So feiert ein Eishockey-Scout Weihnachten

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Die Weihnachtszeit ist die ruhigste Zeit des Jahres.

Schwachsinn. Zumindest aus Sicht eines Eishockey-Scouts.

Während viele vor dem Kamin den Kekse-Restbestand eliminierte, tourte Bernd Freimüller emsig durch die Eishallen des Landes und darüber hinaus.

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Bei LAOLA1 gibt's seine Expertisen der vergangenen Tagen. Schonungslos wie immer:

Slovan Bratislava – Neftekhimik Nizhnekamsk (KHL, 24.12., 4:6)

Von meiner persönlichen “Bucket List” (= zu erledigende Dinge vor dem Ableben) damit gestrichen: Ein Spiel zu Weihnachten!

Da die russische Liga am 24. Dezember. keine Weihnachtspause einlegt (im Gegensatz zum 6. Jänner), kommt auch ein „katholisches“ Team wie Slovan Bratislava an diesem Tag dran. Spielbeginn 13 Uhr, mit 10.055 Besuchen ein ausverkauftes Haus. Darunter natürlich viele Familien und Kinder – wäre das eventuell auch einmal eine Variante für die EBEL?

Zum Spiel selbst: Beide Teams mit – an KHL-Maßstäben – gemessenen großen qualitativen und quantitativen Löchern im Lineup, die Gäste erzielten in den letzten zwei Minuten drei Treffer.

Überragend dabei: Flügel Dan Sexton. Kann die Rubelkrise einen Spieler wie ihn in die EBEL spülen? Kurz gesagt: Völlig unrealistisch, er wird sich spätestens im Sommer  zu einem besseren KHL-Team, nach Schweden oder in die Schweiz orientieren.

Allerdings könnte es durch die KHL-Krise im nächsten Sommer zu einer Umorientierung am Spielermarkt kommen und die EBEL auf Umwegen davon profitieren. Durch einen Sickereffekt könnten sich doch einige interessante Legionäre aus Schweden oder Finnland, die eben von KHL-Spielern (Rückkehrer oder Legionäre) verdrängt werden, in die DEL oder EBEL orientieren müssen. Allerdings dauert es bei solchen Spielern dann bis weit in den Sommer, bis sie zu den entsprechenden Gehaltseinbußen bereit sind.

 

Vienna Capitals – Orli Znojmo (EBEL, 26.12., 5:3)

Die Gäste hatten über knapp 30 Minuten alles im Griff, dumme Strafen und ein Fehlgriff von Goalie Chris Holt beim Tor von Andi Nödl brachten die wiedererstarkte Offensive der Caps auf Touren.

Znojmo gehört seit Jahren schon zu den offensivstärksten Teams der Liga, doch welcher der talentierten Angreifer würde bei einem anderen EBEL-Team wirklich einschlagen? Adam Havlik? Nicht annähernd so gut wie in der letzten Saison und weicht zu oft Zweikämpfen aus. Jan Lattner? Bombenschuss und pfeilschnell, allerdings nicht unbedingt ein Systemspieler. Ondrej Fiala? Ein talentierter, aber enigmatischer Spieler, der gefühlt in jedem zweiten Spiel eine schwere Verletzung erleidet, um dann aber wieder quietschfidel mitzutun.

Bestes Beispiel dafür, dass diese Spieler oft nur im Znaimer Biotop funkionieren: Richard Jarusek machte vor zwei Jahren 51 Punkte (davon 25 Tore) für die Adler. Heute kann er sich nicht einmal in der zweiten tschechischen Liga durchsetzen.

Definitiv auf dem Markt für die nächste Saison: Einser-Verteidiger Lubomir Stach, ein mobiler Defender mit gutem Schuss, aber Defiziten im Zweikampf.

Auf dem aufstrebenden Ast: Radek Cip – ein pfeilschneller und auch körperlich starker Flügel, der sowohl in Unter- als auch Überzahl eingesetzt wird. Allerdings schaut er bei seinen Sololäufen weder rechts noch links.

Aus der Abteilung „Pre-Scouting“: Kapitän Jan Seda versucht es in fast jedem Spiel einmal, vom linken Anspielpunkt vom Bully weg direkt ein Tor zu erzielen.

Kapfenberg – Jesenice (INL, 27. 12., 1:9)

Eigentlich ohne Worte und ohne Wert, die ohne ligatauglichen Goalie angetretenen Steirer lagen schon nach zehn Minuten mit 0:4 im Rückstand. Wie sieht eigentlich Markus Pirmann auf diesem Niveau aus? Kämpferisch wie immer gut, doch die eisläuferischen Mängel sind selbst auf einem semiprofessionellen Level wie hier evident.

 

Vienna Capitals – Sapa Fehervar (EBEL, 28.12., 1:0)

Eigentlich kaum vorstellbar, dass Fehervar – vergab Chance um Chance gegen einen überragenden Matt Zaba – noch aus den ersten Sechs purzelt, zu groß ist das Talent im Team. Weder die Caps noch die Ungarn spielen derzeit wesentlich anders als in den Vorwochen, doch die große Leistungsdichte in der Liga kann schnell Sieges- in Niederlagenserien und umgekehrt drehen.

Auch ein Grund für die knappen Fehervar-Niederlagen: Jeff LoVecchio dürfte mit den Gedanken derzeit eher bei den Anfragen von anderen Teams sein. Bei einem weiteren Leistungsabfall in der zweiten Saisonhälfte könnte er sich leicht zwischen die Stühle setzen.

Wie wichtig ein Spieler wie Jamie Fraser (wurde Vater) für die Wiener ist, bewies dieses Spiel: Nicht nur, dass er extrem belastbar ist (versäumte erst sein fünftes Spiel für die Capitals), ohne seine Rushes und Zone Clearances verbringt die Truppe von Tom Pokel weit mehr Zeit im eigenen Drittel als sonst.

Der aus Zell nach Wien gekommene Julian Großlercher kommt auch durch Verletzungen bedingt zu regelmäßigen Einsätzen und fällt durchaus positiv auf. Zwar ohne Punkte, aber auf dem Spielbericht hinterlässt er immer Spuren: Jeweils eine kleine Strafe gegen Znojmo und Fehervar, im EBYSL-Spiel gegen Linz am Samstag dazwischen gar eine 5 + Spieldauer.

Michael Boivin könnte statt seinem Halbvisier genausogut eine Janusmaske tragen, zeigt er doch stets zwei Gesichter: Als Rechtsschütze mit sehr guten Puck Skills ein gesuchter Spielertyp. Schießt hart und genau, kann als Point Man ein Powerplay leiten. Findet auch bei 5-5 Löcher im gegnerischen Drittel. Großes Selbstvertrauen mit der Scheibe, kann sie aus der eigenen Zone und ins gegnerische Drittel führen. Nimmt aber große Risiken, oft mit eklatanten Puckverlusten und Fehlpässen. Borderline dirty, spielt auch gerne schmutzig. Wer ihn im Sommer holt, sollte wissen, was er bekommt.

Orli Znojmo – Graz 99ers (EBEL, 30.12., 5:2)

Die ersten zehn Minuten noch gut mitgehalten, dann allerdings chancenlos: Die Graz 99ers kassierten in Znojmo (wo die Misere vor Wochen begonnen hatte) die 13. Niederlage im 14. Spiel. Ein großer Unterschied zwischen den beiden Teams: Während Znojmo in fast jedem Powerplay gefährlich ist, agieren die Grazer in Überlegenheit völlig planlos und haben Probleme, in die Grundaufstellung zu kommen. Erschreckend auch: der Leistungsabfall der letzten Wochen bei Leuten wie Anders Bastiansen, Stephen Werner oder Mike Kelly (bei den beiden letzteren wohl auch durch Verletzungen).

Ein Hoffnungsschimmer am Horizont könnte das baldige Comeback von Stefan Lassen sein, bei den Forwards könnte es zu einem Tausch kommen, obwohl die Marktlage nicht gerade ermutigend ist. Überragend wie fast immer: Kapitän Olivier Latendresse – er könnte bei jedem EBEL-Team eine tragende Rolle einnehmen.

Die Grazer nehmen derzeit in der Tabelle einen Platz ein, der ihrer Leistungsstärke entspricht, lediglich die Tendenz der letzten Wochen sorgt halt für verständlichen Weltschmerz im Bunker. Ein Top-6-Platz scheint unmöglich, eine Aufwärtstendenz vor und in der Qualifikationsrunde allerdings nicht.

Interessantes Duell von Dany Sabourin und Chris Holt: Beide Goalies entsprechen am ehesten dem Profil von „Shot-blocking Goalies“, die in Nordamerika weit mehr vertreten sind als in Europa, vor allem in der EBEL. Beide sind ökonomisch in ihren Bewegungen, vertrauen auf ihre Größe und verfügen über eine gute Fanghand. Ihre Schwächen sind allerdings auch offensichtlich: Sabourin (der bessere Puckhandler) ist in seinen Seitwärtsbewegungen etwas roboterhaft und träge, Holt hat mit Flachschüssen auf sein Five Hole und am nahen Pfosten Probleme. Ist die EBEL eine der letzten Ligen, wo sich kleine Reflexgoalies (Lamoureux, Gracnar) oder zumindest Hybridgoalies (Zaba) leichter tun?

Aus der Liga:

Was macht den Unterschied für Innsbruck beim (ungewollten) Verteidigertausch aus? Kenny Macaulay ist sicher mobiler als Johan Björk und sein Spiel mit dem Puck ist auch etwas besser. Björks körperliche Präsenz – ein wesentlicher Faktor für die Tiroler – bringt er allerdings nicht einmal in Ansätzen mit. Macaulay war in Innsbruck auch schon im Sommer ein Thema, danach bei Dornbirn und Graz.

Der Wiener Patrick Divjak absolviert nach seinen Collegejahren ein Probetraining beim KAC. Anzunehmen, dass er dabei vor allem darum geht, herauszufiltern, ob er über Spieler wie Kurath, Witting oder Ban zu stellen ist. Sein Punktewert von 1.5 wäre für den KAC (derzeit 58) kein Problem.

 

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