Mit Salzburger System zur WM

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Unser WM-Team unter der Lupe

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7.000 Fans, tolle Stimmung und eine ehrenvolle 2:4-Niederlage gegen ein mit NHL-Stars gespicktes Team Kanada.

Schwamm drüber, dass es trotzdem die fünfte Niederlage im fünften Testspiel setzte, im und um das Team herrscht – wie allerdings vor jedem Turnier - Optimismus in Sachen Klassenerhalt.

LAOLA1 beleuchtet die Stärken und Schwächen des ÖEHV-Aufgebots:

Die Torhüter:

Ohne überragende Goalie-Leistungen kein A-Verbleib, für diesen Schluss muss man kein Experte sein. Und Prag war auch die letzte WM, wo uns ein Torhüter Spiele stahl. Sein Name: Reinhard Divis. In seiner heutigen Funktion als Goalie-Coach wird er  aufgeatmet haben, dass Bernhard Starkbaum nach langer Spielpause gegen Kanada stark agierte.

Der Wiener sollte auch die unumstrittene Nummer Eins sein und das Auftaktspiel gegen die Schweiz bestreiten. Der Spielplan legt eine Aufteilung der Spiele im Verhältnis 5:2 nahe, Backup Rene Swette könnte gegen Schweden und Tschechien im Kasten stehen. Swette kann, so die Erfahrung, kurzfristig zu Hochform auflaufen,  mehrere Spiele in kürzerer Zeit sollte der Vorarlberger – nicht gerade als Trainingsmonster bekannt – nicht bestreiten.

Zwei Spiele innerhalb von 24 Stunden (kommt zweimal vor) schreien ohnehin nach einer Arbeitsaufteilung, doch das Team wird nur so weit kommen, wie es Starkbaum trägt.

Das Salzburger System:

In Ansätzen sah man durchaus Parallelen zwischen dem Spiel des Meisters aus Salzburg und dem des Nationalteams. Das bedeutet ein immens laufintensives Spiel mit großem Puck-Support, vor allem im offensiven Drittel sollen so stete Passoptionen geschaffen werden.

Wie beim Meister sollen sich die Verteidiger ins Angriffsspiel einbringen, sowohl im Spielaufbau als auch im in der offensiven Zone. Ein starres Verharren an der blauen Linie ist hier nicht gewünscht.

„Overload“ ist der Name für dieses System, der Gegner soll durch eine stete Überzahl ausgespielt werden.

Die Special Teams:

Die Powerplay-Formationen dürften sich schon herausgebildet haben. Raphael Herburger mit Michael Raffl und Brian Lebler sorgten bereits für einen schönen Überzahltreffer gegen Kanada, die Salzburger Reihe mit Manuel Latusa, Konstantin Komarek und Thomas Raffl bildet die zweite Formation. Mit Lebler und Thomas Raffl sind dabei jeweils zwei Front-Net Players mit dabei.

An der blauen Linie agieren die beiden Wiener Patrick Peter und Florian Iberer sowie Heinrich mit Pallestrang. Das alleine zeigt schon, wie dünn die Defensive besetzt ist: Pallestrang war in Salzburg der Sechserverteidiger ohne Powerplay-Einsätze, Peter in Wien in Überzahl auch keineswegs durchgehend im Einsatz.

In Unterzahl setzt Ratushny auf sehr kurze Shifts, wird wohl ungefähr sechs Stürmer zum Einsatz bringen. Voraussichtliche Pärchen: Manuel Geier/Thomas Hundertpfund, Mario Fischer/Niki Petrik und Komarek/T. Raffl. Manuel Latusa, dessen Offensive über die Jahre geschwunden ist,  könnte hier auch eine Alternative sein. Wenigstens hier könnte Heinrich etwas weniger Eiszeit erhalten, auch die offensiven Hoffnungsträger wie Lebler und Michi Raffl werden hier geschont. 

Heinrich ein „key player“

Dominique Heinrich agierte in den beiden Tests in Wien auch so, als ob er den „Rover-Stil“ wieder in Mode bringen will. Er hat auch die offensiven Qualitäten, um damit effektiv zu sein und kann auch die blaue Linie im Powerplay fast alleine bemannen.

Bei entsprechender Produktion könnte er sogar KHL-Interesse erwecken. Klar, dass er körperlich mitunter an seine Grenzen stoßen wird, doch er hat die Cleverness, bedrohliche Situationen kommen zu sehen und die Fußarbeit, diesen auszuweichen.

Der Kleinste muss in der nicht gerade vor Qualität strotzenden Verteidigung der Größte sein, einen vorsichtigen Einstieg in sein erstes A-Turnier gibt der Kader nicht her.

Große Konter-Gefahr

Ratushny brauchte allerdings  auch ein oder zwei Monate, bis dieses System in Salzburg griff, schließlich müssen die Stürmer für die pinchenden und rushenden Verteidiger covern.

In den Spielen gegen die USA und Kanada ließ sein Team drei 2-0-Situationen und noch mehr 2-1-Breaks zu – gegen die unmittelbaren Gegner wie Frankreich, Deutschland oder Lettland kann schon eine solche Situation tödlich sein.

Die hohe Kaderqualität in Salzburg war das Netz in diesem Drahtseilakt, aber wird das auch in Prag funktionieren?

Die Personalentscheidungen:

Zu übersichtlich ist das Angebot, als dass es zu großen Kontroversen gekommen wäre. Mit Torhütercoach Markus Kerschbaumer (wurde wie der gesamte vorjährige Betreuerstab ausgewechselt) verlor Capitals-Goalie David Kickert einen großen Förderer, als Dreier-Goalie fährt nun Dornbirns David Madlener mit.

Die Abwehr ist natürlich das große Sorgenkind, das bestreitet auch im Trainerstab niemand. Peter/Iberer, Heinrich/Pallestrang und Daniel Mitterdorfer/Martin Schumnig sind die ersten drei Pärchen, Robert Lembacher und Florian Mühlstein (schien im ursprünglichen 53-Mann-Kader gar nicht auf!) werden wohl weniger zum Einsatz kommen.

Der Ausfall von Mario Altmann (Gehirnerschütterung nach einem Bandencheck gegen die USA) wäre ein weiterer Schlag ins Kontor. Allgemein mangelt es an Größe und Kraft sowie der Fähigkeit zu schnellen Entscheidungen. Einige der Top-6 müssen hier - auf weit höherem Niveau als in der EBEL - größere Aufgaben als in ihren Klubteams einnehmen. Ob unsere Defender unter Druck Giveaways reduzieren können, wird wohl der Schlüssel für einen eventuellen Klassenerhalt sein.

Allerding wäre einzig Stefan Ulmer hier eine wirkliche Alternative gewesen. Doch von seiner Schulterverletzung abgesehen ist seine Beziehung zum ÖEHV schon seit Jahren eine sehr holprige. Stefan Bacher hätte Größe aber auch keine Geschwindigkeit im Entscheidungsprozess mitgebracht. Auch im Trainerstab durchaus kontrovers diskutiert: Hätte man Philipp Lindner als Vorgriff für die Zukunft mitnehmen sollen? Der gebürtige Innsbrucker hat gute Anlagen, entwickelt sich aber nur langsam weiter. Er soll in der nächsten Saison Mühlstein als siebter Verteidiger in Salzburg ersetzen.

Kaum Alternativen

Schiechl wäre eine Alternative gewesen

Auch im Angriff gibt es mit einer Ausnahme eigentlich niemanden, der zu Unrecht zu Hause gelassen wurde. Mit Stefan Geier, Daniel Oberkofler, Thomas Koch und Benjamin Petrik sagten vier Cracks verletzungsbedingt ab, davon mit Oberkofler und Koch zwei Center.

Die Mittelstürmerposition ist daher neben der Defensive die größte Baustelle. Komarek und Thomas Hundertpfund (kann er eisläuferisch auf A-Niveau Tempo aufnehmen?) sind gegeben. Michi Raffl muss im Team in die Mitte rücken, das gleiche gilt auch für Herburger, der in Biel als Flügel gesehen wird. Nach Adam Riese: Lediglich vier Center stehen im Kader, davon zwei gelernte. Wenig überraschend, dass Herburger gegen Kanada schon auf den Flügel rücken musste, sein Speed kommt hier auch besser zum Tragen. 

Die Konsequenzen aus dieser Rochade, die wohl auch für den WM-Auftakt gelten wird: Für die vierte Linie gibt es keinen Center, bei aller Wertschätzung für den Menschen und Spieler Mario Fischer, aber er ist in dieser Rolle bei einer A-WM nicht einmal eine Behelfslösung. Das bedeutet dann als Konsequenz weniger Eiszeit für die vierte Formation (Kandidaten dafür: Daniel Woger, Alex Cijan und Manuel Ganahl, der auch für höhere Aufgaben in Frage kommt).

Warum nicht Schiechl?

Warum Michael Schiechl keinen Anruf erhielt, ist nicht zu erklären. Für eine vierte Formation ist er der perfekte Mann (körperlich stark, defensiv verlässlich, okay bei Faceoffs)  und kann auch in Unterzahl eingesetzt werden.

Nicht dass Schiechl bei einer A-WM ein Key Player wäre,  aber er würde anderen Spielern dabei helfen, in geeignetere Rollen zu schlüpfen und nimmt seine Rolle auch ohne Probleme an.

Apropos Rolle: Die für Raffael Rotter, dessen Spielweise sich von dem aller anderen Spieler abhebt, wird noch gesucht. Die für den auf seine älteren Tage in Mode gekommenen Niki Petrik dürfte dagegen gefunden sein: 12. oder 13. Stürmer, aber erste Wahl im Penalty Killing. 

Ratushny muss auf Lebler hoffen

Wer schießt die Tore?

Ich weiß, gegen Ungarn und Slowenien traten wir mit Spielern an, die wahrscheinlich nicht einmal EBEL-Karrieren vorweisen werden (Philipp Cirtek, Corin Konradsheim, Florian Kurath). Und die USA und vor allem Kanada sind natürlich zu große Kaliber. Aber trotzdem zeigte dieses Vorbereitungs-Mischmasch: Viermal vier und einmal drei Gegentreffer – das wird in den Schnittpartien gegen Deutschland, Frankreich und eventuell Lettland zu viel sein. Denn von wem können wir im Umkehrschluss stete Offensivbeiträge erwarten?

Michael Raffl zeigte mit zwei schönen Treffern, dass er 1-1-Situationen gewinnen und im Alleingang Offensive generieren kann. Sein Bruder Thomas ist natürlich auch ein offensiver Hoffnungsträger, gottseidank kam er heuer endlich einmal ohne Verletzungen ins Frühjahr. Er wird als Kapitän und weit ruhigerer der beiden Raffls die NHL-Fraktion im Team (= sein Bruder) mit dem Rest des Teams vereinen müssen.

Auf Brian Leblers Schuss und Physis muss Ratushny natürlich in den entscheidenden Partien hoffen, in Spielen wie gegen Tschechien, Kanada oder Schweden dürfte sein Mangel an Speed ihn weniger effektiv machen. Um effektiv zu sein, muss er ganz einfach in den Slot kommen. Secondary Scoring ist noch von Herburger, eventuell Komarek sowie Heinrich und Iberer (im Powerplay) zu erwarten. Grundsätzlich gilt: Alles was an Punkten von Linie zwei bis vier und der blauen Linie kommt, ist ein Bonus. 

Bei der WM wird Kanada mindestens zwei Nummern zu groß sein

Die Gegner:

Wer auf Punkte gegen Tschechien, Schweden oder Kanada hofft, träumt natürlich in Technicolor. Die Schweiz ist unter dem neuen Trainer Glen Hanlon zu Turnierbeginn etwas unberechenbarer als sonst, aber trotzdem Favorit.

Lettland hat einige gewichtige Absenzen (Kulda, Karsums, Girgersons, Bartulis) zu beklagen, ist uns aber schon seit Jahren sowohl im Senioren- als auch im Juniorenbereich überlegen. Der Sieg vor zwei Jahren in Helsinki sollte aber Hoffnung geben. Frankreich? Seit Jahren schon eingespielt und mit dem gleichen Trainer und zuletzt mit einem tollen Turnier in Minsk, allerdings ohne Schlüsselspieler Bellemare. Deutschland? 20 Absagen, Coach Pat Cortina ein „Dead Man Walking“ – wie immer rechnen wir uns gegen den Erzrivalen am meisten aus. Die fünf Punkte in Helsinki waren eine durchaus beachtenswerte Marke, reichten aber trotzdem nicht zum Klassenerhalt.

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