Zu viele Brandherde, die er nicht löschen konnte

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Bewegte drei Jahre liegen hinter dem österreichischen Eishockey.

Im September 2011 wurde Manny Viveiros als Nachfolger von Bill Giligan zum neuen Teamchef der österreichischen Nationalmannschaft ernannt. Der damalige KAC-Coach erhielt einen Dreijahres-Vertrag, der nun nach der Weltmeisterschaft der Division 1A sein Ende gefunden hat und von Seiten des Verbandes nicht mehr verlängert wurde.

Viveiros selbst hätte weitergemacht und ließ nach dem erfolgreichen Aufstieg keinen Zweifel aufkommen, dass er auch in den nächsten Jahren als Teamchef gerne hinter der Bande gestanden wäre.

"Das ist keine Arbeit für mich. Es ging mir auch nie ums Geld. Ich möchte diesen Weg mit der Mannschaft weitergehen. Ich will Teamchef bleiben“, gab der 48-Jährige nach der B-WM ein klares Bekenntnis pro Verlängerung ab.

Doch der Verband, wohl allen voran Sportdirektor Alpo Suhonen, sah das anders und erklärte die Zusammenarbeit am Montag-Abend für beendet.

Die Chemie zwischen dem Sportdirektor und dem Teamchef hatte von Anfang an nicht gestimmt und am Ende saß der Finne am längeren Ast. Der 65-Jährige genießt im Verband Narrenfreiheit und hatte stets, im Gegensatz zu Viveiros, die absolute Rückendeckung von Präsident Dieter Kalt und Geschäftsführer Christian Hartl.

Neben Viveiros werden auch die Verträge mit seinen Assistenten nicht verlängert, sprich auch Rob Daum wird künftig nicht mehr als Assistent fungieren. Wahrscheinlich ist jedoch, dass die „Neulinge“ Dieter Kalt jun. und Christoph Brandner weiterhin als Co-Trainer agieren werden, betont Suhonen doch stets, österreichische Trainer fördern zu wollen.

Positives sportliches Fazit

Die Teamchef-Ära Viveiros ist Geschichte und es stellt sich die Frage, nach welchen Beweggründen sich der Verband gegen die Verlängerung des 48-Jährigen entschieden hat.

Rein sportlich kann diese nur schwer begründet werden, hat das Nationalteam unter der Führung des gebürtigen Kanadiers doch so einiges erreicht. Persönliche Beweggründe scheinen hier schon eher zum Tragen zu kommen, ebenso wie das Standing des Teamchefs innerhalb der Mannschaft, aber auch in der Öffentlichkeit.

Aus diesem Grund führt LAOLA1 nochmals den sportlichen Werdegang der ÖEHV-Truppe unter der Führung Manny Viveiros‘ an und wirft einen Blick auf die vielen Nebenschauplätze, die ihm die Arbeit erschwerten und letztendlich wohl seinen Job kosteten.

Die sportliche Seite:

B-WM in Ljubljana (SLO) 2012:

Das erste Großereignis welchem sich Viveiros und sein neuformiertes Trainerteam mit Rob Daum und Christian Weber stellen musste. Mit der jüngsten Mannschaft, die jemals für Österreich an einer WM teilnahm, erreichte man den zweiten Platz hinter Slowenien und hatte bereits vor dem abschließenden Spiel gegen den Gastgeber und Mitaufsteiger das Ticket für Helsinki 2013 in der Tasche.

Fazit: Das sportliche Ziel wurde mit dem Aufstieg erreicht.

Olympia-Qualifikation in Bietigheim (GER) 2013:

Der Nationalmannschaft gelang mit dem Turniersieg in Deutschland nach 12-jähriger Absenz erstmals wieder die Qualifikation für die Olympischen Spiele. Absolutes Highlight war der Punktgewinn im letzten Spiel gegen Gastgeber Deutschland, der zur Qualifikation reichte. Einer der größten Erfolge in der Geschichte des österreichischen Eishockeys und somit auch ein Meilenstein für Viveiros als Teamchef.

Fazit: Das sportliche Ziel wurde mit der Qualifikation erreicht.

A-WM in Helsinki (FIN) 2013:

Zum ersten Mal konnte der Teamchef auf Thomas Vanek zurückgegreifen. Somit ging Österreich mit der bestmöglichen Mannschaft in das Turnier und verpasste dennoch den Klassenerhalt. Licht und Schatten wechselten sich in Finnland ab. Tollen Auftritten mit Siegen gegen Lettland (6:3) und Ex-Weltmeister Slowakei (2:1 n.P.) standen unter anderem Niederlagen gegen Frankreich (1:3) und Deutschland (0:2) gegenüber. Die Pleiten gegen Finnland, USA und Russland waren im Vorfeld bereits kalkuliert gewesen.

Fazit: Das sportliche Ziel wurde mit dem Abstieg verfehlt.

Olympische Spiele in Sotschi (RUS) 2014:

In der Vorrunde überraschte das Team mit einem 3:1-Sieg über Norwegen und kämpfte dann gegen Slowenien um den Einzug ins Viertelfinale. Dazwischen lag die Partynacht, welche eine eigentlich gute Olympia-Platzierung in den Hintergrund drängte. Mit einem Sieg über die vom Spielermaterial durchaus ebenbürtigen Slowenen hatte man die Chance auf einen historischen Erfolg, welcher am Ende nicht eingefahren wurde.

Fazit: Das im Vorfeld formulierte sportliche Ziel wurde mit Sieg über Norwegen erreicht. Ein Sieg gegen die zweite B-Nation Slowenien wäre rein vom Leistungsstand beider Mannschaften sicherlich im Bereich des Möglichen gewesen.

B-WM in Goyang (KOR) 2014:

Ein radikaler Umbruch fand nach den Olympischen Spielen statt und Österreich reiste mit einer Mannschaft mit dem Durchschnittsalter von 25 Jahren zur B-WM. Die Erwartungen waren nicht hoch, fanden sich doch im endgültigen Kader nicht weniger als zehn WM-Debütanten wieder. Ein Platz in den Top zwei wurde der Mannschaft nicht wirklich zugetraut. Dennoch schaffte Viveiros mit dieser Truppe den sofortigen Wiederaufstieg, auch wenn die spielerischen Defizite des Teams oftmals aufgezeigt wurden. Ein Blick auf die Kaderliste verrät aber auch, dass die großen Alternativen in der Personalgestaltung nicht gegeben waren.

Fazit: Das sportliche Ziel wurde mit dem Aufstieg erreicht.

Das sportliche Resümee muss daher durchaus positiv ausfallen, hat man doch bei allen Turnieren bis auf die A-WM 2013 in Helsinki das ausgegebene Ziel erreicht und mit der Olympia-Qualifikation sowie dem Wiederaufstieg 2014 Erfolge gefeiert, die dem Team wohl nur die kühnsten Optimisten zugetraut hätten.

Und dennoch muss der Teamchef gehen. Der Grund dafür liegt nicht im sportlichen, sondern es waren die vielen Brandherde, die teilweise vom Verband mitverantwortet wurden und die Viveiros nicht im Stande war zu löschen und das Ende seiner Amtszeit letztendlich besiegelten.

Die Nebenschauplätze:

B-WM in Ljubljana (SLO) 2012:

Nach dem Spiel gegen Ungarn sorgte Verteidiger Stefan Ulmer durch ein Interview mit den „VN“ für große Aufregung. Der Schweiz-Legionär zeigte sich mit seiner geringen Einsatzzeit nach der Niederlage gegen Japan unzufrieden und sah sich in der Rolle des Sündenbocks. Er warf dem Teamchef vor, Spieler mit Kärnten-Background zu bevorzugen. "Als Vorarlberger kann man gegen die „Kärntner Mafia“ nichts machen", so Ulmer, der daraufhin aus dem Kader gestrichen wurde. Es folgte eine Entschuldigung und in weiterer Folge eine Begnadigung, sodass der Defender nach kurzer Nachdenkpause wieder für das ÖEHV-Team nominiert wurde.

Fazit: Viveiros begnadigte Ulmer mit der Begründung jeder hätte eine zweite Chance verdient. Am Ende ging der Teamchef aus dieser Causa als Verlierer hervor. Einen Spieler, der den Head Coach auf diese Weise beleidigt, für eine bedeutungsloses Spiel gegen Slowenien aus dem Kader zu streichen, ist nicht das Durchgreifen mit starker Hand, welches von der Öffentlichkeit erwartet wird.

Olympische Spiele in Sotschi (RUS) 2014:

Durch das Trinkgelage des Septetts Thomas Vanek, Michael Raffl, Michael Grabner, Florian Iberer, Rene  Swette, Mario Altmann und Stefan Ulmer legte sich ein tiefer Schatten über das heimische Eishockey. Die Posse um die öffentliche Bekanntgabe der Namen bedeutete einen weiteren Imageschaden für den heimischen Kufensport und den Teamchef. Die drei NHL-Profis und Iberer gaben ihre Beteiligung von sich aus zu und entschuldigten sich. Das verbleibende Trio wurde von Präsident Dieter Kalt mehr oder weniger überraschend genannt, obwohl die Angelegenheit nur Tage zuvor von Teamchef und Sportdirektor als erledigt bezeichnet wurde. Viveiros wollte von Beginn an die Namen nennen, was ihm von höchster Stelle verboten wurde. Ähnlich wie im Fall Ulmer ließ der Teamchef die nötige Härte vermissen. Dies ist allerdings auch dem Verband geschuldet, der offensichtlich seinem Trainer nicht die komplette Rückendeckung gibt.

Schlussendlich ergeben sich fünf Gründe, warum Viveiros als Teamchef nicht weitermachen durfte:

  • Mangelnder Dampfhammer: Viveiros ist ein netter Mensch. Er ist höflich und immer um den richtigen Ton bemüht. Er vertraute seinen Spielern und appellierte an ihren Stolz, um ihr Bestmögliches zu erreichen. Für ihn war es eine Ehre Teamchef zu sein und er ging davon aus, dass es den Spielern ebenso ging. Oft wirkte es so, als wäre der Teamchef schlicht „zu nett“ und zu gutgläubig, was die Spieler zum Beispiel beim Zapfenstreich in Sotschi ausnützen. Sein Vertrauen in seine Spieler war seine Schwäche. Dieser Führungsstil funktioniert vielleicht bei großen Nationen wie Kanada oder Schweden, in Österreich hat er es aber damit sicherlich schwer.
  • Fehlende Rückendeckung: Die Affäre um die Partynacht bei den Olympischen Spielen wurde zum großen Dilemma für den Teamchef. Er kündigte an, die Namen binnen zweier Tage nennen zu wollen, wurde vom Verband aber zurückgepfiffen. Er fand sich damit ab und war auf Pressekonferenzen bemüht, das Thema zu den Akten zu legen. Als langsam Gras über die Sache zu wachsen schien, fühlte sich der Präsident Kalt dann bemüßigt, die Namen doch noch zu nennen. Viveiros war, wie sooft bei Verbandsentscheidungen, in dieser Affäre nur Passagier, obwohl er eigentlich als Teamchef die Zügel in den Händen halten hätte sollen. Ähnlich erging es ihm schon bei der Affäre um Ulmer. Eine Frage stellt sich zusätzlich: Auch Suhonen war in Sotschi vor Ort, dennoch wurde stets nur Viveiros in die Verantwortung genommen. Wo war der Sportdirektor, der nun die absolute Entscheidungsgewalt hat, während des Eklats?
  • Image in der Öffentlichkeit: Ulmer bezeichnete die Geschehnisse bei der Nationalmannschaft einst als „Kärntner Mafia“. Diesen Begriff liest man auch immer wieder in verschiedenen Foren. Mit Präsident Dieter Kalt sen. sitzt ein Kärntner an der Spitze des Verbandes. Von fünf Trainern der A-Nationalmannschaft hatten mit Viveiros, Dieter Kalt, Christoph Brandner und Markus Kerschbaumer gleich vier eine Kärntner Eishockey-Vergangenheit. Dies stößt so manchem Fan sauer auf. Sein Dasein als Passagier bei den zwei Skandalen trägt nicht unbedingt zum Imagegewinn in der Öffentlichkeit bei.
  • Standing in der Mannschaft: Es stellt sich die Frage, ob Viveiros nach all der Kritik und dem Vorfall in Sotschi bei der Mannschaft überhaupt noch das Standing hatte, um als Teamchef weiter zu machen. Nach den Olympischen Spielen wurden immer wieder Stimmen laut, Viveiros fehle die Führungsqualität, um zu seinen arrivierten Spielern durchzudringen. Wenn Matthias Trattnig berichtet, dass manche Spieler während Olympia binnen zehn Tagen dreimal mit einem Vollrausch ins Teamcamp zurückkamen, ist das auch ein Problem der mangelnden Führung und des Respekts untereinander. Allerdings sei hier wieder der Vermerk auf Suhonen erlaubt, der ebenfalls nicht rigoros eingriff, allerdings mit keinerlei Konsequenzen zu rechnen hat.
  • Taktische Fehler: Ob nun die Spieler zu schlecht sind, um das taktische System des Trainers umzusetzen oder der Trainer zu schlecht ist, um den Spielern sein System näher zu bringen, ist eine Frage, die nur schwer beantwortet werden kann. Die defensive Ausrichtung schien nicht zu stimmen. Teilweise waren auch nicht nachvollziehbare Personalentscheidungen dabei, wie zum Beispiel die Nichtnominierung von Dominique Heinrich für Olympia oder das Aufbieten von Rene Swette im alles entscheidenden Spiel bei der A-WM gegen Russland. Österreich brauchte gegen eine der besten Nationen der Welt unbedingt einen Sieg und Viveiros setzt gegen die besten Stürmer der Welt auf seinen Ersatzkeeper, der bis dato noch kein Spiel von Beginn an gemacht hatte. Nach nur 20 Minuten und drei Gegentoren revidierte er seinen Fehler und setzte den Vorarlberger wieder auf die Bank. Dass Swette beim KAC unter Vertrag steht, war wiederum Wind unter den Flügeln der Kritiker, die sich auch der Wortkonstruktion „Kärntner Mafia“ bedienten.

Am Ende bleibt wohl zu konstatieren, dass Viveiros das Bauernopfer ist. In den letzten drei Jahren wurden von Seiten des Verbandes viele Fehler gemacht, die der 48-Jährige auszubaden hatte und mit denen er dann auch nicht richtig umgegangen ist. Den Trainer aufgrund der vielen Nebenschauplätze gehen zu lassen, ist sicher nicht völlig aus der Luft gegriffen. Überraschend ist nur, dass andere Entscheidungsträger wie Suhonen oder Präsident Kalt von den Konsequenzen nicht betroffen sind und weiterhin unbehelligt ihrer Arbeit nachgehen können.

Sebastian Rauch

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