Über Sinn und Unsinn von Tryouts

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Scouting Report - Die Tryout-Regelung

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Bereits vor drei Jahren eingeführt, macht die Tryout-Regelung der EBEL noch nie so viele Schlagzeilen wie heuer.

Während die meisten Teams hier eher betulich vorgingen, nützten die Graz99ers diese Möglichkeiten extensiv aus.

LAOLA1-Scout Bernd Freimüller erklärt die Tryout-Regelung an sich und die Beweggründe der Grazer:

Die Einführung und Gründe der Tryout-Regelung:

Für die Saison 2012/13 eingeführt, sollte sie Vereinen die Möglichkeit geben, Spieler zu testen, ohne sich für die ganze Saison festlegen zu müssen und bei Nichtgefallen bereits einen der drei Ausländertäusche (so es sich beim Tryout um einen Legionär handelt) aktivieren zu müssen.

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Die Eckdaten und die Auswirkungen auf die Punkteregelung

Bis zum 19. November um 12 Uhr kann jeder Verein eine unbegrenzte Anzahl von Punkten im Kader haben, daher unbegrenzt austauschen. Allerdings: Pro Spiel dürften nur maximal 60 Punkte am Kaderblatt verwendet werden. Als Grundlage für das jeweilige Spiel gilt die letzte Kadermeldung, diese kann am Spieltag bis jeweils 12 Uhr noch geändert werden.

Kann ein Team auch nach dem 19. November noch Tryouts holen?

Theoretisch ja, Sinn ergäbe dies für die meisten Teams, die die 60-Punkte-Grenze erreichen, kaum. Allerdings könnte Ljubljana, derzeit mit 35 Kaderpunkten weit abgeschlagen, auch dann noch eine Reihe von Spielern (egal, ob Tryouts oder Fixverträge) verpflichten, bevor sie mit den drei Tauschvorgängen (&Torhüter) konfrontiert wären. Im Falle der finanziell brustschwachen Slowenen ist das aber alles nur Theorie.

Die wichtigsten Bestandteile eines Tryout-Vertrags

Das Gehalt bis Saisonende bei einer Umwandlung in einen Fixvertrag sowie das Enddatum der möglichen Vertragsauflösung. Das ganze Konstrukt steht aber auf wackligen Beinen: Der Prozess Chris Harand gegen die Vienna Capitals brachte jedenfalls das Ergebnis, das alles, was über das sprichwörtliche Probemonat hinausgeht, einer gesonderten Vereinbarung bedarf. Außerdem: Auch ein Spieler kann ohne Angabe von Gründen während der Probezeit den Vertrag auflösen und zu einem anderen Team wechseln. Dieses Recht nahm aber bis jetzt noch kein Spieler in Anspruch. Daher gilt: Wo kein Kläger, da kein Richter...

Tryout-Regelungen im Ausland

Gibt es natürlich auch. In der AHL gibt es sogenannte PTOs („Professional Tryouts“) – dieser gilt für 25 Spiele und ein Spieler kann zwei pro Saison unterschreiben, ihn aber selbst nicht auflösen. Dazu kommen die ATOs („Amateur Tryouts“) in der NHL, AHL oder ECHL – ein solcher kann auch nur für ein Spiel abgeschlossen werden, diese Fälle kommen auch vor, wenn man kurzfristig einen Hobbygoalie zum Ersatztorhüter befördern muss. In der DEL ist neben der Legionärszahl (11 im Kader, neun am Spielbericht) die Zahl der einsetzbaren Spieler („Lizenzen“)  heuer auf 30 reduziert worden, nachdem München in der letzten Saison mit einem übervollen Kader agierte und sich dabei vor allem auf dem deutschen Markt reichlich bediente.

Die Problematik für die EBEL

Die gleiche wie früher, als für die ganze Saison die Punkte für das Kaderblatt und nicht für den Kader galten: Aufgrund dieser Regel können Vereine bis 19. November Legionäre bei Verletzungen oder Formschwächen eins zu eins ersetzen, Österreicher rücken daher weniger in die freiwerdenden Positionen nach. Diese Option steht natürlich allen Teams offen, wird aber vor allem in Ausland nicht so exzessiv wahrgenommen. Fehervar leidet derzeit etwa unter langwierigen Verletzungen von vier Topspielern (Sziranyi, Varga, Bartalis und Koger). Interne Budget- und Legionärsgrenzen ließen aber erst jetzt einen Zuzug (Michael Boivin von Salzburg) zu. Coach Rob Pallin muss die freiwerdenden Plätze mit jüngeren Cracks auffüllen. Gut für diese und das ungarische Eishockey an sich, weniger gut für die Playoff-Chancen der „Teufel“.

Zagrapan ist einer von insgesamt neun Tryout-Cracks in Graz

Graz 99ers und Tryouts, die Fakten

Bis jetzt eingesetzte bzw. am Spielbericht aufscheinende Spieler: 29

Tryouts: Insgesamt neun, derzeit sieben

Legionäre: Derzeit 16 (ohne Zusevics, der auf seinen österreichischen Pass und die damit verbundenen null Punkte wartet sowie den slowenischen Backup-Goalie Raisp, der kurzfristig den verletzten Imrich vertrat)

Derzeitiger Punktewert im Kader (ohne der sechs Punkte für Zusevics und Raisp): 77

99ers nutzen Tryout-Konzept extensiv

Das Grazer Konzept basierte heuer von Haus aus auf einer extensiven Ausnutzung dieser Regeln, schon vor der Saison wurden mit Fabian Scholz, Tomi Wilenius (beide mittlerweile wieder abgegeben) und dem letzte Saison verletzten Willie Coetzee drei Probespieler geholt.

So richtig in die vollen gingen die Grazer erst nach Saisonbeginn und einer relativ unbefriedigenden Vorbereitung:

Zu den Probelegionären Jesse Jyrkkiö, Petri Lammassaari, Marek Zagrapan, Roberts Jekimovs und Tyler Scofield schneite mit Tyler Cuma auch noch ein Spieler mit österreichischem Pass ins Haus.

Coach Todd Bjorkstrand kann sich so für ihn unbekannte Cracks in einer für ihn auch zu Beginn schwer einzuschätzenden Liga ansehen.

Kader nicht teurer 

Den Grazern kam dabei auch ein äußerst „weicher“ Spielermarkt zu Hilfe, noch immer betteln unzählige Cracks um Verträge, die Grazer Gehälter sind im durchschnittlichen DEL-Niveau angesiedelt – DEL2 wohlgemerkt!

Aber kommt dieser aufgeblähte Kader in der Summe nicht teuer? Nicht laut Bernd Vollmann, Manager der 99ers:

„Selbst wenn wir im November die teureren Tryouts behalten, werden wir unter dem Gehaltsniveau des Vorjahres liegen.“ Auch die Nebenkosten bereiten Vollmann keine Sorgen: „Für die Flüge haben wir einen Sponsor, für die Unterbringungen haben wir ebenfalls günstige Vereinbarungen.“

Mit Lammassaari, Coetzee, Petruksa und Latendresse fallen vier Legionäre derzeit verletzt aus, dadurch ist die Qual der Wahl für Bjorkstrand nicht ganz so groß.

Der US-Amerikaner spielt meist mit drei Linien, der siebte Verteidiger und die vierte Linie kommen nur sehr punktuell zum Einsatz oder können wie zuletzt aufgrund der Punkteregelung gar nicht komplett gestellt werden.

„Verhalten uns nach den Regeln“

Eine Taktik, die nach der Kaderreduzierung weit mehr an die Kräfte gehen kann als jetzt, doch bis dahin könnten die  Grazer nach einem sehr guten Saisonstart  bereits die Grundlagen für einen Top-6-Platz geschaffen haben.

Schlagworte wie „Transferwahnsinn“ lassen Vollmann daher auch kalt: „Wären wir Letzte oder Vorletzte, müssten wir uns der Kritik stellen. Wir verhalten uns nach den Regeln, werden diese einmal geändert, richten wir uns auch danach.“

Die Grazer Methode ist aber nicht das Schlechteste, was der EBEL passieren kann.

Denn im Gegensatz zur zaghafteren, aber doch auch immer mehr ansteigenden Ausnutzung dieser Regelung durch andere Klubs muss sich die Ligaleitung jetzt fragen, ob das alles noch im Sinne des Erfinders ist und bei Bedarf Gegenmaßnahmen für die nächste Saison einleiten.

Wie steht es um die Tryouts in den anderen Teams?

RB Salzburg:

Verteidiger Zdenek Kutlak zeigte zuletzt etwas wechselhaftere Leistungen, wurde aber stets dem flatterhaften Michael Boivin (mit Fixvertrag) vorgezogen. Kyle Beach, dessen Probevertrag vorläufig um ein Monat verlängert wurde, gehört zu den Mitläufern im Team von Dan Ratushny.

Vienna Capitals:

Peter MacArthur, der einzige Probespieler im Team von Tom Pokel, war in der Vorbereitung der Topscorer, ging in der EBEL als Torschütze bis jetzt leer aus. Aufgrund seiner Vielseitigkeit (kann Flügel und Center spielen) und Kampfkraft war er aber in vielen knappen Partien doch ein wichtiger Mann.

VSV:

Lange wehrte sich Manager Stefan Widitsch gegen Tryouts, ehe man von Zagreb Oldboy Jason Krog und den Ex-AHL-Topscorer Darren Haydar auslieh. Die überschaubaren Anreisekosten und Krogs Villacher Vergangenheit waren dabei sicher die Hauptfaktoren. Parallel zu ihrem vorläufigen Drei-Spiele-Engagement bietet ihr Agent  die beiden aber auch Vereinen im In- und Ausland an. Ein Verbleib von Krog, der als Teilzeitagent sicher die Marktlage für einen 39-jährigen gut einschätzen kann, würde aber weit weniger überraschen als der von Haydar.

KAC:

Jakub Koreis wurde, wie zu erwarten, bereits verabschiedet, der kraftvolle Jan Urbas sollte jedoch selbst das kritische KAC-Umfeld überzeugen. Der Slowene lugt aber auch mit einem Auge auf ein Engagement in den skandinavischen Ligen. Ein Engagement von Oliver Setzinger – ob fix oder auf Probe – würde nicht mehr so überraschen wie noch vor Wochen, Neo-Coach Doug Mason wird den derzeitigen Kader aber einmal aus der Nähe begutachten.

Dornbirner Eishockey Club:

Goalie Mike Murphy ist zwar noch in Dornbirn, die Auflösung seines Tryout-Vertrages sollte aber nur mehr eine Frage der Zeit sein. Nathan Lawson soll nun gemeinsam mit Aufsteiger David Madlener die Goalieposition stabilisieren.

HC Bozen:

Enrico Miglioranzi, selbst als siebter Verteidiger noch ein Unsicherheitsfaktor, ging in die italienische Liga nach Asiago. Guntis Galvins steigerte sich zuletzt zwar etwas, wirkt aber weiter nicht sehr mobil und mit limitierter Offensive. Sein Verbleib ist spätestens seit der Verpflichtung des langjährigen AHL-Offensivverteidigers Bryan Rodney fraglich. Tomas Zanoski, ein absoluter Jobhopper, sucht bereits wieder einen neuen Verein.

Fehervar AV19:

Kevin Wehrs, knapp vor Saisonbeginn aus dem rumänischen Brasov gekommen, spielte aufgrund der Personalnot zuletzt über 25 Minuten pro Spiel und hat sich für einen Fixvertrag aufgedrängt. Der von Salzburg gekommene Michael Boivin bleibt bis Ende der Saison.

HC Znojmo:

Sowohl Tomas Kloucek (vier Spiele) als auch Marek Drtina (noch vor Saisonbeginn ausgemustert) präsentierten sich als technisch zu schwach und unbeweglich.

Der HC Innsbruck, die Black Wings Linz und Olimpija Ljubljana kamen bis jetzt ohne Tryout-Verträge aus.

 

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