit einiger Zeit wieder um ein Stückchen gescheiter.

Nach den internen End-Season-Meetings im Mai (hier gehts zum Scouting Report) wurde beim NHL Combine in Buffalo vom 1. bis 6. Juni  den Top-Prospects auf den Zahn gefühlt.

LAOLA1-Scout Bernd Freimüller schaut hinter die Kulissen dieser Veranstaltung und beantwortet die wichtigsten Fragen:

Was ist das NHL Combine und wer steckt dahinter?

Es handelt sich dabei um eine von der NHL organisierte Veranstaltung, in der die Top-Prospects für den jeweils nächsten Draft (heuer 26. und 27. Juni in Florida) medizinischen und leistungstechnischen Tests unterzogen werden.

In den letzten Jahren fand das Combine in einem Flughafenhotel in Toronto statt, heuer übersiedelte man nach Buffalo. Der Grund dafür: Mit dem First Niagara Center (Heimstätte der Sabres) sowie dem heuer eröffneten HarborCenter und dem darin integrierten Impact Sports Center konnte Buffalo „state of the art facilities“ anbieten.

Die meisten Fitnesstests fanden im First Niagara Center statt, alle Spieler waren im daneben liegenden Courtyard Hotel untergebracht. Während in Toronto die Spieler für ihre Interviews von Hotel zu Hotel hetzen mussten, standen heuer für jedes NHL-Team Logen im First Niagara Center zur Verfügung.

Im nächsten Jahr sollen erstmals auch On-Ice-Tests stattfinden, das HarborCenter mit seinen zwei Rinks macht das möglich.

Welche Spieler nehmen an diesen Tests teil? Ist die Teilnahme verpflichtend?

Grundsätzlich lädt das NHL Central Scouting Bureau die auf ihren Final-Listen angeführten Top-Cracks ein, dazu können aber auch die Teams um Aufnahme einiger Spieler ansuchen.

Insgesamt wurden 120 Spieler (99 aus Nordamerika, 21 aus Europa) eingeladen, von denen heuer auch 119 erschienen. Abwesend nur der russische Goalie Ilya Samsonov – das Ganze ohne Angabe von Gründen, obwohl vier Agenten für sich in Anspruch nehmen, ihn zu vertreten.

Grundsätzlich ist die Teilnahme nicht verpflichtend, allerdings versuchen sich die Spieler natürlich gerade hier bei den NHL-Teams auch abseits des Eises in ein positives Licht zu rücken. Die Kosten für Anreise und Unterbringung übernimmt die NHL. Die Medien sind zu einigen Fitnesstests zugelassen, die Öffentlichkeit aber grundsätzlich nicht.

 

Die Spieler werden auf Herz und Nieren geprüft

Welche Messungen und Fitnesstests werden hier durchgeführt?

Klar, nach der Saison werden nochmals die Größe und das Gewicht gemessen, bei einigen Spielern kursieren halt immer noch die unterschiedlichsten Angaben.

Dazu kommen relativ normale Tests wie etwa:

  • Wingspan – Reichweite der Arme
  • Standing Long Jump und Vertec Jump – Sprungkraft nach vorne und in die Höhe. Das Ganze wurde heuer mit dem sogenannten „Kistler Force Plate Systems“ noch verfeinert, um so eishockeyspezifischere Ergebnisse zu bekommen.
  • Pro Agility – Schnelle Bewegungen nach rechts und links, um die Agilität und Reaktionszeit zu testen.
  • Bench Press und Pull-Ups – aus Fitnesscentern bzw. dem Turnunterricht bekannt 

So weit, so gut, am meisten gefürchtet sind aber die beiden folgenden Tests, die auf Wunsch der Spieler heuer auch erstmals an verschiedenen Tagen durchgeführt wurden: 

  • Wingate Test – 30 Sekunden Fullspeed auf dem Ergometer als Test der anaeroben Fitness. Der Tscheche Michael Spacek war mit diesem Test schon vertraut, nicht aber mit den Begleitumständen: „Ich bin eher ein zurückhaltender Typ und bin nicht gewöhnt, dass mir die Fitnesscoaches hier dauernd in die Ohren schrien.“ 
  • V02Max Test – zum Test der aeroben Fitness. Die Intensität auf dem Ergometer wird alle zwei Minuten erhöht, der Test sollte mindestens acht Minuten dauern, wird aber abgebrochen, wenn der Athlet den Speed nicht mehr aufrechterhalten kann oder schlichtweg erschöpft ist. Die beigestellten Kotzeimer werden hier oft genug benötigt, auch kurzzeitige Ohnmachtsfälle hat es schon gegeben.

Alles wird genau vermessen

Was passiert mit den Ergebnissen dieser Tests?

Sie werden den Teams natürlich zur Verfügung gestellt, in Buffalo konnten die Ergebnisse erstmals in Echtzeit angezeigt werden. Natürlich brauchen Scouts und GMs Erläuterungen durch ihren jeweiligen Fitnessstaff, kaum einer von ihnen kann mit den Resultaten per se etwas anfangen. Doch es dreht sich meist nur um die Beantwortung folgender simpler Fragen:

Ist der Spieler ein guter Athlet? Wenn nicht, wird er es in einigen Jahren sein?

Gibt es irgendwelche „Red Flags“, sprich, Dinge die die Scoutingabteilung in ihrer Bewertung wissen muss?

Die Fitnesscoaches der Teams nehmen diese Tests wesentlich ernster als die Scouts, diese haben sich ihre Meinung schon während der Saison gebildet und rücken davon eigentlich auch nicht mehr ab.

Wie wichtig sind diese Tests also in der Gesamtbewertung der Spieler?

Das wird natürlich von Team zu Team abhängen, doch grundsätzlich sind die Ergebnisse nur ein kleiner Mosaikstein in der Gesamtbetrachtung der Cracks. Klar, sollte ein Spieler Fitnesswerte wie eine alte Frau haben oder sich bei den Tests absolut nicht quälen können, wäre das ein Grund zur Beunruhigung. Doch so etwas kommt kaum vor, schließlich haben die meisten Spieler längst begriffen, dass Eishockey ein Ganzjahressport ist und sind selbst nach einer langen Saison noch in Tip-Top-Verfassung.

Ausreißer gibt es meist nur bei einzelnen Tests. Bestes Beispiel dafür: Sam Bennett brachte letztes Jahr keinen einzigen Klimmzug zusammen. Wie sehr hat ihm das geschadet? Als Nr. 1-Draft Pick der Calgary Flames, für die er in den Playoffs auch ein Keyplayer war, offenbar nicht sehr…

Die Ergebnisse aus länger zurückliegenden Jahren liegen nur sehr lückenhaft vor, aber dabei tauchen Leute mit Bestmarken wie Danny Biega, Kyle Palmieri oder Toni Rajala auf – AHLer oder Spieler für europäische Ligen, die Namen von Superstars sucht man vergebens.

Das Scouting Combine sollte also – und das ist auch die Realität – keinen Spieler auf den Draftlisten der einzelnen Teams nach oben oder unten befördern, die Wahrheit liegt immer noch auf dem Eis.

Beach musste wahrscheinlich ein paar unangenehme Fragen beantworten

Was wird in den Interviews gefragt und wie wichtig sind sie?

Auch das ist von Team zu Team verschieden. Einige Scouts haben natürlich schon mit den Prospects in ihrer Region gesprochen, hier in Buffalo sind aber ohnehin eher die großen Tiere – GMs, Scouting Directors, Head Scouts – vertreten, der Rahmen ist weit kleiner als bei der Draft.

Allerdings mit Ausnahmen: Die Buffalo Sabres – als Quasi-Gastgeber – hatten in einem Interview 25 (!) Leute im Raum sitzen. Doch meist handelt es sich um kleinere Gruppen, die Herangehensweise kann hier sehr relaxed sein. Oft handelt es sich nur um ein loses Geplauder, die bisherige Karriere und die Ziele für die Zukunft werden besprochen, dazu kommt noch der familiäre Hintergrund, Hobbies, etc. Es geht hier auch oft nur darum, ein Gesicht und eine Stimme mit dem Spieler am Eis in Verbindung zu bringen.

Bei „Red Flags“ aus der Vergangenheit kann es schon spezifischer werden. Falls der Spieler einen schlechten Ruf hat, muss er bereit sein, sich den Fragen dazu zu stellen: „Warum warst du ein Healthy Scratch in den Playoffs?“, „War es deine Schuld, dass du in zwei Jahren dreimal getraded worden bist?“, „Warum hören wir über dich immer, dass du ein schlechter Teammate bist?“

Bei solchen Fragen sollte man besser gute Antworten parat haben, der Ex-Salzburger Kyle Beach musste aufgrund seines Rufs als Problemboy bei den Interviews in seinem Draftjahr sicher nicht nur 08/15-Fragen beantworten.  

Einige Teams ziehen auch gerne Psychologen bei oder versuchen die von ihren Agenten meist gut gebrieften Spieler mit „Curveball Questions“ aus dem Konzept zu bringen: „Hättest du lieber ein Gedicht oder einen Kaugummi?“, musste etwas Sam Bennett im letzten Jahr beantworten. Er weiß bis heute noch nicht, was die richtige Antwort auf diese Frage war…

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