Für DEC-Coach MacQueen ist alles eine Kopfsache

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2:10. In Worten: Zwei zu zehn.

Der Dornbirner Eishockey Club schlitterte am Sonntag beim HC Znojmo in ein Debakel. Headcoach Dave MacQueen musste mitansehen, wie seine Mannschaft im zweiten Drittel, das mit 7:1 an die Tschechen ging, regelrecht auseinanderfiel.

„Wir sind momentan sehr zerbrechlich“

Dabei treibt dem 55-jährigen Kanadier nicht dieses eine Ergebnis die Sorgenfalten ins Gesicht, vielmehr sind es die schon die gesamte Saison zu beobachtenden Leistungsabfälle seiner Bulldogs im Verlauf des Spiels.

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„Wir sind momentan ein sehr zerbrechliches Team, wir sind nicht gefestigt“, analysiert MacQueen, der seit dem EBEL-Aufstieg 2012 hinter Dornbirns Bande steht.

Warum die Vorarlberger derzeit so zu kämpfen haben, wie er sein Team wieder auf Vordermann bringen will und wie er die Chancen im Spiel gegen die Vienna Capitals einschätzt, lest ihr im großen LAOLA1-Interview:

LAOLA1: Haben Sie in ihrer Karriere je so ein Spiel miterlebt wie jenes gegen Znojmo?

Dave MacQueen: Ja, wahrscheinlich schon. Ich bin schon sehr lange im Geschäft und bin mir sicher, dass ein, zwei solche Resultate dabei waren. Es ist nie einfach, das zu verarbeiten. Man versucht natürlich, so etwas hinter sich zu lassen und daraus zu lernen. Nicht nur als Spieler, sondern auch als Coach.

LAOLA1: Was ist konkret schief gelaufen?

MacQueen: Die ersten 23, 24 Minuten waren in Ordnung. Unser Problem ist momentan, dass wir zwar meist einen guten Start erwischen, daraus aber kein Kapital schlagen. Gegen Znojmo haben wir am leeren Tor vorbeigeschossen, einmal die Stange und einmal die Latte getroffen. Wenn nur eine der drei Chancen reingeht, wobei man die Stangentreffer eh nicht zählen darf, aber das leere Tor… Wenn der reingeht, steht es 2:0 und nicht 1:1 nach dem ersten Drittel. Dann geht man mit einem ganz anderen Gefühl in den Mittelabschnitt.

LAOLA1: Es ist also eine reine Kopfsache?

MacQueen: Momentan sind wir ein sehr zerbrechliches Team, wir sind nicht gefestigt genug. Wenn etwas Schlechtes passiert, läuft irgendwie alles außer Kontrolle. Dann fangen wir auf einmal an, untypische Sachen, dumme Sachen zu machen. Wenn man so viel Zeit wie wir gegen Znojmo auf der Strafbank verbringt, gewinnt man keine Eishockey-Spiele. Man darf einem Team wie Znojmo nicht zwölf Powerplays ermöglichen und erwarten, zu gewinnen.

Magnan musste zuletzt oft im Powerplay ran

LAOLA1: Was kann man da als Coach machen?

MacQueen: Wir müssen herausfinden, warum unser Selbstvertrauen derzeit verloren geht, sobald der Gegner in Führung geht. Letztes Jahr hatten wir diese Probleme nicht. Ob man ein, zwei oder auch drei Tore zurückliegt, ist egal, man kann immer noch gewinnen. Man muss immer an sich glauben, egal, was passiert. Wir haben derzeit zu wenige Spieler, die an sich glauben. Wir waren 1:4 hinten und einige haben sich wohl gedacht, dass es unmöglich wird, noch zu gewinnen. Dann beginnt man, noch mehr Fehler zu machen und dann kommt es quasi zu einem Schneeballeffekt.

LAOLA1: Fehlt es der Mannschaft an Teamspirit?

MacQueen: Nein, das glaube ich nicht. Wenn wir nicht gut in die Spiele starten würden, dann würde ich mir große Sorgen machen. Dann müssten wir alles überdenken, vielleicht unser System ändern, einfach anders arbeiten. Aber wenn man sich unsere Spiele ansieht, sind wir ein Drittel, meist eineinhalb, hin und wieder sogar zwei Drittel gut. Wir können auch mit den guten Teams mithalten. Das hat man beispielsweise gegen Linz gesehen. Auch gegen die Vienna Capitals zu Hause und gegen Salzburg waren wir nicht weit weg. Wir sind knapp dran, aber es ist momentan einfach nicht gut genug. Unsere Aufgabe ist es nun, herauszufinden, was im Kopf unserer Spieler vorgeht, wenn die andere Mannschaft ein Tor erzielt. Das sind die Momente im Spiel, in denen du dich auf deine besten Spieler verlassen können musst. Du musst Typen haben, die in genau solchen Situationen raus wollen, die doppelte Shifts fahren und den Unterschied ausmachen wollen.

LAOLA1: Die Top-Vier-Verteidiger der Bulldogs erhalten sehr viel Eiszeit. Hat man darum einen neuen Mann geholt?

MacQueen: Wir wussten, dass uns ein Verteidiger fehlt, deshalb haben wir Nick Crawford geholt. Es geht aber gar nicht primär um die Top Vier. Auch in der NHL erhalten diese Cracks sehr viel Eiszeit, das ist normal. Dennoch bringt uns ein neuer Verteidiger in mehrerer Hinsicht etwas. Erstens entlastet er die gesamte Defense, zweitens bringt er Spieler in Positionen, in denen sie sein sollten.

LAOLA1: Gibt es dafür ein konkretes Beispiel?

MacQueen: Olivier Magnan ist beispielsweise kein Powerplay-Spieler, musste bei uns aber in der zweiten Überzahl-Formation ran. Das ist nicht sein Spiel. Er ist ein physisch starker Shutdown-Verteidiger. Wenn er zu viele Minuten auf dem Eis steht, wird er müde, nicht physisch, sondern im Kopf. Und dann passieren Fehler. Jetzt, da wir Crawford haben, muss Magnan nicht mehr in Überzahl spielen, was im gesamten Spiel vielleicht nur vier bis fünf Minuten ausmacht, sich aber insgesamt sicher positiv auf seine Leistungen auswirken wird.

LAOLA1: Sind zu lange Eiszeiten ein Grund, warum es nach dem ersten Drittel oft bergab geht?

MacQueen: Das glaube ich nicht. Wir managen die Eiszeiten der Cracks so gut es geht. Es ist mehr eine psychologische Sache. Wir hatten in dieser Saison noch kein gemeinsames Erfolgserlebnis. Natürlich sind noch einige vom letzten Jahr dabei, als wir eine recht gute Saison hingelegt haben und Salzburg einen harten Kampf in den Playoffs lieferten. Wir haben aber auch sechs neue Spieler, die sich erst einfügen müssen. Erst wenn man gemeinsam Erfolge gefeiert hat, übersteht man schwere Situationen in Spielen. Anstatt „Jetzt geht das wieder von vorne los“, denkt man sich dann bei einem Gegentor: „Hey, kein Problem, dieses Spiel holen wir uns noch.“ Dieses Selbstvertrauen kann ihnen ich als Trainer aber nicht geben. Ich kann ihnen hundertmal sagen, dass es bergauf geht, sie müssen aber auch daran glauben. Wenn man, so wie wir, aber keine Tore schießt, ist das sehr schwer.

LAOLA1: Stichwort Toreschießen: Letzte Saison war das Powerplay herausragend. Woran krankt es derzeit mit einem Mann mehr auf dem Eis?

MacQueen: Zwar sind noch drei der fünf Spieler der letztjährigen Powerplay-Einheit da, das große Problem ist aber, dass Graham Mink weg ist. Es gibt nicht sehr viele Spieler, weder in Europa noch in Nordamerika, die das machen können, was er vor dem Tor kann. Er hatte eine unheimliche physische Präsenz und trotzdem eine begnadete Technik und Übersicht. In Nordamerika sagt man dazu „big body and soft hands“. In der ganzen EBEL gibt es keinen Spieler, eventuell mit Ausnahme von Thomas Raffl, der das kann, was Mink konnte. Es steht völlig außer Frage, dass er ein sehr wichtiger Teil unseres Powerplays war. Guillaume Desbiens kann zwar mit Mink körperlich mithalten, er kann vor dem Tor stehen und Checks einstecken. Spielerisch reicht er aber nicht an ihn heran. Wir spielen es momentan aber auch einfach etwas zu kompliziert. Wir versuchen immer noch einen Pass zu spielen, die bessere Position zu finden, aber meistens ist weniger mehr. Unser Powerplay ist nicht schlecht, wir stehen bei ca. 20 Prozent. Das ist okay, aber letztes Jahr war natürlich außergewöhnlich. Wir hatten eine sechs Prozent höhere Erfolgsquote als das nächste Team. Das hat uns letztes Jahr viele Partien gewonnen bzw. wieder in Spiele zurück gebracht. Wenn du dir wie wir im Fünf gegen Fünf schwer tust, brauchst du Powerplay-Tore.

LAOLA1: Abgesehen von der Niederlage vom Sonntag. Wie zufrieden sind Sie mit Entwicklung in Dornbirn in den letzten Jahren?

MacQueen: Ich bin nie zufrieden (lacht). Ob wir gewinnen, verlieren, unentschieden spielen, egal. Ich bin nie zufrieden. Die Mannschaft kann immer besser sein, ich selbst kann immer besser sein. Ich  suche ständig nach Wegen, jeden in meinem Umfeld besser zu machen. Momentan kann ich ohnehin nicht zufrieden sein. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass viele unserer Spiele völlig anders verliefen, wenn wir unsere Chancen zu Beginn nutzen würden. Gerade für unsere Torhüter und Verteidiger ist es unheimlich schwer zu spielen, wenn sie ständig im Hinterkopf haben, dass ein Fehler bzw. ein Gegentreffer fast schon mit einer Niederlage gleichzusetzen ist, weil wir selbst keine Tore erzielen. Du bist nicht locker, du bist nicht selbstbewusst, du spielst nicht instinktiv, sondern denkst zu viel nach. Wenn endlich ein paar reingehen, wird unser ganzes Spiel anders. Wir müssen einfach mehr zum Tor und Cross-Checks und Stockschläge einstecken. Wir müssen dorthin, wo es weh tut.

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LAOLA1: Jetzt geht es gegen die Vienna Capitals. Was ist in der derzeitigen Situation gegen den aktuellen Tabellenführer drin?

MacQueen: Wir glauben immer, dass es eine Chance gibt. Momentan steht es noch 0:0 (lacht). Es wäre einfach gewesen, nach dem Spiel gegen Znojmo herumzuschreien, oder zu sagen: Das Interessiert mich nicht mehr. Die Spieler wissen ganz genau, was los ist, da muss sie keiner anschreien, das brauchen sie jetzt wirklich nicht. Sie müssen jetzt positiv denken. Es wird nicht leicht gegen die Caps. Sie sind ein sehr gutes Team. Aber wir haben eine Chance auf den Sieg. Ich glaube fest daran, dass der Puck irgendwann ins Tor geht. Wenn sich in den nächsten Spielen allerdings nichts ändert, werden wir etwas unternehmen müssen. Momentan sind wir nicht glücklich, die Situation ist inakzeptabel.

 

Das Gespräch führte Fabian Santner

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