Die doppelte Ungewissheit

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Komarek: Die doppelte Ungewissheit

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„Nicht so gut, ich habe noch Symptome!“

Mit gedrückter Stimme antwortet Konstantin Komarek auf die Frage nach dem Gesundheitszustand.

Der 19-Jährige erlebte in den vergangenen Wochen die dunkelsten Tage seiner noch jungen Laufbahn. Wie zahlreiche Superstars der „Traum-Liga“ NHL schlägt er sich mit einer Gehirnerschütterung (Eishockey, eine „Kopfsache“) herum.

Am 9. März 2012 ereignete sich der folgenschwere Zusammenprall. Seitdem prangt die Ungewissheit über dem hochveranlagten Schweden-Legionär. Und jene lastet schwer, unglaublich schwer.

Etliche Fragezeichen stehen hinter dem möglichen Comeback, noch mehr hinter der Zukunft.

Komareks Kontrakt mit dem Elitserien-Klub Lulea HK lief erst unlängst aus. Die Suche nach der neuen sportlichen Wahlheimat brachte zumindest eine Erkenntnis. Welche das ist, verrät er im Gespräch mit LAOLA1.

Überdies gewährt er Einblicke in seine Gefühlswelt, spricht über die Doppelbelastung, den Check und den schwedischen Nachholbedarf im Umgang mit derartigen Verletzungen. Das Interview:

LAOLA1: Sidney Crosby, Daniel Sedin, Nicklas Bäckström und dich verbindet eine Gemeinsamkeit, auf welche du wohl gerne verzichten würdest: Die Gehirnerschütterung. Wie kam es dazu?

Konstantin Komarek: Beim U20-Spiel gegen Timra skatete ich im 90-Grad-Winkel über die blaue Linie in die Angriffs-Zone. Den Schuss-Versuch verhinderte ein Backcheck aus dem toten Winkel, dieser hat mich voll erwischt.

LAOLA1: Wann war dir bewusst, dass es sich um eine schlimmere Verletzung handelt?

Komarek: Als ich zu Boden ging, wusste ich sofort, dass irgendetwas falsch ist. Ich hatte in der Nacht Kopfschmerzen. Anfangs dachten wir noch, da der Check gegen das Jochbein ging, dass es gebrochen sei. Am nächsten Tag wurde das untersucht und mir gesagt, es sei eine Gehirnerschütterung. Bis jetzt wurde es auch nicht viel besser.

LAOLA1: Blindside-Hits werden im Normalfall konsequent bestraft. War die Aktion übertrieben?

Komarek: Ich weiß nicht, ob es regelkonform war. Ehrlich gesagt, kann ich es mir gar nicht vorstellen. Sonst hätte ich nicht so ausgesehen. Der Spieler hat jedenfalls nichts bekommen. Ich kann es wirklich nicht einschätzen. Nachdem all das in der U20 vorgefallen ist, gibt es auch kein Video davon.

LAOLA1: Wie kamen die Mediziner zu dieser niederschmetternden Diagnose? Welche Richtlinien gibt es für dich?

Komarek: Wenn du einen harten Check kassierst und am nächsten Tag Kopfschmerzen beklagst, hast du zu 99,9 Prozent eine Gehirnerschütterung. So erklärten es mir die Ärzte. Die Regel ist nun, dass ich 24 Stunden frei von Symptomen sein sollte, um mit einem sechsstufigen Trainings-Plan zu starten. In der ersten Stufe wäre Radfahren, zwei ist eine Trocken-Einheit in der Kraftkammer mit 50 Prozent der normalen Gewichte, es folgt Eis-Training mit langsamen Skating- und Schuss-Übungen. Stufe vier wäre das gleiche nur mit hohem Puls, fünf mit Körperkontakt und Stufe sechs das Spiel.

LAOLA1: Konntest du bislang irgendeine meistern?

Komarek: In der zweiten Woche war ich symptomfrei, wollte mit Radfahren beginnen, jedoch bekam ich zuvor Kopfschmerzen. Dann hatte ich wieder vier Tage solche Nachwehen, ehe es kurzzeitig besser war. Leider hielt das nicht über eine längere Spanne.

LAOLA1: Kannst du die körperlichen Probleme über Kopfschmerzen hinaus erläutern?

Komarek: Richtig heftige Kopfschmerzen hatte ich eigentlich nie, bei mir war und ist es stets mit den Augen verbunden. Wenn mich jemand anrief und ich auf das Handy blicken musste, war das für mich anstrengend. Als ich zur Kontrolle der Ärzte mit dem Bus in die Halle fuhr, rauschte beim Fenster das Umfeld schnell vorbei. Sobald die Konzentration gefordert oder zu viel Licht war, wurde mir übel und schwindelig. Es kommt mir vor, als würde ich neben mir stehen. Wenn du lange in die Sonne schaust, tun dir die Augen weh. Damit ist es zu vergleichen.

LAOLA1: Für Gehirnerschütterungen gibt es weder Medikamente noch Therapien - wie gestaltet sich dein Alltag?

Komarek: Ich mache den ganzen Tag nichts, kann weder lange vor dem Fernseher sitzen, noch am Computer Dinge erledigen oder Auto fahren, sonst bekomme ich Kopfweh. Man ist einfach sehr, sehr eingeschränkt. Gerade als Sportler, der stets in Bewegung ist, vier Wochen in der Wohnung zu sitzen und zum Nichtstun verdammt zu sein, macht wenig Spaß.

LAOLA1: Prognosen bezüglich Comeback sind unmöglich. Wie kommt man als 19-Jähriger mit dieser erdrückenden Ungewissheit zurecht?

Komarek: Es ist nicht schön! Ich bin ein Optimist und davon überzeugt, dass die Gehirnerschütterung schon bald ausgestanden ist. Klarerweise ist es schade, dass ich nicht zum Nationalteam fahren kann. Anderseits habe ich Glück, dass nun die Saison beendet ist und ich lediglich die Playoffs verpasste. Im Januar wäre das ärgerlicher gewesen. Ob die Sache zwei Wochen länger dauert, ist jetzt egal.

LAOLA1: Ungewiss ist bislang auch deine sportliche Zukunft…

Komarek: Genau, ich bin nicht mehr bei Lulea. Ich werde nächstes Jahr definitiv woanders spielen. Es gibt Kontakte zu anderen Vereinen, aber noch nichts Konkretes. Klar ist, dass ich in Schweden bleibe.  Sowohl aus Elitserien als auch Allsvenskan, der zweiten Spielklasse, gibt es Interesse.

LAOLA1: Derzeit weilst du in Wien bei deiner Familie. Geben sie dir den Rückhalt in solch turbulenten Zeiten? Wie wichtig ist die Unterstützung der Liebsten?

Komarek: Als ich noch in Schweden war, haben mir meine Freundin und Ärzte geholfen. Nun stehen mir die Eltern zur Seite. Meine Mutter ist selbst Ärztin und wir überlegen, ob wir einen Spezialisten aufsuchen.

LAOLA1: Du lässt dich also im „Hotel Mama“ gesund pflegen?

Komarek: Genau (lacht)!

LAOLA1: Zurück zum Thema: Die NHL ist ein Vorreiter im Umgang mit Kopfverletzungen. Der ImPact-Test, welchen Spieler zu absolvieren haben, ist ein Parameter, wie weit die Gesundung bereits vorangeschritten ist. Gibt es so etwas auch in Schweden?

Komarek: Nein! Wir haben einen Spieler namens Cam Abbott. In der Vorsaison zog sich der Kanadier eine Gehirnerschütterung zu. Er war lange weg, kehrte dann etwas zu früh zurück und konnte 2011/12 kein einziges Spiel bestreiten. Abbott versuchte den Test in Schweden zu etablieren, allerdings hat es bis jetzt noch keiner für Wert gefunden. Dabei wäre es wichtig. Von den Ärzten erhält man einzig die Anweisung: Hinlegen und ausruhen. Sonst nicht viel. Ich würde schon gern wissen, ob ich Fortschritte mache. Wenn du jeden Tag daheim liegst, kannst du nicht abschätzen, ob es jetzt besser als vor zwei Wochen geht. Den Test gibt es auch im Internet, wie meine Freundin herausgefunden hat. Da sind viele Frage dabei, die einen guten Eindruck des Zustands vermitteln.

LAOLA1: Die Elitserien zählt zu Europas Top-Ligen, da sollte man glaube, man wäre auf diesem Gebiet schon weiter fortgeschritten…

Komarek: Zumindest nicht bei uns im Verein. Wie das bei den restlichen Teams aussieht, kann ich nicht sagen. Wir bei Lulea hatten einen Balance-Test, der ist für uns, wertlos. Man steht zehn Sekunden mit einem Bein auf einer sensiblen Platte, die jede Bewegung erkennt. Das probiert man mit geschlossenen und offenen Augen. Meinen besten Wert erreichte ich am Tag nach der Gehirnerschütterung. Obwohl es mir letzte Woche besser ging, bin ich da nicht herangekommen. Für mich hat dieser Gleichgewichts-Test weniger Bedeutung.

LAOLA1: Steckst du dir Ziele für die kommenden Wochen oder lässt du alles auf dich zukommen?

Komarek: Man kann eigentlich keinen Plan aufstellen. Du weißt nie, was am nächsten Tag geschieht. Es kann sein, dass ich plötzlich zwei Tage symptomfrei bin und mit dem Training beginnen kann. Das Einzige in meiner Macht liegende ist, dem Gehirn so viel Ruhe als möglich zu geben.

Das Gespräch führte Christoph Köckeis

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