"Wir haben alle Fehler gemacht"

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"Wir haben alle Fehler gemacht"

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Er ist zurück.

Nur wenige Monate nach seiner Beurlaubung bei den Vienna Capitals nimmt Tom Pokel wieder auf der Trainerbank eines EBEL-Teams Platz.

Kein Vergleich mit der Meistersaison

Der US-Amerikaner heuerte beim HC Bozen an und kehrt damit an die Stätte seines größten Erfolgs zurück. Mit den Südtirolern holte der 47-Jährige in deren Premierensaison in der Erste Bank Eishockey Liga 2013/14 überraschend den Meistertitel.

„Nur weil wir vor zwei Jahren Erfolg hatten, heißt das nicht, dass wir ihn automatisch wieder haben“, lehnt Pokel den Vergleich zur Meistersaison jedoch entschieden ab.

Warum es bei den Capitals nicht geklappt hat, weswegen ihn die kurze Vorbereitung mit Bozen überhaupt nicht stört und ob er den Schritt nach Wien im Rückblick bereut, erzählt er im LAOLA1-Interview:

LAOLA1: Seit wann sind Sie sich mit Bozen einig?

Tom Pokel: Wir haben uns bereits Anfang April am Osterwochenende geeinigt. Es hing jetzt nur mehr davon ab, ob Bozen überhaupt in der Liga spielt, deswegen wurde es erst vor wenigen Tagen offiziell gemacht.

LAOLA1: Ist es nicht ein gravierender Nachteil, dass ihr erst jetzt auf dem Transfermarkt aktiv werdet?

Pokel: Nein, das denke ich nicht. Ich habe den Vorteil, dass ich vorher auch schon in Italien gearbeitet habe und diese Situation genau kenne. Was wir jetzt in Bozen machen müssen, unterscheidet sich nicht großartig von der Vorbereitung eines anderen Serie-A-Vereins. Wir sind daran gewöhnt, etwas später in die Saison zu starten. Die Teams in Italien müssen auch aufgrund der finanziellen Lage auf Spieler hoffen, die sich am Transfermarkt verpokert bzw. verspekuliert haben. Davon können dann Bozen oder auch andere Vereine profitieren. Sie sind schon lange im Geschäft und wissen, was sie tun. Das ist nichts Außergewöhnliches sondern der normale Sommerablauf. Dass die endgültige Zusage von Bozen erst so spät kam, ist natürlich nicht normal, aber der späte Start in die Vorbereitung ist „business as usual“.

LAOLA1: Werden Sie die Spielersuche selbst in die Hand nehmen?

Pokel: Das machen Präsident Dieter Knoll, der gleichzeitig auch General Manager ist, und ich. Für mich ist das ein großer Vorteil. Es gibt nur zwei Leute, die etwas unter vier Augen ausdiskutieren, wenn Entscheidungen getroffen werden müssen und nicht unter acht, zehn oder zwölf Augen. Ich und Herr Knoll haben eine ähnliche Philosophie bezüglich des Spiels, sprechen sozusagen dieselbe Sprache und haben schon früher gut zusammengearbeitet. Das erleichtert alles, wir müssen nicht erst irgendwelche grundlegenden Sachen ausdiskutieren, es geht einfach nur um die Spieler.

Bozen wurde unter Pokal 2013/14 überraschend Meister in der EBEL

LAOLA1: Die Situation war vor zwei Jahren ähnlich und ihr seid damals Meister geworden. Das ist ja ein gutes Omen.

Pokel: Ich habe natürlich erwartet, dass dieser Vergleich kommt, aber jede Saison ist anders. Nur weil wir vor zwei Jahren Erfolg hatten, heißt das nicht, dass wir ihn automatisch wieder haben.

LAOLA1: Warum hat es rückblickend bei den Vienna Capitals nicht geklappt?

Pokel: Es gibt viele Gründe. In erster Linie ist es nun einmal so, dass ich als Cheftrainer hauptverantwortlich bin und den Kopf hinhalten muss. Wenn die Mannschaft zu oft verliert, vor allem in dieser entscheidenden Phase, muss etwas passieren. Alle Trainer wissen das, wir sind Profis, so läuft das Geschäft. Ich bin nicht der erste Trainer, der beurlaubt wurde und auch nicht der letzte. Schlussendlich haben wir einfach nicht zusammengepasst.

LAOLA1: Was genau hat nicht gepasst?

Pokel: Die Capitals wollten etwas haben und es hat sich herausgestellt, dass sich das dort schwer umsetzen lässt. Es hat immer ein „Ja, aber...“ gegeben. Auf der anderen Seite wollte ich mein Ding durchziehen und das ging auch nicht. Wir haben alle Fehler gemacht - sowohl ich, als auch die Spieler. Alle haben eine gewisse Verantwortung dafür, wie es gelaufen ist. Letztendlich stehe ich aber in vorderster Reihe, dafür werde ich auch bezahlt. Wir verstehen und respektieren einander aber noch, ich kann nichts Negatives über die Vienna Capitals sagen. Das ist ein großartiger Verein, eine tolle Stadt. Ich habe größten Respekt vor Herrn Schmid. Was er in den letzten zehn, zwölf Jahren in Wien aufgebaut hat, ist mehr als nur beachtenswert.

LAOLA1: Sie sind bereits seit April inoffiziell Trainer. Haben Sie daher schon mit der Spielersuche begonnen?

Pokel: Das ist leichter gesagt als getan. Wir haben natürlich bereits Spieler beobachtet und auch kontaktiert. Aber so lange bis es schlussendlich feststand, dass wir spielen können, konnten oder wollten viele Spieler nicht warten. Die Liste, die wir Mitte Juli hatten, sieht daher mittlerweile ganz anders aus und ist dementsprechend kürzer. Die finanzielle Situation in Bozen macht es zudem nicht leicht. Nur weil ein Name auf einer Liste steht, bedeutet das noch lange nicht, dass wir diesen Spieler bekommen.

LAOLA1: Wann startet ihr in die Vorbereitung?

Pokel: Am 19. oder 20. August. Wir haben aber im April ohnehin ausgemacht, am 16. oder 17. August zu starten, für uns ändert sich also nicht viel. Wie vorher angesprochen, ist in Italien manches anders. Aber ehrlich gesagt haben die Spieler bei Temperaturen von fast 40 Grad ohnehin keine Lust, sich die Schlittschuhe zu schnüren. Man kann die Vorbereitung in Italien mit dem eines ECHL-Teams vergleichen. Dort gibt es auch nur ein dreiwöchiges Trainingscamp – kurz, aber intensiv. Der Vorteil dieser Herangehensweise ist, dass die Spieler immer noch motiviert und frisch sind, wenn die Saison losgeht. Es gibt keine Klagen über Müdigkeit oder Überbelastung. Es kann gut sein, dass wir am Anfang noch nicht so gut eingespielt sind, wie die österreichischen Teams, wir werden aber sicher konkurrenzfähig sein und versuchen, darauf aufzubauen.

Die Caps beurlaubten Pokel im Februar

LAOLA1: Welche Fehler haben Sie gemacht?

Pokel: Ich war nicht ich in Wien. Ich muss mich wohlfühlen und ein gewisses Vertrauen spüren. Ich war nie richtig erholt, die drei Jahre zuvor in Italien waren sehr heftig, neben meiner Arbeit als Vereinstrainer war ich ja auch Headcoach des Nationalteams, das kostet viel Kraft und Energie. Ich musste im Mai noch eine A-WM absolvieren und bin dann sofort im Juni in Wien eingestiegen, um eine Mannschaft aufzubauen. Ich hatte praktisch keine Pause und habe dann ab Dezember gemerkt, dass ich überbelastet bin.

LAOLA1: Hat es Sie überrascht, dass die Caps bis ins Finale gekommen sind?

Pokel: Das Potenzial war immer vorhanden. Man darf nicht vergessen, dass wir den besten Start in der Geschichte des Vereins hingelegt haben. Die Verletzungen haben uns aber arg gebeutelt. Für Benoit Gratton war die Saison zu Ende, bevor sie überhaupt begonnen hat, daneben haben Hugh Jessiman, Adam Naglich, Dustin Sylvester, Markus Schlacher und einige mehr viele Spiele verpasst. Das hat der Mannschaft viel Kraft gekostet, dazu kam die Doppelbelastung durch die Champions Hockey League. Das Team hat sicher einen Kickstart gebraucht, um sich wieder auf die Aufgaben zu konzentrieren. Dazu kamen die Verstärkungen Ken Magowan und Danny Bois, ein paar Verletzte kamen auch wieder zurück. Es war also gar nicht so überraschend, dass es wieder gut lief.

LAOLA1: Bereuen Sie es, zu den Caps gegangen zu sein?

Pokel: Überhaupt nicht, es war ein tolles Erlebnis. Man nimmt immer etwas mit und lernt daraus. Niemand ist perfekt, jeder Verein ist anders - sowohl was die Mannschaft als auch die Vereinsführung betrifft. Am Ende zählt aber nur der Sport und dort spielt eben manchmal auch Glück oder Pech eine Rolle. Das ist das Risiko, das man eingeht, wenn man als Profitrainer arbeitet.

 

Das Gespräch führte Fabian Santner

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