ÖEHV-Scouting: Fortschritt mit Optimierungs-Potenzial

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„Veränderung ist Fortschritt.“

Giuseppe Mion, Verbandskapitän des ÖEHV, versprühte im Rahmen der Premieren-Pressekonferenz des neuen Teamchefs Zuversicht. Der „brummige“ Villacher begrüßt die Veränderungen.

Bei der Zusammenstellung des Betreuerstabs erhielt Manny Viveiros freie Hand. Überdies steht dem 45-Jährigen fortan ein völlig „neues“ System zur Verfügung – quasi heimisches Scouting 2.0.

„Wir haben eine Software entwickelt, die demnächst aktiv wird, bei der alle Nationaltrainer, angefangen bei den Senioren bis zur U15, ihre Spieler bewerten“, freut sich der hauptberufliche KAC-Trainer.

Während solche Technologien in der National Hockey League oder anderen Nationen schon längst ihre Berechtigung konstatierten, scheint auch Österreich endlich modernen Standards gerecht zu werden.

Spielern wird eine Note verpasst

Unter der Führung Viveiros‘ soll das Team wieder Identität verkörpern (hier geht es zur Geschichte), dabei wird der Austro-Kanadier nicht müde zu erwähnen: „Anfangen muss alles bei den Jungen. Ich habe mit den Nachwuchs-Betreuern gesprochen, welche Mentalität und Kultur herrschen soll.“ Der Überblick ist ab sofort leichter zu behalten – technischer Hilfsmittel sei Dank.

Doch wie funktioniert nun das auf Wunsch der Verantwortlichen installierte Programm? „Wir wollten das Datensystem. So haben wir die Chance, die Leistungen zu beurteilen und Spieler zu diskutieren“, erklärt die oberste Instanz der Notengebung.

In die Bewertungen fließt nicht nur die sportliche Komponente ein, legt Viveiros doch besonders auf Teamgeist und Einsatzbereitschaft Wert.

„Kleinigkeiten fließen da ein“

„Sämtliche Coaches der Nationalteams benoten ihre Spieler. Neben dem Gezeigten auf dem Eis, sind das Training und vor allem der Charakter wichtig. Viele Kleinigkeiten fließen da ein.“ Der nackten Zahl wird zudem eine schriftliche Begründung beigefügt. Selbiges geschieht auch nach Beobachtungen von Auftritten im Liga-Alltag.

Für Bernd Freimüller – langjähriger Talentspäher in der NHL - ist die Einführung ein längst überfälliger Schritt. „Vor allem die Durchlässigkeit zwischen U20 und dem A-Team hat überhaupt nicht geklappt. Teilweise war die Kommunikation desaströs.“

Österreichs „Nachbarn“, Schweiz und Deutschland, haben in dieser Hinsicht einiges voraus. Vom Scouting unabhängig läuft der Informationsfluss bei den Eidgenossen und dem „großen Bruder“ nämlich vorbildhaft.

Künftig erhalten die ÖEHV-Cracks einen Eintrag in der Scouting-Software

Fall Komarek verdeutlicht Schwierigkeiten

„Jakob Kölliker, der jetzige Nationaltrainer in Deutschland, war als U20-Betreuer der Schweiz zugleich auch Assistent der Ersten. DEB-Teamchef Uwe Krupp nahm bei Terminen sowie Trainingslehrgängen teil und hat bei U20-Weltmeisterschaften den „Co“ gegeben. Sie haben jeden Spieler aus dem Effeff gekannt. Der Übergang war natürlich fließend, schriftliche Reports hin oder her.“

Die Unzulänglichkeiten zwischen den Abteilungen seien in der Vergangenheit eklatant gewesen, wie das Beispiel Konstantin Komarek im Vorjahr eindrucksvoll demonstrierte. „Damals herrschte großes Rätselraten, welches Niveau er hat, obwohl er das derzeit größte Talent ist. Es gab viele Teamchefs, welche sich bei mir über Nachwuchs-Spieler erkundigten“, gibt Freimüller, einstiger Europa-Scout der Atlanta Thrashers, gegenüber LAOLA1 mit Grauen zu verstehen.

Während der hochveranlagte Lulea-Stürmer sein Potenzial in der schwedischen Elitserien regelmäßig zur Schau stellen darf, verschwinden andere Zukunfts-Hoffnungen in der Versenkung.

Die Legionärs-Problematik

„Wir haben College-Spieler in Nordamerika, die seit Jahren keiner gesehen hat. Niemand weiß, ob sie die Qualität besitzen, an einem Lehrgang teilzunehmen. Das kann natürlich keiner beantworten.“ Dank neuer Methode wird dies in Zukunft abgefedert, doch behoben ist die Legionärs-Problematik damit noch nicht.

„In gewissen Ländern gibt es Möglichkeiten, die Cracks über LIVE-Stream oder Videos zu beobachten. Trotzdem sind wir auf Gespräche mit Trainern und Experten angewiesen. Den Kontakt zu halten, funktioniert sehr gut“, sieht sich Viveiros - dessen Söhne Landan (18) sowie Layne (16) „in Kanada auf hohem Niveau spielen und für Rot-Weiß-Rot auflaufen“ - gezwungen, alle Mittel auszuschöpfen.

Die Möglichkeit, eine genaue Einschätzung des Leistungsvermögens zu treffen, sei jedoch nur bedingt möglich. Der Faktor Zeit spielte dabei keine unwesentliche Rolle.

Kein Mittel für Sichtungs-Reisen

Thomas Vanek, Michael Grabner oder Andreas Nödl müssen nicht beobachtet werden. Aber Spieler, die auf gewissem Niveau und in der nötigen Altersklasse sind, sollte man kennen. Ein Nationaltrainer, der Klub-Trainer ist, kann natürlich nicht ständig im Ausland herumreisen“, nimmt Freimüller den neuen Mann auf der Kommandobrücke aus der Schusslinie.

Die Krux sei im Ressourcen-Mangel auszumachen, es fehlen schlichtweg die finanziellen Mittel. „Wir leisten uns seit Jahren keinen hauptamtlichen Betreuer. Es ist kein Geld vorhanden, das ist ein Armutszeugnis für den Verband. Ich möchte nichts einfordern, die Reisen sollten in einem normalen Rahmen ablaufen. Dafür sind Leute notwendig, die sich rund um die Uhr mit Eishockey befassen.“

Selbstredend standen dem 43-Jährigen in der NHL komplett andere Möglichkeiten zur Verfügung, in der EBEL erkennt er ungeachtet davon nicht einmal ansatzweise ein professionelles Scouting.

Hilfsmittel für Kader-Zusammenstellung

„Das ist in Österreich völlig unbekannt. Legionäre werden oft auf gut Glück geholt. Lediglich Salzburg betreibt es, die Vienna Capitals oder der KAC nicht mehr. Bei kleineren Vereinen und Ausländern ist es gar nicht bezahlbar“, merkt Freimüller an. Die Entscheidung des Verbands befürwortet er, denn die Evaluierung des vorhandenen Materials scheint unerlässlich.

„Gerade bei den wenigen Spielern, die gutes Niveau haben, dürften wir es uns nicht leisten, dass wir Talente nicht kennen.“ Außerdem hat die Software assistierenden Zweck für die künftige Einberufung Viveiros‘.

„Wenn Manny den Nationalteam-Kader zusammenstellt, weiß er sowohl über Stärken als auch Schwächen des Einzelnen Bescheid“, unterstreicht Freimüller die Bedeutung.

ÖEHV-Scouting 2.0 – ein Fortschritt mit Optimierungs-Potenzial.

Christoph Köckeis

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