Der Hintergrund zu Thomas Raffls NHL-Vertrag

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Es ist vollbracht!

Mit Thomas Raffl erhielt der vierte Österreicher nach Thomas Vanek, Michael Grabner und Bruder Michael einen NHL-Vertrag für die Mittwoch beginnende Saison.

LAOLA1 schaut hinter die Kulissen dieses Deals und auf Raffls Late-Bloomer-Karriere.

 

Die Fakten:

Raffl erhält einen Einjahres-Vertrag von den Jets. Sein Einweg-Kontrakt beläuft sich auf 575.000 Dollar, dieser Betrag wird fällig, egal ob er in der NHL oder AHL eingesetzt wird. Er bewahrt ihn aber nicht davon, in die AHL geschickt zu werden, was nach dem dienstäglichen Vormittagstraining auch geschah.

Die Jets können ihn jederzeit wieder zurückholen, theoretisch auch vor dem Auftaktspiel bei den Boston Bruins am Freitag. Allerdings müsste dann ein anderer Spieler aus dem 23-Mann-Kader, den die NHL-Teams am Dienstag im League Office melden mussten, weichen.

Die 575.000 Dollar entsprechen dem Ligaminimum für die Saison 2015/16, darunter wäre nichts gegangen - nach oben sehr wohl, auch eine Zweiweg-Lösung wäre möglich gewesen. Ebenfalls frei verhandelbar war die Vertragslänge. Mit diesem Betrag haben die Jets, die weit von der NHL-Gehaltsobergrenze entfernt sind, einen preisgünstigen Kaderspieler erhalten und haben noch genügend Raum für weitere Neuverpflichtungen.

Natürlich können die Jets Raffl jederzeit an ein anderes NHL-Team traden, Widerspruchsrecht für den Spieler gibt es keines. Sollten sie keine Verwendung mehr für den Flügel haben, können sie ihn auch an ein europäisches Team ausleihen. Salzburg hätte hier das erste Zugriffsrecht.

Raffl ist in dieser Saison „waiver exempt“, das heißt, dass ihn die Jets beliebig oft zum Farmteam Manitoba Moose schicken können, ohne dass ein anderes NHL-Team seine Rechte erwerben könnte.

Apropos Manitoba Moose: Das Farmteam der Jets übersiedelte im Sommer von St. John's nach Winnipeg und spielt in der gleichen Halle, dem MTS Centre. Allerdings: Raffl kann nur dann mit den Jets mittrainieren, wenn sie ihn aus der AHL holen.

Die Moose beginnen ihre Saison mit zwei Auswärtsspielen bei den Toronto Marlies (Freitag und Samstag).

Die Entwicklung des Late Bloomers Thomas Raffl:

Raffl kam mit 18 Jahren erstmals in der VSV-Kampfmannschaft zum Einsatz. In der Saison 2005/06 versuchte er sein Glück in Nordamerika. Allerdings wurde er innerhalb der WHL bald von Kelowna nach Swift Current getradet, ging dann nach Des Moines in der USHL, bevor er die Saison wieder in Villach beendete. Raffl über seine Zeit in Kanada und den USA: „Ich war damals noch ein Kind, dafür noch nicht reif.“

2009/10 ging der damals 23-jährige wieder ins Ausland, natürlich schon als ÖEHV-Teamspieler. Im hohen schwedischen Norden bei Lulea spielte er eine durchaus gute Saison, im zweiten Jahr gingen seine Leistungen dann aber zurück. Ich kann mich noch gut an eine Beobachtung bei einem Auswärtsspiel in Karlstad erinnern, Raffl war in den Ecken durchaus stark, strahlte aber kaum Torgefahr aus und seine Beinarbeit war unterdurchschnittlich. Er beendete die Saison 2010/11 auch in Salzburg. Natürlich konnten ihm die roten Bullen einen besseren Vertrag anbieten, als sein Heimatverein aus Villach.

Nach einigen Verletzungen dominierte Raffl vor allem in den letzten beiden Saisonen, beim vorjährigen Meistertitel war der heute 29-jährige ein Schlüsselspieler. Auch bei der WM in Prag spielte Raffl vor den Augen von Jets-Chefscout Mark Dobson ein gutes Turnier, in der EBEL wurde er natürlich nie beobachtet.

Hauptgrund für die späte Leistungsexplosion: Raffl machte sich die ausgezeichneten Trainingsbedingungen in der Red Bull-Akademie zunutze. Im eigentlich schon gesetzten Alter legte er nach eigenen Angaben fast 20 Kilo an Muskelmasse zu, „he filled out his frame“, wie es im Scouting-Deutsch heißt. Wo andere Spieler an Spritzigkeit verlieren, wurde Raffls Beinarbeit weit besser, er steht sehr stabil auf den Eisen und kann sich nun den Weg zum Tor freibulldozern. Leichtfüßig wird ein 106-Kilo-Mann (in Pfund: 234!) natürlich nie werden, aber das Eislaufen ist schon lange keine Weakness in den Scoutingreports mehr.

Einziger kleiner Grund zur Sorge: Im Gegensatz zu seinem Bruder Michael und dessen „Scheiß-mi-mix“-Einstellung tendiert Thomas nach schwächeren Leistungen ab und zu zum Grübeln. Gerade in Nordamerika, wo die Spiele einander auf dem Fuß folgen, kann das eher hinderlich sein (siehe Christoph Brandner).

Thomas Raffl ist damit der erste österreichische Spieler, der es aus der EBEL direkt zu einem NHL-Vertrag geschafft hat. Ob er sich auch als NHL-Spieler bezeichnen kann, werden die nächsten Wochen zeigen, zu vergönnen wäre es ihm auf jeden Fall. Eine Karriere, die sicher keinen alltäglichen Verlauf nahm, würde so einen wunderbaren Höhepunkt erleben. Neben Raffl würden auch die Nebendarsteller wie seine Agenten, Vater Peter sowie die Red Bulls um Manager Stefan Wagner und natürlich Dan Ratushny, Thomas' Coach bei Ex-Verein und Nationalteam, davon profitieren...

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Der Status von Raffl bei den Jets:

Raffl war quasi das letzte „Cut-Opfer“. Mike Peluso verbleibt im Kader, das war auch zu erwarten. Peluso ist ein „Pugilist“, der trotz sehr limitierter spielerischer Mittel gegen Teams, die einen „Goon“ aufbieten, benötigt wird.

Was die nächsten Wochen und Monate für den gebürtigen Villacher bringen, ist schwer vorauszusagen. Die Jets haben mit Andrew Copp und Nic Petan zwei junge Spieler im Kader, die direkt aus dem College bzw. der Juniorenliga kommen. Vielleicht brauchen sie doch noch AHL-Grooming, zum Saisonstart sind die beiden aber gesetzt.

Nikolaj Ehlers, ehemaliger Erstrundenpick, hätte diese Option dagegen nicht, er müsste zu seinem Juniorenteam (Halifax) zurückkehren oder für ein Jahr nach Europa gehen.

Natürlich können die Jets sich auch jederzeit bei Bedarf am Free Agent- oder Trade-Markt bedienen, es gibt noch genügend gute freie Cracks. Ansprechende Leistungen und Scorerpunkte von Raffl bei den Moose würden ihm immens helfen, neben seinem waiver-freien Status und seinem Einweg-Vertrag.

Allerdings ist er nach dem Dominoprinzip auch von den Verträgen anderer Jets abhängig: So sind die Verteidiger Adam Pardy und Paul Postma sehr wohl waiver-pflichtig, daher belassen die Jets sie gerne im Kader, auch wenn sie über Wochen nicht zum Zug kommen. Pardy half auch schon als Angreifer aus, das aber nicht sehr gut.

 

Wie kam es zur Chance für Raffl und dem letztendlichen Vertrag?:

Diesen nicht ganz alltäglichen Deal habe ich vor einiger Zeit hier ausführlich dokumentiert. Was anfangs von Seiten der Jets nach einem kleinen Gefälligkeitsdeal gegenüber dem Agenten Jerry Buckley (in Europa von Patrick Pilloni vertreten) aussah, nahm im Camp eine gewisse Eigendynamik an – Raffl war wie ein schlechter Geruch, den man einfach nicht loswerden konnte.

In den Testspielen präsentierte sich der Villacher als verlässlicher, körperlich starker Flügel, der mit verschiedensten Nebenleuten seinen Mann stellte. Raffl spielte ein „heavy game“, sprich mit viel Druck auf dem Schläger und Gegner – ein Muss bei den Jets, die als körperlich sehr starkes Team gelten (meiste Strafzeiten in der letzten Saison!).  Auch auf seinem Off-Wing (Rechts für den Linksschützen) hatte er im letzten Preseason-Game keine Probleme.

Die Jets bekommen mit dem älteren Raffl-Bruder einen routinierten und verlässlichen Spieler mit formidablem Charakter, der für die Chance unendlich dankbar ist. Selbst eine ganze Saison bei den Moose wäre alles andere als ein Scheitern, einen NHL-Vertrag bekommt ja nicht jeder. Doch mit etwas Glück könnten bald die ersten Einsätze bei den Jets herausschauen.

Die letzten Vertragsdetails wurden am Montag festgezurrt. Ohne das Einverständnis Salzburgs wäre der Deal nicht zustande gekommen. Manager Stefan Wagner stand aber stets mit Raffl, dessen Agenten und Jets-Assistant-GM Larry Simmons in Kontakt. Wagner gab Montag auch die Vertragsauflösung von Red Bull an die NHL bekannt, erst danach konnte der Vertrag von beiden Seiten unterfackelt werden.

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