Eine Stahlstadt sehnt sich nach Metall

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„Heute ist ja auch Champions League“, weist die Wirtin des Sportcafès die Stammkundschaft abgeklärt hin. Zwischendurch zieht sie genüsslich an ihrer Zigarette.

„Aber wer soll das in Linz schauen, wenn heute die Black Wings spielen?“, fragt sie. Mit einem süffisanten Lächeln. In wenigen Stunden an diesem Dienstag beginnt Finale drei.

Ortswechsel. Tage später grinst in einem Geschäft in der Linzer Innenstadt Michael Mayr. Ein Gespräch in seiner unmittelbaren Nähe treibt seine Mundwinkel nach oben.

„Hast du das Spiel gestern gesehen?“, vernimmt er eine Stimme. „Heuer ist es so weit, heuer schaffen sie es wieder.“ Der zufällige Zuhörer denkt sich daraufhin: „Hoffentlich behalten sie Recht“.

Schließlich ist Mayr Verteidiger bei den Black Wings. Also ist auch von ihm hier die Rede.

Linz hat Fieber

Linz hat erhöhte Temperatur. Eigentlich hat die Stadt an der Donau Fieber. Hohes Fieber. Das Virus grassiert schon länger. Kenner wissen, hier handelt es sich bereits um das Endstadium.

Die Epidemie ist das Thema im drittgrößten Ballungszentrum hierzulande. 191.767 Menschen wohnen in der Landeshauptstadt Oberösterreichs. Nicht jeder interessiert sich für die schnellste Team-Sportart namens Eishockey.

Aber viele. Und während eines Finals naturgemäß noch mehr. Zumal die Zeitungen ein bestimmendes Thema haben. Selbiges gilt für Radio und Fernsehen. Keiner kommt daran vorbei.

Da lebt plötzlich die hiesige Schneiderin fieberhaft mit den Cracks mit, verpasst vor dem Fernseher keine Minute. Der in Linz aufgewachsene, angehende Diplom-Ingenieur, der nun in Wien lebt, kippt ebenfalls hinein. Und ist begeistert. Auch aus einem speziellen Grund.

„Es ist so ungewohnt, wenn eine Linzer Mannschaft so gelobt wird“, bringt er es auf den einen so treffenden Punkt.

Sportlicher Erfolg? Eine Seltenheit.

Linz und VÖEST, das passt. Linz und Kultur, das passt. Linz und Sport, das passt. Aber Linz und sportlicher Erfolg? Nein, die Kulturhauptstadt 2009 ist, was ihre Teams betrifft, keinesfalls Titelstadt.

Zumeist hapert es schon mit andauerndem Erfolg. Eine Siegessträhne über einen längeren Zeitraum? Eine Seltenheit. Die Erwartungshaltung könnte vor allem im Fußball kleiner nicht sein. Pessimismus als ständiger Begleiter. Kleinere Siege werden vor allem in diesem Sport wie Meisterschaften gefeiert.

Der sportliche Galgenhumor ist in Linz weit verbreitet. Wer kann es den Fans verübeln? Im Fußball nur zwei Mal erfolgreich und beides Jahrzehnte lang her. Hinzu kommt eine teilweise fragwürdige Art der Klubführung, die vor allem mehr schwarze als weiße Momente mit sich brachte.

Werden die fünf wichtigsten olympischen Teamsportarten herangezogen, liegt Linz hinsichtlich Championships im Ranking der Landeshauptstädte – wie alle anderen Städte – weit hinter Wien. Das ist auch deshalb kein Wunder, weil etwa die Fußball-Bundesliga früher mehr eine Wiener Liga war.

Vier Städte liegen vor Linz

Doch auch Innsbruck, Salzburg und Klagenfurt finden sich teilweise deutlich vor den Stahlstädtern. Interessanterweise liegen die Grazer mit Linz auf Augenhöhe.

Aber bei den Steirern ist der zuletzt errungene Titel keine blasse Erinnerung. Sturms Meistertitel 2011 können selbst die Jüngsten noch in den buntesten Farben malen.

Anm.: Es werden hier wie in den weiteren Tabellen nur Landeshauptstädte angeführt. Bei manchen Klubs handelt es sich teilweise um Nachfolge-Vereine.

Linz folgte Graz jedoch nicht nur als Kulturhauptstadt nach. Auch hinsichtlich der sportlichen Euphorie stehen die Oberösterreicher in Relation um nichts nach.

Dank der Black Wings. Sie stellen seit Jahren das sportliche Aushängeschild der Landeshauptstadt dar. Mal mit weniger Erfolg, jetzt mit umso mehr.

„Die Euphorie und Begeisterung ist überall zu spüren“, berichtet Mayr, der schon immer für die Black Wings spielte. 2003 holte er als Spieler im erweiterten Kader den ersten Vereins-Meistertitel. Im erst dritten Jahr der Oberhaus-Zugehörigkeit.

Der Hunger auf den zweiten könnte größer nicht sein. Vor allem bei Mayr, den einzigen Linzer Stammspieler: „Für mich hat das alles noch einmal einen ganz anderen Wert.“

Aber auch bei den restlichen Spielern (Mayr: „Man will einfach ganz oben sein“) wie natürlich bei den Fans steht ein möglicher Titelgewinn ganz oben auf der Wunschliste. Sie wollen ein Jahr lang der Nabel der EBELschen Eishockey-Welt sein. Und nicht zuletzt am Sonntag eine Party feiern. Und was für eine.

„Diese Stadt will diesen Titel!“

3650 Zuschauer werden sich spätestens zum Faceoff gegen 17:45 Uhr wieder in die Halle quetschen. Das dreifache an Tickets hätte man wohl verkaufen können. Mit dem vierten Linzer Sieg en suite könnte die Finalserie ein Ende finden. Keine Frage, jeder leidgeprüfte Linzer Fan will hier dabei sein.

Diejenigen, die keine Tickets ergattern, gehen auf das gegenüberliegende Fabriksgelände. Dort, wo früher in der so genannten „Tschickbude“ Rauchwaren hergestellt wurden, wird öffentlich geschaut. Eine Stadt rückt eng zusammen.

1000 Fans sollen Klubaussagen zufolge zum Public Viewing kommen. Wohl auch Mayr würde es nicht überraschen, wenn es mehr sein würden: „Linz ist nicht klein und wenn so etwas ansteht, dann kommen die Fans zahlreich.“

2003 wurde der Titel in Villach geholt, nun besteht die Möglichkeit, diesen in Linz zu erringen. Und wie sehr die Stadt das haben will, spürt man, sieht man, hört man.

Das entgeht auch einem US-Amerikaner wie Wings-Goalie Alex Westlund nicht: „Es besteht kein Zweifel: Diese Stadt will diesen Titel!“

Wenn es die Black Wings schaffen, hätten es sich die Protagonisten mehr als verdient. Sie waren Erster im Grunddurchgang. Erster nach der Zwischenrunde und damit Erster in den Playoffs.

Gewöhnungsbedürftig für Linzer Sportfans. Neun Jahre ist der letzte große Team-Titel her. Und die Black Wings sollen diesen Kreis schließen, die metallenen Trophäen für den EBEL-Triumph und österreichischen Meistertitel in die Höhe stemmen.

Es wäre nicht nur ein großer Erfolg. Es wäre echter Balsam auf eine sportlich geschundene Seele.

 

Bernhard Kastler

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