Hinter den Kulissen des Drafts

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Scouting Report: Hinter den Kulissen des NHL-Drafts

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Freitag, 19 Uhr Lokalzeit, BB&T Center in Sunrise, Florida. Start zum NHL-Draft 2015.

„Für uns ist das wie der Startschuss für ein Rennpferd“, so die Aussage eines altgedienten Scouts.

LAOLA1 blickt hinter die Kulissen eines typischen Draftwochenendes:

Dienstag oder spätestens Mittwoch trudeln die Scouts aus aller Welt in Florida ein. Im Gegensatz zu den Abschlussmeetings und vor allem zum Combine sind jetzt wirklich alle Scouts – vom Headscout bis zum letzten Part-Timer – eingeladen, gilt es doch die Früchte der Arbeit des ganzen Jahres einzufahren. Was gibt es noch zu erledigen?

Sitzungen und Interviews:

Einige Teams gehen nochmals über ihre Listen - hat noch irgendjemand große Bedenken? Ist irgendetwas mit einem Spieler in den letzten Wochen passiert (Verletzung? Verkehrsunfall? Randale in einem Nachtclub?)?

Grundsätzlich sind so etwas Ausnahmen, einige Teams ändern ihre Listen aber noch aufgrund der letzten Interviews. Denn hier – so wie beim Combine – werden einige Spielern nochmals zu Gesprächen gebeten, die in den Konferenzräumen der jeweiligen Hotels stattfinden.

Der GM möchte vor allem die Spieler kennenlernen, die für den Erstrundenpick in Frage kommen. Auch hier gehen die Teams wieder höchst verschieden vor – von lockeren Plaudereien bis zu Curveball-Fragen wie: „Wenn deine Heimatstadt von Nordkorea eingenommen wird und du ein Familienmitglied zurücklassen müsstest – wer wäre das?“ (Erwartete Antwort: Ich selbst).

Ob solche Fragen wirkliche neue Erkenntnisse ergeben? Und ob man in letzter Sekunde und nach einem harten Jahr in den Rinks wirklich die Liste noch einmal umdrehen sollte? Vielleicht in Extremfällen und auch da nur mit Vorsicht: Ein Spieler soll bei einem Gespräch einmal angedeutet haben, dass ihm Eishockey nicht so wichtig sei, zumindest ein Team ließ ihn dann auf seiner Liste dann auch weit absacken. Der Name des Spielers: Ryan Getzlaf – einer der NHL-Topcenter des letzten Jahrzehnts.

Die erste Runde:

Der Draft findet immer auf der eigentlichen Eisfläche der jeweiligen NHL-Arena statt. Dort stehen vor einem großen Podium mit einer riesigen Anzeigetafel sechs Reihen mit je fünf Tischen, geordnet nach der Draftorder der ersten Runde.

Vorne sind also die "Loser" der letzten NHL-Saison, in der letzten Reihe ist der Stanley-Cup-Winner platziert. Am Kopf des Tisches sitzen der GM, Assistant GM, dann der Director of Scouting bzw. der Head Scout, dann in abfallender Ordnung die weiteren Scouts bis zu den Part-Timern.

Am untersten Ende des Tisches: Die Pro Scouts sowie die Coaches, alle im Laufe des Drafts schwer gelangweilt, schließlich kennen sie diese Spieler überhaupt nicht. Alle sind mit einer großen Mappe ausgerüstet, die (zumindest) die Abschlussliste sowie die Draftorder beinhaltet.

Die erste Runde am Freitag ist für die Scouts eher lähmend, dauert sie doch drei Stunden. Grund dafür: Die TV-Übertragung. Erst wälzen sich die Scouts zum Podium hinauf, danken dem Gastgeber, gratulieren den Blackhawks zum Stanley-Cup-Gewinn, grüßen ihre Fans zuhause, bevor endlich der Pick bekanntgeben wird. Dann folgen Fotos und TV-Interviews, ehe das ganze Prozedere von vorne beginnt.

Da hier jedes Team streng nach der Liste vorgeht, bleibt keine Zeit zur Improvisation, man pickt einfach den jeweils nächst gelisteten Crack. Allerdings kommen hier schon die ersten Trades vor: Ein Team möchte unbedingt Spieler X mit dem 20. Pick draften, glaubt aber, dass eines der Teams davor schon zuschlagen wird. Der GM versucht also ein „Trading up“: Etwa für den 16. Pick, gibt dafür seinen 20. und sein Zweirundenrecht her. Damit so etwas auch nur in Betracht gezogen wird, muss der angestrebte Spieler auf der eigenen Liste natürlich sehr weit vorne stehen.

Die Florida Panthers bestanden trotzdem darauf, ihn in diesem Jahr zu draften. Ihre Argumentation: Wenn man die Schaltjahre rausrechnet, wäre Ovechkin sehr wohl schon verfügbar. Die NHL schloss sich der Argumentation von Panthers-GM Rick Dudley aber nicht an…

Eine Draftkuriosität durfte ich aus nächste Nähe erleben – und sie betraf mit Andy Chiodo einen altbekannten EBEL-Crack.

Draft 2001, der 135. Pick: Atlanta-Thrashers-Scouting-Direcor Dan Marr meldet sich über das Mikrofon: „Die Atlanta Thrashers wählen Torhüter Andy Chiodo“. Entsetzte Blicke am Tisch: Das stimmt doch nicht, Stürmer Colin Stuart war das Opfer der Begierde. Marr sieht seinen Fehler auch ein, stürmt Chiodo, der nach den Glückwunschen seiner Familie bereits den Draftfloor erreicht hat, entgegen und gesteht ihm seinen Irrtum, Chiodo muss unverrichteter Dinge wieder umkehren. Das gab es noch nie!

Doch was war passiert? Jeder Draftpick muss in den NHL-Computer eingegeben werden, dort wird dieser auf die Zulässigkeit (Noch nicht gepickt? Kein neuer Punch-Imlach-Gag?) überprüft. Das Warten auf die Freigabe dauert etwa eine Minute, Marr hatte auch wie beabsichtigt Colin Stuart eingegeben.

Während der Wartezeit fragte GM Don Waddell Marr bereits nach den Kandidaten für den nächsten Pick. Marr erwähnte neben einem Stürmer auch Chiodo, erzählte Waddell ein bisschen von dessen Vorzügen. Gerade da meldete sich die NHL: „Go ahead, Atlanta.“ Marr, in Gedanken noch bei Chiodo und nicht bei Stuart, gab dann die fatalen Worte von sich.

Der zweite Tag:

Nach weiteren Meetings und einer kurzen Nacht steigt am nächsten Morgen (10 Uhr) der Rest des Drafts – und da steigt der Stressspiegel wesentlich an, stehen doch noch sechs Runden an.  

Die Picks werden nicht mehr vom Podium, sondern via Mikrofon vom Tisch bekanntgegeben, pro Pick hat ein Team nur eine Minute Zeit, kann im Bedarfsfall aber ein Timeout nehmen. Erfahrungsgemäß beginnt hier ein Run auf die Goalies, Erstrundenpicks werden für Torhüter eher kaum mehr aufgeopfert. Die Liste muss stets upgedated werden, alle gedrafteten Spieler ausgestrichen werden.

Zu Beginn hält man sich weiter strikt an die Liste, später wird aber mitunter improvisiert. Wenn man schon drei Verteidiger gedrafted hat, wird der nächste Pick eher ein Stürmer sein, auch wenn eigentlich ein Defender auf der Liste steht. Am Ende des Drafts, wenn sich die Leistungsunterscheide ohnehin verwischen, läßt man auch mitunter einem hart arbeitenden Lokalscout ein Zuckerl zukommen und draftet einen seiner Favoriten.

„Trading Up und Trading Down“:

Trades finden natürlich weiterhin statt – einige Teams geben NHL-Cracks gegen Draftrechte ab, nur um diese von der Lohnliste zu bringen. „Trading Up“ kommt weiterhin vor, im Umkehrschluss auch das „Trading Down“ – einige Teams finden, dass mehrere Picks die Chancen erhöhen, das führt dann zu den Announcements wie „San Jose tradet Pick 99 zu den New York Rangers für Picks 115, 131 und 207.“ Die Rangers haben da offenbar Angst, dass ihnen ein Spieler durch die Lappen geht, San Jose will seine Chancen mit einer breiteren Zielstreuung erhöhen.

Nach circa vier Stunden ist der Draft beendet, einige Scouts steuern gleich den Flughafen an, endlich ist ihr Arbeitsjahr beendet. Auch die GMs halten sich nicht mehr lange auf, schleißlich beginnt die Free Agency schon einige Tage später.

Andy Chiodo – zweimal an einem Tag gedrafted:

Kuriose Stories vom Draft gibt es natürlich genügend, vor allem aus der Anfangszeit. Der gelangweilte Buffalo-GM Punch Imlach etwa erfand und draftete einen japanischen Spieler (Taro Tsujimoto).  Nicht ganz so alt die Story um Alexander Ovechkin: Am 17. September 1985 geboren, versäumte er das Cutoff-Date für den Draft 2003 um drei Tage.

Lukas Haudums Chancen, gepickt zu werden, sind gering

Wie erwachsen Chiodo – er gilt als einer der besten Leader in den EBEL-Kabinen – damals schon war, beweist, dass er seine aufgebrachte Familie tröstete und den Fehler in ruhigen Worten erklärte. Immerhin durfte er sich 31 Picks später dann wirklich freuen, als ihn die New York Islanders – endgültig und unwiderruflich – zogen.

Schafft es Haudum?

Wie stehen die Chancen von Lukas Haudum, heuer gedrafted zu werden? Vom Gefühl her für mich trotz guter Leistungen eher bescheiden. Lediglich ein Team (die Dallas Stars in Person ihres schwedischen Scouts Richard Öquist) nahmen mit ihm Kontakt auf.

Das muss nicht unbedingt etwas heißen, einige Teams verzichten bei niedrigen Draft-Picks auf Interviews, informieren sich nur bei den Coaches. Ein Scout gab mir folgende Einschätzung zu Haudum: „Hat zweimal gut gespielt, als ich ihn gesehen habe, aber für mich heuer noch kein Thema. Seine Beinarbeit ist noch ausbaufähig.“

Das könnte durchaus eine Meinung sein, der sich die meisten Teams anschließen, aber es reicht ja schon eine Organisation, die sich in einer späteren Runde für Haudum aus dem Fenster lehnt. Schön wäre es für ihn, ist er doch mit Abstand das größte österreichische Talent der letzten Jahre.

Doch ob er die rot-weiß-rote Draft-Flaute des letzten Jahrzehnts beendet, ist eher fraglich und sollte auch für seine Entwicklung der nächsten Jahre keine große Rolle spielen.

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