"Unser System wird belächelt!"

Aufmacherbild
 

Kalt: "Alles können wir uns nicht gefallen lassen"

Aufmacherbild
 

Die Punkteregel polarisiert.

Ihre Verfechter sind primär auf Eigeninteressen bedacht. Dieser Fraktion gehören überwiegend die Branchen-Könige der EBEL an.

Ihre Gegner sprechen von einer „international belächelten“ Lösung. Österreichs Eishockey-Verband respektive Präsident Dieter Kalt zählt wohl zu den schärfsten Gegensprechern.

Wie besorgniserregend die Konstellation ist, veranschaulichten besonders internationale Vergleiche der Vergangenheit. Rechtzeitig vor den Playoffs (Sonntag ab 17:30 Uhr im LIVE-Ticker) wurde erneut eine Zukunfts-Debatte losgetreten.

Obwohl die Liga-Granden das so umstrittene System für kommende Saison bereits absegneten, stellt nun ÖEHV-Boss Kalt eine vorzeitige Abkehr in Aussicht. Seiner Auffassung nach sei dies unabdingbar.

Im LAOLA1-Interview klärt er über veränderte Rahmenbedingungen und Vorschläge auf.

LAOLA1: Mittlerweile gleicht das Punktesystem einer „Neverending Story“: Warum könnte jene nun bald fallen?

Dieter Kalt: Diese Regelung wurde vor Jahren eingeführt und war zu dem Zeitpunkt eine Möglichkeit, um die finanziellen Ressourcen unter Kontrolle zu bringen. Die ursprüngliche Idee war, die damals 65 Punkte kontinuierlich auf im Idealfall 50 zu reduzieren. Schritt für Schritt wären so die ausländischen Spieler, die mit je vier Zählern versehen sind, weniger geworden. Wenn man das Punkte-Kontingent reduziert, kann ich nicht allzu viele Transferkarten-Akteure verwenden. Denn ich benötige 22 Mann auf dem Blankett. Jahr für Jahr wurde dies von den Funktionären der EBEL etwas verändert. Um den Nachwuchs zu fördern, bewertete man die 18-Jährigen mit null Punkten. Eine Saison später waren es schon die 19-, dann die 22- und jetzt sogar die 24-Jährigen. Es kennt sich keiner mehr aus, wie viele Punkte jemand hat.

LAOLA1: Die Bewertung ist also eines der grundlegenden Probleme?

Kalt: Sie wird von der Kommission vorgenommen. In Österreich ist dies der Fall. In Slowenien (Anm.: Olimpija Ljubljana, Jesenice) können wir das nur schwer kontrollieren, teilweise bei Fehervar oder Znojmo, aber überhaupt nicht in Zagreb. In den vergangenen Jahren setzten Ungarn, Slowenen und jetzt Tschechen mehr auf Eigenbauspieler, da sie die finanziellen Ressourcen nicht hatten. Unsere Vereine waren wirtschaftlich so potent, um sich das zu leisten. Es ist legitim, die vorhandenen 60 Punkte auszuschöpfen, doch Talente sind in der Entwicklung auf der Strecke geblieben. Die Regelung ist in der Zwischenzeit ganz einfach überholt.

LAOLA1: Unlängst beschloss die Liga, daran festzuhalten. Inwiefern änderte sich die Ausgangsposition seither, sodass der Verband eine Verabschiedung in Betracht ziehen kann?

Kalt: Die Situation bei den österreichischen Auswahl-Mannschaften verbesserte sich nicht unbedingt. Wir dachten darüber nach, wie wir mehr heimische Spieler auf das Eis bringen. Nach langen internen Diskussionen wollen wir versuchen, eine Anzahl von Österreichern, möglicherweise sieben, auf dem Blankett zu haben. Automatisch wäre, ohne den Ausdruck Transferkarten-Spieler zu erwähnen, eine bestimmte Reduktion eben solcher gegeben. Würde man sich bereit erklären, wäre das mittelfristig eine Verbesserung für die sportliche Lage unserer Talente. Und Schritt für Schritt wiederum für die Nationalmannschaften.

LAOLA1: Welche Änderung strebt der Verband im Regulativ an?

Kalt: Man sollte sich von der Punkteregel trennen – aus reinen Vernunftgründen. Wenn man darauf beharrt, müsste das Hand in Hand mit einer erheblichen Reduktion des Kontingents gehen. Mir wäre es persönlich lieber, wenn wir auf diese österreichische Regelung kämen. Wissend, dass es natürlich gesetzliche Bestimmungen gibt. Aber ich bin selbst Jurist und sage: Wo kein Kläger, da kein Richter. Wenn die Klubs zustimmen, würde keiner klagen. Dann könnte man ein solches System durchführen.

LAOLA1: Beeinflusst der Kooperationsvertrag ebenfalls die Entscheidungsfindung?

Kalt: Die Liga hat zeitgerecht den Kooperationsvertrag aufgekündigt. Wir sind durchaus der Meinung, es sollte eine neue Zusammenarbeit geben. Momentan befinden wir uns in einem luftleeren Raum, da es keine vertragliche Verbindung für die nächste Saison gibt. Derzeit. Daher macht sich der Verband Gedanken. International wird, egal wohin wir kommen, dieses System belächelt. Das versteht kein Verband.

LAOLA1: Was bedeutet dieser luftleere Raum für die Verhandlungen mit Hauptsponsor Erste Bank?

Kalt: Die Gespräche über die Vertragsverlängerung laufen schon längere Zeit. So etwas erledigt man nicht von heute auf morgen. Welchen Weg kann man gehen? Was scheint sinnvoll sowie zielführend, um auch das Eishockey zu fördern? Die Erste Bank legt größten Wert darauf, österreichische Spieler und den Sport vorwärts zu bringen. Wir sind in unseren Gesprächen bereits so weit gekommen, dass wir ein gemeinsames Konzept mit der Erste Bank Eishockey Liga erstellen. Wir diskutieren, in Zukunft ein gemeinsames Gremium – das Austrian Hockey Board - zu schaffen, wo Dinge wie Punkteregelung, Spielmodus oder Nachwuchs-Bereich besprochen werden. Man würde danach mit einer Zunge an die Öffentlichkeit gehen. So kommt es zu keinen verschiedenen Auslegungen, die in den letzten Jahren zu Unmutsäußerungen führten.

LAOLA1: Wer hat letztlich das Machtwort?

Kalt: In der Vergangenheit war es oft so, dass Entscheidungen von der EBEL getroffen wurden. Bei den Beschlüssen war der Verband nie dabei. Wir haben erst im Nachhinein oder über Zeitungen davon erfahren. Alles können wir uns einfach nicht gefallen lassen. Im Interesse des Sports haben wir immer einen Kompromiss gefunden, sehr häufig Wünsche vollzogen und akzeptiert. Wenn es zu der neuen Kooperation kommt, stehe ich auf dem Standpunkt: Es muss eine Basis geschaffen werden, wo wir gleichberechtigt über Vorschläge diskutieren. Nicht, wo der eine zum anderen sagt: So ist es, so muss es sein. Ich kann versichern, dass wir kompromiss- und gesprächsbereit sind. Mir geht es gar nicht darum, wer das Sagen hat. Mir geht es darum, einen Motivationsschub für unseren Nachwuchs zu erreichen.

LAOLA1: Welche Rolle nehmen die Nationalliga-Vereine in ihren Überlegungen ein?

Kalt: Sie können derzeit aus rein finanziellen Gründen nicht an der EBEL teilnehmen. Wir wollen eine Absichtserklärung in den Raum stellen, um den Klubs zu ermöglichen, in der obersten Meisterschaft zu spielen. Damit würde man sichtbar zeigen, dass wir bereit sind, die Ausländerfrage in den Griff zu bekommen. In der Nationalliga sind nur drei Ausländer genehmigt. Daher kann das Verhältnis nicht stimmen. Wir müssen mehr österreichische Vereine ins Boot kriegen, ein Regulativ finden, welches der Erste Bank Liga und der Nationalliga mittelfristig die Möglichkeit bietet, gemeinsam Eishockey-Sport zu betreiben.

LAOLA1: Müssen die Diskussionen bald zu einem Abschluss kommen? Die Vereine befinden sich doch mitten in der Planung für die Saison 2012/13?

Kalt: Ich persönlich bin ein Optimist und glaube, dass die Gespräche für diesen vorgeplanten Austrian Hockey Board durchaus weitergehen. Hoffentlich können wir den schon im März installieren, um alle Probleme gemeinsam zu besprechen. Man sollte nicht mehr länger warten und das hinausschieben, denn die nächste Saison steht vor der Tür. Zudem sind Weltmeisterschaften zu spielen, die Funktionäre im wohl verdienten Urlaub oder nicht in Österreich. Daher wäre es günstig, das zu machen, wenn noch möglichst viele Mannschaften im Meisterschafts-Betrieb sind.

Das Gespräch führten Christoph Köckeis und Sebastian Rauch

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen