ÖEHV-Hoffnungen unter der Lupe

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Scouting Report: Der Aufstieg der U18 bei der WM

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Österreichs Eishockey-Nachwuchs befindet sich im Aufwind.

Durch den Turniersieg bei der Division 1B (sprich C-WM)  in Maribor stieg unser U18-Team unter die besten 16 Teams der Welt auf.

Hauptverantwortlich für den souveränen Aufstieg mit fünf Siegen in fünf Spielen bei einem Torverhältnis von 26:6: Ein vor allem in der Offensive tiefbesetztes Team mit viel Speed.

Scheiterte die Vorjahres-Edition noch an den starken Ungarn, konnte die Truppe von Trainer Didi Werfring den Gastgeber Slowenien in die Schranken weisen. Und das beeindruckend.

In heißen Phasen kühlen Kopf bewahrt

Schon am dritten Spieltag stand das eigentliche Finale an – Endstand 6:1, obwohl die Slowenen ebenfalls über eine starke Offensive verfügten. Nach einem bärenstarken Startdrittel kamen die rot-weiß-roten Youngsters bei einer 2:0-Führung kurzzeitig ins Schwimmen, bekamen das Geschehen aber im letzten Drittel wieder in den Griff.

Eigentliches Schlüsselspiel im Turnier war jedoch das gegen die Ukraine am zweiten Spieltag: Trotz unzähliger Chancen lag die Werfring-Truppe knapp zwei Minuten vor Schluss noch mit 1:2 in Rückstand, ehe Turnier-Topscorer Christof Kromp und der Salzburger Dario Winkler die Partie noch umdrehten.

Der Rest der Gegner (5:1 gegen Japan, 7:2 gegen Litauen, 5:0 gegen Italien) waren keine Stolpersteine.

Coach spielt Stärken des Teams aus

Was zeichnete die diesjährige Truppe aus? Vor allem eine tiefbesetzte Offensive mit vier guten Linien, kein einziger Stürmer fiel ab.

Überragend der Speed des Teams, die Truppe konnte mit jeder Formation Tempo machen, sodass auch zeitweilige Größennachteile (wie etwa gegen Slowenien) überhaupt nicht ins Gewicht fielen.

Bei aller Tiefe: In den Schlüsselspielen managte Werfring seine Bank sehr gut. Grundsätzlich mit vier Blöcken angetreten, kürzte er seine Defensive gegen Slowenien auf sechs Verteidiger, wobei die beiden besten, Lucas Birnbaum und Bernd Wolf, als Stabilisatoren alternierend mit viel Eiszeit ausgestattet wurden.

Österreichs NHL-Hoffnung trumpft auf

In der Schlussphase gegen die Ukraine wiederum war Team-MVP Lukas Haudum fast durchgehend auf dem Eis zu finden (vor allem bei den zahlreichen Powerplays) und bereite dann auch den Siegestreffer vor.

Haudum bot – wie zu erwarten –  Erwachseneneishockey in einem Nachwuchsturnier an und könnte auch gegen ältere und körperlich stärkere Spieler (wie bei der U20-WM gezeigt) mühelos mithalten.

Neben Haudum war der zum besten Stürmer des Turniers gewählte Christof Kromp ein weiterer Schlüsselspieler, seine zwei Treffer drehten die Partie gegen die Ukraine erst um.

In dieser Partie und in der Druckphase gegen Slowenien ebenfalls ein Rückhalt: Goalie Dominic Divis, Sohn von Ex-Teamtorhüter Reinhard. Die Goalieposition war vor dem Turnier der Bauchwehposten, Divis schnappte sich jedoch das Einser-Leiberl und war dann da, wenn er gebraucht wurde.

Lukas Haudum ist Österreichs größte Hoffnung seit Jahren

Bei nur sechs Gegentreffern war es logisch, dass er zum besten Goalie des Turniers gewählt wurde.  In der Defensive agierten neben Birnbaum und Wolf auch deren Nebenleute Gerd Kragl (Linz) und Simon Wolf (L. A. Stars) solide.

Nachwuchsarbeit trägt erste Früchte

Im Angriff zeigte sich die Tiefe darin, dass ein Talent wie Yannic Pilloni die (nominell) vierte Linie centerte. Mit Daniel Wachter war der kleinste Spieler des Teams ein Aggressivleader, seine Strafminuten waren eher unglücklich denn undiszipliniert.

Der Aufstieg in die B-Gruppe war nicht das einzige Lebenszeichen des österreichischen Nachwuchses in den letzten Wochen: Bei einem U16-Turnier in Salzburg bezwang man Norwegen einmal und unterlag einmal im Penaltyschießen, gegen die Schweiz hielt man beim 1:3 sehr gut mit.

Einzig die 0:7-Niederlage gegen Deutschland zeigt, dass noch viel Luft nach oben ist. Trotzdem: Die erweiterte und durch Nachwuchsadministrator Roger Bader auf professionellere Beine gestellte Arbeit schlägt an, die investierten Gelder von Ligasponsor Erste Bank tragen erste Früchte.

Top-Nationen weit entfernt

Mit der U20 und der U18 steht Österreich nun nach vielen Jahren wieder in beiden Altersstufen unter den besten 16 Teams der Welt. Wie teilt sich das Nachwuchseishockey hier eigentlich auf?

Kanada, USA, Schweden, Russland, Finnland, Tschechien, Schweiz und mit Ach und Krach die Slowakei sind die etablierten Top-Teams. Dahinter kommen mit Deutschland, Lettland, Weißrussland, Norwegen und Dänemark die Nationen, die sich fast im jährlichen Wechsel um die restlichen zwei Plätze in der Top-Division matchen.

13 Nationen also, die derzeit deutlich über unseren Nachwuchs zu stellen sind. Wir befinden uns in einem Boot mit Frankreich, Slowenien und Ungarn - Teams, die an der Schwelle zwischen Division 1A und 1B stehen.

Kasachstan ist in dieser Region irgendwo eine Wundertüte, bei gutem Verlauf können sie sich über Jahre in der 1A halten, bei schlechtem ewig in der 1B verharren. Doch das Eishockey dort stagniert genauso wie das in der Ukraine, Italien ist eigentlich auch meist hinter unseren Teams angesiedelt.

NHL-Scouts waren anwesend

Das Nahziel im Nachwuchs sollte also der dauerhafte Aufenthalt unter den Top-16 sein, jeder Schritt näher zu Nationen wie Dänemark oder Norwegen sowie das uns in vielen Problemen (u. a. ein legionärsdominiertes Profi-Eishockey und zu wenige Nachwuchsteams) ähnliche Deutschland wäre schon ein ansehnlicher Erfolg für die nächsten Jahre.

Für die Gewinner von Maribor und für das österreichische Eishockey ebenfalls erfreulich: Der ÖEHV wird sich um die Austragung der nächsten U20-WM (Division 1A) bewerben.

Die erste Nachwuchs-WM seit 2005 würde in Wien (Halle 3 des Eissportzentrums Kagran) stattfinden, eine (ohnehin fragliche) Kampfabstimmung könnte fast nur für Österreich ausfallen.

Der Schlager gegen Absteiger Deutschland würde also vor heimischen Fans stattfinden und auch vor Scouts fast aller NHL-Teams. Maribor als drittklassiges Turnier wurde natürlich nur sehr vereinzelt (etwa von San Jose, Tampa Bay und den Islanders) begutachtet…

Österreichs Schlüsselspieler in Maribor:

Lukas Haudum (Södertälje, Schweden): Meist ein Mann unter (talentierten) Jugendlichen. Wie bei allen guten Spielern verfolgt ihn der Puck zeitweise. Geht mit Bestimmheit in die Zweikämpfe und verursacht viele Turnovers. Guter Wrist-Shot und immens harter und genauer One-Timer. Sehr gut an blauer Linie im Powerplay, findet mit Ruhe die richtigen Entscheidungen. Würde auch sehr guten Verteidiger abgeben. Körperlich bereits sehr stark, verfügt auch über einen „Nasty Streak“. Sehr gute Übersicht und harte Pässe. Stark auf den Eisen, muss aber noch in seiner Dynamik und Explosivität zulegen. Bester ÖEHV-Prospect seit Jahren.

Christof Kromp (Troja-Ljungy, Schweden): Sniper und bester Scorer des Turniers. Kann mit Wrister Ecke anvisieren und treffen, drei Tore landeten genau im Kreuzeck. Wird mit Puck nicht langsamer, kann ohne Geschwindigkeitsverlust überraschend abziehen. Sehr gute Hand-Eye-Koordination. Mehr Abschlussspieler als Vorbereiter und mit einigen abwesenden Phasen, muss seine Beiträge ohne Puck steigern. Körperlich auf diesem Niveau ok, muss aber noch an Muskelmasse zulegen. In wichtigen Phasen mit entscheidenden Treffern, hat Torjäger-Mentalität.

Lucas Birnbaum (Red Bull Salzburg): Großgewachsener Verteidiger mit sehr guter Reichweite. Nimmt Pass- und Schusslinien mit Stockarbeit weg. Spielt Größe entlang der Bande sehr gut aus. Eher ein krakenhafter Verteidiger als ein Hitter. Wächst noch in seinen Körper, sollte mit zunehmender Beinkraft noch etwas dynamischer werden. Kann Scheibe zirkulieren, wird sich aber mehr über die Defensive als offensive Beiträge definieren. Entwicklung wird noch länger andauern.

Florian Baltram (Lethbridge Hurricanes, WHL): Kapitän, sollte für fast jeden Coach ein Lieblingsspieler sein. Sehr gute Spielauffassung, liest das Spiel gut, meist in der richtigen Position. Dynamischer Eisläufer, kann Gegner so unter Druck setzen und Turnovers hervorrufen. Gut getimte Hits ohne dumme Fouls. Sollte sehr guter Rollenspieler mit etwas „Secondary Scoring“ werden, Offensive wird wohl eher limitiert bleiben.

Bernd Wolf (SC Bern, Schweiz): Gemeinsam mit Birnbaum der beste Verteidiger des Teams. Sehr smart, gerät mit Puck nie in Panik, kann Forecheckern ausweichen und bringt Scheibe zum Nebenmann oder aus dem Drittel. Stabil im Zweikampf, dürfte aber maximal ein mittelgroßer Verteidiger werden. Kann Scheibe im Powerplay gut zirkulieren, Schuss ist aber verbesserungswürdig. O-beiniger Skater, Beweglichkeit ist gut, Speed nur Durchschnitt. Als 98er noch drei Jahre für das U20-Nationalteam spielberechtigt.

Dominic Divis (Black Wings Linz): Stabilisierte auf der Goalieposition die Schwachstelle dieses Jahrgangs. Vor allem gegen die Ukraine mit Key Saves in entscheidenden Phasen. Nach Wachstumsschub noch etwas unrund und zeitweise roboterhaft in seinen Bewegungen. Sein 5-hole ist aber zuletzt geschrumpft. Grundsätzlich mit guter Technik, setzt seine Größe gut ein und kann lange Beine auch im letzten Moment herausschießen. Gute Fanghand. Bei Goalmouth Scrambles aber zu oft und zu lange auf dem Rücken, Puck Tracking muss noch besser werden. Long-Term Project, zuletzt mit guter Aufwärtsentwicklung.

Dario Winkler (Red Bull Salzburg): „Disruptive Player“, kann Angriffsauslösung des Gegners gut stören. Gut im 1:1 und mit guten Händen. Körperliche Entwicklung durch Krankheiten und Verletzungen heuer verlangsamt.

Felix Maxa (Vienna Capitals): Intelligenter Center mit guten Händen. Kann Offensive kreieren und 1:1-Duelle gewinnen. Hätte gute körperliche Voraussetzungen. Zuletzt mit Aufwärtsentwicklung, aber muss seine Komfortzone noch weit öfters verlassen. Zeitweise etwas temperamentlos.

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