Scouting-Parallelen zwischen Eishockey und Fußball

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Das Scouting im Fußball rückte in den letzten Monaten zusehends an die Öffentlichkeit, seien es diverse Hintergrundberichte auf LAOLA1, im "Ballesterer" oder ganze Bücher über die Berufssparte.

Interessant ist dabei, dass es bei allen Unterschieden doch einige Parallelen zwischen den beiden konträren Sportarten gibt.

Der Scouting Report zeigt die Gemeinsamkeiten anhand von ausgewählten Zitaten von Fußball-Scouts auf:

 

"Je schwächer das Scouting, desto mehr ist man auf Spielervermittler angewiesen. Sie ersetzen manchmal auch das Scouting. Wenn es dafür bei Klubs keine eigene Abteilung gibt, dann wird der Sportdirektor zunächst die Spielervermittler um Angebote fragen. Optimal ist das natürlich nicht, weil die Agenten auch auf ihre eigenen Interessen schauen. In Österreich sind Spielervermittlung und Scouting dicht ineinander verwoben.“ - Nick Neururer (freiberuflicher Scout) bei LAOLA1 (hier gehts zur Story)

 

Agenten ersetzen Scouts

Eine Aussage, die fast 1:1 auf das Eishockey-Scouting in Österreich und eigentlich auch in Mitteleuropa umgelegt werden kann. Ein Spieler, der nicht von Agenten explizit angeboten wird, existiert für die Vereine so gut wie gar nicht. Tut sich also eine Kaderlücke auf, wird zuerst einmal auf die Rundschreiben der Agenten geblickt bzw. diese noch einmal kontaktiert:

"Wir brauchen einen Playmaking-Center für die erste Linie." Da kommen dann Namen angerauscht, die diese Anforderungen einigermaßen erfüllen. Klar, dass Agenten versuchen, so manch ungeeigneten Klienten in diesen Raster zu pressen. Sind die Namen erst einmal gesammelt, beginnt die Recherche. Diese kann unter Zeitdruck (etwa vor der Trading Deadline) nur kurz ausfallen, dem Wort des Agenten wird vertraut.

Im Sommer hingegen ist mehr Zeit, da werden dann ausführlich Informationen eingeholt. Das allerdings oft nur tagesaktuell, ohne Background-Infos über den Spieler, die bereits irgendwo abgespeichert sind oder, um diese für die Zukunft festzuhalten.

Umgekehrt wäre es natürlich besser. Im Bedarfsfall sollte eine – in Österreich nirgendwo existierende – Scouting-Abteilung eine Liste mit Alternativen parat halten.

Mink hatte keine Ahnung von Europa

EBEL ist nicht das erste Anlaufziel

Das hört sich allerdings in der Theorie besser an als in der Praxis. Denn wenn du einmal deine Wunschspieler kontaktierst, wirst du bald merken, dass die EBEL nicht unbedingt das erste Anlaufziel für Spieler aus Nordamerika ist.

Vor allem, wenn sie noch Hoffnungen auf eine NHL-Chance hegen, ist es schwer, sie über den großen Teich zu holen, höchstens du erschlägst sie mit Geld. Und wenn sie keine europäischen Agenten haben, sind sie oft völlig blank, wenn es um Grundkenntnisse des europäischen Eishockeys geht. Bei einem Spieler wie Graham Mink, der wenige Monate später in Dornbirn unterschrieb, war mein Erstkontakt durchaus nett, allerdings hatte er keine Ahnung, wie und wann Gehälter in Europa ausbezahlt würden.

Die Tatsache, dass sein monatlich aliquot ausbezahltes Jahresgehalt garantiert ist, egal wie lange die Saison dauert, konnte ich ihm nur mühevoll verklickern. Diese Problematiken fallen halt weg, wenn ein europäischer Agent zwischengeschaltet ist.

Einige EBEL-Teams sind etwas weniger von Agenten-Angeboten abhängig als andere. RB Salzburg etwa hat durch seine nordamerikanischen Scouts mehr Übersicht über den Markt als andere Teams. Manager Stefan Wagner versucht auch nach Möglichkeit mit dem Spieler zuerst Kontakt aufzunehmen und herauszufiltern, wer ihn in Europa wirklich vertritt.

Fehervar-Coach Rob Pallin, der natürlich in anderen finanziellen Kategorien als Salzburg denken muss, kennt wiederum seinen nordamerikanischen Zugang Chris Francis aus gemeinsamen ECHL-Zeiten, sicherte sich aber trotzdem mit einem Tryout-Kontrakt ab.

 

"Bitte vergesst Scouting wie vor 20 Jahren! Sprich, man fährt irgendwo hin und hat eine Perle entdeckt, wo man der einzige auf der Tribüne war. Die Zeiten sind echt vorbei. Das ist vielleicht auch noch die Träumerei von Fans." - Rapid-Chefscout Bernard Schuiteman bei LAOLA1 (hier gehts zum Interview)

 

Man ist nie alleine

Ein wahreres Wort wurde selten gesprochen, diese Aussage kann auch 1:1 auf das NHL-Scouting umgelegt werden. Altgediente Scouts erinnern sich noch an die ersten U18-Weltmeisterschaften, wo eine kleine Gruppe an nordamerikanischen Talentspähern den Cracks auf die Beine sah. Das gleiche Turnier heute? Bis zu 150 Scouts sitzen bei diesem letzten Saison-Höhepunkt auf der Tribüne.

Ob Canadian Junior, College oder schwedische Juniorenligen – jeder Scout sieht sich bei diesen Spielen von unzähligen Amtskollegen umgeben, alleine bist du niemals. Und wenn du einmal glaubst, in weniger gescouteten Ligen – etwa der USHL oder in anderen nordamerikanischen Nachwuchsligen – einem Rohdiamanten auf der Spur zu sein, vergiss es.

"Word travels fast", wenn es sich um einen wirklich herausragenden Spieler handelt, werden Wochen später bei deinem Nachfolge-Report schon Head Scouts neben dir auf der Tribüne sitzen, die von ihren Regional-Scouts "aufgeganselt" wurden.

Edler ist seit Jahren Leistungsträger in Vancouver

Die Edler-Story

Vielleicht der letzte obskure europäische Spieler, der es in die NHL schaffte, war der Schwede Alexander Edler, seit knapp 10 Jahren eine Stütze in Vancouver. Wie er bei den Canucks landete, ist eine amüsante Story.

Detroit-Scout Hakan Andersson, eine Legende im Business, bekam einen Tipp bezüglich Edler, der abseits der großen Organisationen und Nationalteams in der dritten Liga bei Jämtlands HF spielte. Andersson beobachte den Defender und war begeistert. Aber einmal ist im Scouting-Geschäft keinmal, ein Nachfolge-Report musste her. Jämtlands war für die Playoffs qualifiziert, Andersson wollte die sechsstündige Reise aus Stockholm aber nicht unbedingt vergebens antreten und fragte beim Coach noch einmal nach, ob denn Edler wirklich im Lineup stehen würde.

Ein Fehler, den Andersson schnell bereuen sollte. Denn der Coach alarmierte einen befreundeten Agenten, dieser wiederum kontaktierte einige NHL-Scouts über Anderssons Interesse und Vancouver-Scout Thomas Gradin ließ auch sofort alles stehen und liegen und machte sich auf nach Östersund. Andersson fiel natürlich aus allen Wolken, als er Gradin als Beobachter beim Spiel erblickte. Andere Scouts reagierten nicht so kurzfristig und hatten Pech, Edler und Östersund verabschiedeten sich bald aus den Playoffs und der Saison.

Einige Wochen später stieg der Draft in Raleigh. Andersson wusste, dass Detroit Edler höher draften musste, als geplant war. Doch als die Canucks einen Drittrunden-Draftpick (Nr. 91) per Trade erwarben, rutschte Andersson das Herz in die Hose und das mit gutem Grund – die Canucks zogen wirklich Edler an Bord. Doch so deprimiert Andersson auch war, ein Trostpreis blieb ihm: Mit dem für Edler vorgesehenen Draftpick Nr. 97 holten die Red Wings Johan Franzen, der es bis dato auf über 600 NHL-Spiele bringen sollte. 

 

"Als Sportdirektor eines Klubs sollte ich jeden Akademie-Spieler kennen, das bedeutet: Ich muss meinen Hintern bewegen. Ich vermisse bei einigen Klubs, dass sich die Funktionäre auf die Tribüne setzen und sich die Spiele anschauen.“ - Fußballagent Max Hagmayr (Ballesterer Nr. 103, August 2015)

 

Nachwuchs-Scouting wird vernachlässigt

Auch hier wieder Parallelen zwischen Fußball und Eishockey, sogar noch verstärkt. Manager oder Sportdirektoren bei EBYSL-Spielen oder Junioren-Weltmeisterschaften? Vergiss es, selbst Fahrten ins benachbarte Maribor sind fast allen Handlungsträgern zu weit.

Zwar wird dann ins gemeinsame Horn geblasen – "Unser Nachwuchs ist für die EBEL zu schwach", doch diese Aussagen wären glaubhafter, wenn sie mit persönlichen Wahrnehmungen untermauert werden könnten.

Allerdings: Mehrere Teams sind mit Coaches zugegen, entweder hinter der Bande (etwa der KAC mit Dieter Kalt und Christoph Brandner bei der U20 oder Ex-Linz-Nachwuchstrainer Didi Werfring bei der U18) oder auf der Tribüne, Salzburg ist auch hier meistens mit mehreren Leuten neben Pierre Pagé vertreten.

Der Nachwuchs weckt kaum Interesse

Manager kaum bei Turnieren

Klar, der interne österreichische Spielermarkt ist ohnehin sehr verkrustet, aber trotzdem: Dornbirn etwa verpflichtete Christoph Duller aufgrund von Beobachtungen bei Nachwuchsturnieren und in der MHL (russische Juniorenliga mit Salzburg) oder holten sie ihn nur aufgrund seines Status als Nullpunkte-Spieler?

An EBEL-GMs kann ich mich bei solchen Turnieren überhaupt nicht erinnern, Coaches können wenigstens einwenden, dass sie mit der täglichen Arbeit beschäftigt sind. Wenn sich einmal eine Lücke im Spiel-Kalender auftut, müssen die Trainer dazu gezwungen werden, solche Spiele zu beobachten.

Unvergesslich, wie der damalige Capitals-Sportdirektor Martin Satorina Coach Kevin Gaudet fast nötigen musste, in St. Pölten dem U20-Nachwuchs-Nationalteam einmal zuzusehen. Gaudet – immer schon der Talentförderung völlig unverdächtig – hätte sein Desinteresse beim Spiel dann auch nicht mehr kundtun können, wenn er mit dem Rücken zur Eisfläche gestanden wäre…

 

"Arsenal…succumbing to paralysis by analysis" - Ein Zitat aus dem wunderbaren Buch "The Nowhere Men" von Michael Calvin, das sich mit den Fußball-Scouts in England befasst. Calvin zeichnet hier ein desillusionierendes Bild von altgedienten Talentsuchern, die Tag für Tag um ihre ohnehin schlecht bezahlten Jobs zittern müssen und Gefahr laufen, von jungen Computer-Nerds abgelöst zu werden.

 

Das Phänomen "Overscouting"

Dieses Zitat, auf eine gewisse Entscheidungsschwäche von Arsène Wenger und seinen Stab abzielend, umschreibt auch ein Phänomen im NHL-Scouting: Das sogenannte "Overscouting".

Vor allem bei Spitzenspielern laufen selbst erfahrene Scouts Gefahr, vom rechten Weg abzukommen. Du kennst diesen Spieler schon seit Jahren, er war immer so gut, dass er als Jungspund schon bei älteren Teams mitgespielt hat, sodass du bereits mit vielen überschwänglichen Reports in sein Draftjahr gehst.

Da präsentiert er sich auch gut, aber vielleicht doch nicht so überragend wie erwartet. Sollte er bei der U20-WM nicht ein größerer Faktor sein als ein Drittlinien-Spieler? Bei der U18-WM war er gut, ein Schlüssel-Spieler, aber nicht dominierend. Im der ersten Mannschaft ging seine Eiszeit sukzessive zurück. Kann ich ihn wirklich als hohen Erstrundenpick empfehlen?

Mit jedem Report werden die Zweifel größer, aus dem einstigen ungehemmten Enthusiasmus wird ein Hin und Her, die Reports weisen mehr und mehr Fragezeichen auf. Die guten Seiten fallen fast unter den Tisch, jeder Fehler wird mit der Lupe vergrößert, je länger die Saison dauert.

Brandon Saad ist ein klassischer Fall von Overscouting

Brandon Saad als klassisches Beispiel

Wohlgemerkt: Es gibt natürlich Spieler, die mit 16 oder 17 Jahren "peaken", das gilt zum Beispiel für den Graz-Neuzugang Stepan Novotny, der als Youngster durchaus aufzeigte, ein schwaches Draftjahr war nur der Vorbote einer Leistungsstagnation, die bis heute andauert. Da kann man natürlich nicht auf gute "Underage"-Reports zurückgreifen.

Doch ein gewisses Overscouting kann dich extrem in die Sackgasse führen. So galt etwa Brandon Saad zu Beginn seines Draftjahres 2011 als Top-5-Pick, seine Aktien sanken jedoch während einer inkonstanten Saison. Vor allem gegen Saisonende agierte er unscheinbar, viele NHL-Teams wurden ihm gegenüber immer kritischer. Das Endresultat: Er fiel den Blackhawks in der zweiten Runde (Nr. 43) geradezu in die Hände, mit ihrem Erstrundenpick zog Chicago selbst Philip Danault vor.

Saad war beim diesjährigen Stanley-Cup-Gewinn der Blackhawks ein absoluter Key Player, Danault brachte es bis heute auf lediglich zwei NHL-Spiele. Die Überbewertung von Saads schwächeren Leistungen in seinem Draftjahr fiel für Chicago noch glimpflich aus, andere Teams werden sich jedoch bis heute in den Hintern beißen.

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