Wie schaut ein NHL-Scouting-Meeting aus?

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Das europäische Eishockey befindet sich nach der WM in der Sommerpause, in Nordamerika geht in es in den Profiligen noch um alles.

Doch für die NHL-Scouts sind die Playoffs nur Nebeneffekt, ihre Hauptaufgabe liegt darin,  die Listen für die Draft zu erstellen.

LAOLA1 blickt hinter die Kulissen eines typischen Scouting Meetings und beantwortet einige Fragen:

Warum finden die Final Scouting Meetings jetzt statt?

Mit der U18-WM ist das letzte (und vielleicht wichtigste) Turnier des Jahres vorbei, einzig in Nordamerika finden noch einige Playoff-Spiele statt. Der Zeitpunkt Mitte Mai läßt auch noch ein Monat offen, wo die finale Liste nochmals gegengelesen werden kann.

Welche Scouts nehmen an den Meetings teil und wo finden diese statt?

Grundsätzliche werden alle Amateur Scouts eingeladen, die Pro Scouts (beobachten NHL und AHL) haben ja mit der Draft nichts zu tun. Einige Teams belohnen auch ihre Part-Timer oder „Pick Birds“ mit einer Einladung, andere belassen es beim Full-Time Staff. Der fällt ohnehin von Team zu Team verschieden groß aus: Die Maple Leafs hatten bis zur der Entlassungswelle vor kurzem knapp 20 fixangestelle Scouts, die Carolina Hurricanes am anderen Ende des Spektrums können ihren Scouting Staff nahezu in einem Kleintransporter unterbringen.

Wo die Meetings stattfinden, hängt meist vom Budget und den Befindlichkeiten des Managements ab. Washington etwa trennt seine nordamerikanischen und europäischen Meetings und hängt gerne ein paar Tage an die U-18-WM in einer schönen Stadt (z. B. Lissabon) an. Meist finden die Meetings aber in Nordamerika statt. Teams wie Nashville belohnen ihre Scouts mit Trips nach Las Vegas oder einer Kreuzfahrt, die Rangers ziehen sich gerne ins malerische Banff, wo GM Glenn Sather einen Zweitwohnsitz hat, zurück. Viele Teams nützten ganz einfach die Infrastruktur in ihrer Arena, andere wiederum verbinden diese Meetings auch mit dem derzeit stattfindenden Memorial Cup, dem Finalturnier der kanadischen Juniorenliga. Allerdings: Nach Meetings über den ganzen Tag ist nicht jedes Gehirn noch für die letzten Eindrücke auf dem Eis aufnahmefähig.

Wie lange dauern diese Meetings und was passiert da eigentlich?

Meist wird ungefähr fünf Tage lang diskutiert und das von früh bis spät. Das Ziel ist immer das gleiche: Aus einer Reihe von individuellen Listen muss nämlich DIE Liste für die Draft gebildet werden und das dauert seine Zeit. Denn diese Finalliste bildet dann die fast religiöse Grundlage für die Entscheidungen am Drafttag. Jeder von einer anderen Organisation gedraftete Spieler wird dann ausgestrichen, beim eigenen Pick kommt der nächste Spieler auf der Liste dran.

Jeder junge Crack träumt vom Erstrunden-Pick wie Ovechkin 2004

Jeder Scout bringt seine eigene Liste mit, die basiert auf den Beobachtungen der vergangenen Saison. Er ist vor allem für die Spieler in seiner Region verantwortlich, mittels „Crossover-Scouting“ hat er jedoch auch mehr oder minder Überblick über andere Regionen erhalten und listet die dort beobachteten Spieler natürlich auch.

„Crossover-Scouting“ – was ist das?

Scouts halten sich in den ersten Wochen und Monaten fast ausschließlich in ihrer Region auf, filtern heraus, welche Teams und Spieler weiter zu verfolgen sind, nach dem Motto:  „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“. Ungefähr im November oder Dezember sollte diese Arbeit fürs erste abgeschlossen sein, natürlich spielen sich aber auch nachher noch Spieler auf und von diesen regionalen Listen. Doch die Scouts aus anderen Regionen reisen spätestens im neuen Jahr mit spezifischen Aufträgen in andere Ligen, ihr „Crossover-Scouting“ beschäftigt sich vor allem mit den Spitzenspielern, die der regionale Scout empfohlen hat. Der WHL-Scout verbringt also Zeit in Ontario, der OHL-Scout reist nach Quebec und so weiter.

In welche Regionen bzw. Ligen teilen sich die Scoutinggebiete auf?

Typische Bereiche wären etwa:

Western Hockey League

Ontario Hockey League

Quebec Major Junior Hockey League

US Colleges

High Schools/Tier II

Schweden

Finnland

Russland

Tschechien

Andere Länder (z. B. Slowakei, Schweiz, Deutschland)

Wie gehen die Scouts in den Meetings dann vor?

Als Beispiel: Der WHL-Scout schreibt etwa die besten 30 – 40 Spieler seiner Liga auf eine Flipchart, natürlich in der Reihenfolge, in der er sie sieht. Die anderen Scouts bringen sich dann ein, diskutieren die Spieler, die sie gesehen haben, Abstimmungen über die einzelnen Plätze folgen. Es kommt dann zu mehr oder weniger großen Änderungen auf dieser Master List, das hängt vor allem davon ab, wie sehr der Regionalscout, der diese Spieler natürlich am besten kennt, nachgibt.

Vergleichen, Diskutieren, Abstimmen

Das Ganze passiert dann auch mit den anderen Ligen und Ländern, bis man jeweils eine Ordnung findet, mit der jeder leben kann. Das geht noch relativ flott ab, danach folgt aber der erste Knackpunkt: Es muss jeweils eine finale Liste für Nordamerika bzw. Europa gefunden werden.

Da wird etwa diskutiert bzw. abgestimmt, ob der beste Spieler der WHL, der OHL, QMJHL, College oder den High Schools den Topplatz in Nordamerika bekommt. „Gewinnt“ hier etwa der WHL-Crack, wird danach der Zweite in dieser Liga mit den Topleuten der anderen Regionen verglichen und so weiter. In Europa, wo meist ein oder zwei Fulltimer den ganzen Kontinent beackern, wird ähnlich vorgegangen.

Exotisches Österreich

Die Europascouts haben bei Streitfällen hier aber eher das letzte Wort als in Nordamerika, wo das Crossover-Scouting extensiver betrieben wird und wo vor allem die Head Scouts oder Scouting Directors als letzte Instanz die Spieler sehr gut kennen. Die europäischen Cracks werden von nordamerikanischen Scouts vor allem bei den Junioren-WMs (U20 und U18) sowie den Turnieren im August (Ivan Hlinka), November und Februar unter die Lupe genommen.

Bei Spieler aus „exotischen“ Ländern (z. B. Österreich), die in ihrem eigenen Land spielen und an keinen großen Turnieren teilnehmen, könnte nur der Europascout einschätzen, wo ihr Platz auf der Finalliste liegt, außer wenn er diesen Crack als „Must-See-Player“ schon zuvor für ein etwaiges Crossover-Scouting empfohlen hat. 

Jack Eichel wird wohl heuer die Nummer 1 oder Nummer 2 im Draft sein

Nach vielen Diskussionen gibt es dann zwei endgültige Listen, eine für Nordamerika und eine für Europa. Jetzt müssen diese beiden unter einen Hut gebracht werden,  man braucht ja zwischen 150 und 200 Namen für die Draft. Hier gehen die Gemüter noch einmal hoch, schließlich ist das endgültige Ranking hier schon in Sichtweite.

Die große Liste

Dass Connor McDavid und Jack Eichel Nr. 1 und 2 auf der Liste sein, wird bei keiner Organisation für große Diskussionen sorgen, doch wer kommt dann? College-Verteidiger Noah Hanifin, McDavids Linemate Dylan Strome, der finnische Youngster Mikko Rantanen oder jemand anderer? Hier beginnen schon die Unterschiede in den 30 Listen, die vor allem in den hinteren Rankings gar nichts mehr gemein haben. Da darf dann stundenlang diskutiert und abgestimmt werden, wieviel Hände gehen für den Europäer in die Höhe und wieviele für den Nordamerikaner?

Die immer wiederkehrenden Probleme und Trends bei diesem System?

Oft hält ein Spieler einer Liga den Rest auf. Beispiel: So sind aus der WHL und OHL schon jeweils 10 Spieler auf der Overall List, aus der QMJHL erst einer. Da gilt es die Frage zu beantworten: Ist die Quebec Liga heuer ganz einfach zu schwach oder stimmt es mit dem Ranking in dieser Liga nicht? Wenn schon einige Scouts grummeln, dass Nr. 3 in der Quebec Liga ja viel besser wäre als die Nr. 2 und eigentlich schon längst Aufnahme in der Generalliste gefunden hätte, muss die Regionalliste doch noch einmal besprochen und gegebenenfalls geändert werden…

Einige Organisationen bevorzugen Nordamerikaner (z. B. Toronto unter Brian Burke oder lange Jahre Pittsburgh), andere sind Europäern gegenüber sehr offen (Detroit, Nashville), einige wollen mit Russen nichts zu tun haben.  Die Frage daher: Finden sich die Scouts mit diesen Präferenzen ab oder bestreiten sie doch einen Krieg, den sie nicht gewinnen werden?

Die Sonderstellung der Goalies

Ein Phänomen in jedem Jahr. Die Topspieler, von denen das Wohl und Wehe einer Organisation abhängen kann, sind oft schnell gerankt, zu offensichtlich ist deren Talent und jeder Scout hat sie oftmals gesehen. Doch wenn es um das Ende der Liste geht, beginnt das große Hauen und Stechen, jeder will noch unbedingt seine Geheimtipps unterbringen, auch wenn diese natürlich die Chance eines „Snowballs in hell“ haben, je in der NHL zu spielen. Und mangels ausreichender Viewings machen Abstimmungen hier kaum mehr einen Sinn…

Wohin mit den Goalies? Einige Teams nehmen diese in die Gesamtliste auf, andere ranken sie separat. Beide Systeme haben ihre Vor- und Nachteile, doch insgesamt sind Torhüter vielleicht doch etwas zu spezifisch, um mit Feldspielern verglichen zu werden. Dazu kommt auch noch der Trend der letzten Jahre, dass der große Run auf Goalies ohnehin erst zu Beginn der zweiten Runde stattfindet…

Egal, wie sehr sich die einzelnen NHL-Teams in ihren Meetings unterscheiden, eines gilt für alle Scouts: Nach Diskussionen von früh bis spät glühen die Köpfe, ein paar Tage Abstand vom Hockey und allen Listen tut sehr gut…

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