Eine Modeerscheinung erschüttert das Eishockey

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Die Eishockey-Welt ist wieder heil – vermeintlich.

Sie liegt Sidney Crosby, seinerseits „Ferrari unter den Kufen-Cracks“, zu Füßen. Mit seinen Pittsburgh Penguins kämpft die Hauptattraktion der Elite-Liga NHL fortan um den Stanley Cup.

Die Playoffs heben alljährlich die körperliche Belastung auf ein kaum vorstellbares Niveau. Ganz nach dem Motto: „Harder, better, faster, stronger“. Doch der rasante Showdown fordert regelmäßig seine Opfer.

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Nochmals steigt das ohnehin riesige Verletzungsrisiko dramatisch an. Eine Modeerscheinung, die selbst Crosbys Postseason-Auftritt gefährdete, ist allgegenwärtig. Gehirnerschütterungen.

Sie trüben den perfekt anmutenden Schein. In der Vergangenheit wurde ein beängstigender Trend augenscheinlich: Eishockey entwickelt sich mehr und mehr zur „Kopfsache“.

„Es fließt jede Menge Geld“

Goalie Ryan Miller (Buffalo), Defender Marc Stall (Rangers) und Kris Letang (Pittsburgh) oder Forward Claude Giroux (Philadelphia), Nicklas Bäckström (Washington) sowie Daniel Sedin (Vancouver) - das ist nicht etwa die Starting Five eines All-Star-Games. Jene erlesene Auswahl belegt, „The Next One“ war keine Ausnahme.

Ein Gros erlebte während der Regular Season das „Horror-Szenario“, Diagnose Schädel-Hirn-Trauma. „Die Akteure werden athletischer, sind besser trainiert und ausgebildet. Das Spiel wird schneller und ist es unheimlich attraktiv anzuschauen. Es wird marschiert ohne Ende“, weiß Uwe Krupp, zweifacher „Lord Stanley“-Gewinner und deutsche Ikone. Die nordamerikanischen Major-Ligen, allen voran die NFL, erkannten dies alsbald.

„In den letzten Jahren wurde mehr und mehr über Gehirnerschütterungen geredet. Es fließt jede Menge Geld. Seitdem sich derart viele Superstars verletzten, investierte man kräftig“, zeichnet Buffalos Assistent Captain Thomas Vanek im Gespräch mit LAOLA1 die Tendenz nach.

Fall Crosby löst Welle der Anteilnahme aus

Schon in der Vergangenheit wurden Unmengen in die Erforschung des komplexen Bereichs investiert. Bahnbrechende Erkenntnisse verbuchten Spezialisten bislang nicht. Auf präzise Diagnosen oder sogar Allheilmittel warten die Leidtragenden vergeblich. Noch immer gibt es zahlreiche Zweifel, sowohl die Behandlung als auch Genesung betreffend. Nicht verachten sollte man dabei die Fortschritte.

Durch Kampagnen, aber besonders durch langfristige Ausfälle der Aushängeschilder, erfolgte in der breiten Öffentlichkeit eine Sensibilisierung. Wenn der 320-tägigen Zwangspause Crosbys überhaupt Positives abzugewinnen ist, dann zuvor erwähntes.

Crosby ist nicht das einzige Opfer des Trends

Per Video-Botschaften begründet Shanahan seine Vorgehensweise. Noch lässt der Lerneffekt auf sich warten. Die Vielzahl an Gehirnerschütterungen ist unvermindert hoch. Speziell das frühe Saisonende von Flyers-Kapitän Chris Pronger schockiert vielerorts, kennt man den 1,98-Meter-Hünen doch als eisenharten, scheinbar unerschütterlichen Crack.

Weitere Änderungen werden angedacht

„Die Leute sagen, es ist eine Epidemie. Natürlich spielen einige Faktoren zusammen. Einer ist, dass in der Vergangenheit wenig berichtet wurde. Man kann die Gegenwart nicht mit der Situation vor sechs Jahren vergleichen. Früher blieben Gehirnerschütterungen oftmals unerkannt“, erklärt Stan Bowman, General Manager der Chicago Blackhawks. „Der Vergleichswert ist 2011, da stabilisierten wir uns.“

Jim Rutherford, Kollege bei den Carolina Hurricanes, weiß: „Solange die Zahl so ist, müssen wir weiter Änderungen andenken.“ Solche wurden im Rahmen des GM-Meetings diskutiert. Die wahrscheinliste ist eine entschärfte Icing-Form, welche das Mann-gegen-Mann-Duell vorzeitig unterbinden würde.

Unnötige Zweikämpfe könnten so verhindert und die Schnelligkeit gedrosselt werden. Denn knapp 44 Prozent der Gehirnerschütterungen resultieren aus legalen Hits, lediglich 17 Prozent sind regelwidrig. Hier kommt eine noch nicht erwähnte Komponente zum Tragen: der Respekt.

„Sportler wissen, wann jemand verletzbar ist“

„Ob unbeabsichtigt oder nicht, wir müssen einander mit größerer Verantwortung gegenüber treten“, appelliert Crosby an die Vernunft. Es herrscht Handlungsbedarf, allerdings nicht nur in der NHL. KAC-Routinier Dieter Kalt bekräftigt: „Sportler wissen genau, wann sie jemanden böse erwischen können und in welchen Situationen man verletzbar ist. Jeder, der anderes behauptet, sagt einen Blödsinn.“

Aus „rot-weiß-roter“ Sicht schlug sich zuletzt Carolinas Andres Nödl mit der neuen Modeerscheinung herum. Ebenso wie Schweden-Legionär Konstantin Komarek. Beide stehen dem ÖEHV bei der B-WM nicht zur Verfügung.

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Das ausufernde Problem Gehirnerschütterung gefährdet nicht alleine die NHL. Krupp meint dennoch: „Wird alles bestraft, spielt man kein Eishockey mehr. Man muss aber sehr wohl versuchen, die übertrieben gefährlichen Checks zu stoppen.“

Damit der Sport nicht zur reinen „Kopfsache“ wird.

Christoph Köckeis

Ständig wiederkehrende Kopfschmerzen, Schwindelgefühl und Übelkeit pflasterten den Weg zurück, eine selten zuvor dagewesene Welle der Anteilnahme schwappte ihm entgegen.

Liga-Commissioner Bettman als Visionär

„Everybody’s NHL- Darling“ stand vor einer schier unendlichen Geduldsprobe. Waren Fortschritte zu erkennen, stolperte er unverzüglich über Rückschläge. Je öfter der Kanadier über Nachwirkungen klagte, desto intensiver führt man den Diskurs. Und Forderungen wurden unüberhörbar.

„Es ist ein emotionales Thema. Wir verstehen es, haben es erkannt, nur damit umzugehen, ist wieder eine andere Sache. Wir versuchen, proaktiv zu agieren“, verweist Commissioner Gary Bettman auf die grundlegende Problematik.

Proaktives Verhalten? Wer wäre geeigneter dafür, als der promovierte Jurist. Er ist ein Visionär. Ob in der NBA als Vize-Präsident, wo er maßgeblich an der Einführung des Salary Caps beteiligt war, oder seit Februar 1993 im Eishockey-Business.

Bettman vervielfachte den Werbewert. Bei aller Wirtschaftlichkeit vernachlässigte er die Gesundheit seiner Athleten nicht.

„Heute ist die Wahrnehmung eine andere“

„Wir sind die erste Liga, welche ein Protokoll für Gehirnerschütterungen und vor allem die Rückkehr auf das Eis hat“, verdeutlicht der langjährige Sportfunktionär. Er ergänzt: „Was Tests betrifft, sind wir ein absoluter Vorreiter.“ Harten Zusammenstößen folgen Untersuchungen abseits des Geschehens.

Kein Vergleich zu früher, als Spieler ohne Helm zusammenkrachten. Schwächen waren in der Macho-Welt NHL verpönt. „Heute ist die Wahrnehmung eine andere. Nach sehr heftigen Checks wird man in Ruhe durchgecheckt. Früher schüttelte man das häufig ab“, so Vanek, der bei der Ausrüstung einzig helmtechnische Verbesserungen für möglich hält.

Im vergangenen Jahrzehnt nahmen die Kopfverletzungen neue Dimensionen an. Einerseits wegen der während des Lockouts 2004 vollzogenen Umstrukturierung zu Gunsten der Attraktivität, andererseits aufgrund der Wachsamkeit für derartige Traumata.

Die sommerliche Übertritts-Zeit lieferte Erkenntnisse, welche Richtung künftig eingeschlagen wird.

Körperhaltung als größtes Manko

Mit tiefgreifenden Einschnitten im Regulativ hielten sich die Granden gentlemanlike zurück, es heißt: Qualität statt Quantität. Die striktere Auslegung der „Rule 48“ wurde als heilsbringende Neuerung präsentiert. Nun werden nicht nur „Blindside“ und „lateral“ Hits gegen den Kopf, sondern Checks, bei welchen das Haupt „erster Berührpunkt“ ist, geahndet.

„Du kannst die Fahrlässigkeit herausnehmen, indem du solche Versuche rigoros bestrafst. Es wird im Moment gemacht“, gibt Krupp gegenüber LAOLA1 zu verstehen. Gleichwohl mahnt er zur Vorsicht, da sich die Körperhaltung schwer einschränken lässt.

„Der Scheiben-Führende ist in der vorwärts gebeugten Position. Und der Crack, welcher den Kontakt herstellt, steht aufrecht. Es gibt keinen Weg daran vorbei, dass der Kopf zuerst auf den Gegner trifft.“ Ewiger Wegbegleiter bleibt die Gefahr. Einzudämmen, sei jene durch konsequentes Durchgreifen.

Folglich erhalten die Offiziellen seit Saisonbeginn hochkarätige Unterstützung aus dem Hintergrund.

Eine harte Linie gegen Übeltäter

Kein Geringerer als Brendan Shanahan, dreifacher NHL-Champion, ist das Korrektiv im System. Unter der klingenden Bezeichnung „Senior Vice President of Player Safety“ beäugt er Begegnungen kritisch, entscheidet über Ausmaß der Strafen sowie etwaige nachträgliche Sanktionen. Dabei scheut er nicht davor zurück, unpopuläre Beschlüsse zu fällen.

Vanek, der seine nunmehr siebente Saison hinter sich brachte, unterstützt die harte Linie. „Er fängt mit Suspendierungen an. Umso höher, umso mehr wird ein Spieler zu denken beginnen, ob er einem Gegner den Bombencheck gibt oder nicht“, betont der 28-Jährige.

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