Scouting Report: Der Grazer Misere auf der Spur

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The same procedure as every year ab November in Graz!

Die Nächte werden länger und länger und so auch die Gesicher der 99ers-Fans. Eine Niederlage reiht sich an die andere, die berühmte "Bunker-Depression“ hat wieder voll eingesetzt.

LAOLA1.at versucht die Gründe für die sportliche Misere der letzten Wochen herauszufiltern…

Saisonbeginn

Vor dem November-Break machten die Grazer vor allem durch die exzessive Handhabe der Tryout-Regelung auf sich aufmerksam. Zeitweise standen 16 Legionäre im Kader des neuen Coaches Todd Bjorkstrand, fast jede Woche stellte sich ein neues Gesicht vor. Doch das Ganze funktionierte gut, die 99ers fraßen sich ein fettes Punktepolster an und standen zeitweise sogar auf dem zweiten Tabellenplatz.

Trotz des wechselnden Personals war Bjorkstrands Handschrift gut zu sehen – die Center agierten quasi als dritte Verteidiger, Odd-Man-Breaks waren ausgeschlossen, aggressive Flügel sorgten ihrerseits für Turnovers. Im eigenen Drittel verbarrikadierte man sich im Slot, setzte auf schnelle Gegenstöße nach kurzen Chips und im gegnerischen Drittel auf viel Verkehr ums Tor herum. Ein relatives simples, aber effektives Spiel, Trumpf-Ass war jedoch das Powerplay, das so gut wie schon seit Jahren nicht mehr funktionierte.

Aus dem November-Break und der Kaderreduzierung – die klubintern schon zwei Spiele vor der Deadline vorgenommen wurde – kam man mit sechs Punkten aus drei Spielen noch gut heraus, die Lokalpresse sang weiter das hohe Lied auf die 99ers und Bjorkstrand. Doch seitdem ging gar nichts mehr: In den letzten elf Spielen reichte es gerade zu einem Sieg (3:2 in Dornbirn) und drei Punkten, vor allem die letzten fünf Partien fielen mit null Punkten und einem Torverhältnis von 5:19 geradezu desaströs aus.

Kadertiefe und Verletzungen

Vor dem Break war es leicht – verletzte sich ein Legionär, kam ein anderer zum Zug. Während etwa ein Team wie Fehervar durch die Ausfälle von vier Spitzenspielern merklich geschwächt war, hatten die Steirer immer gleichwertigen Ersatz parat, sodass die ersten drei Blöcke immer stark besetzt waren. Das sorgte für kritische Stimmen der Konkurrenz, doch die Grazer nutzten einfach das bestehende (und für die nächste Saison beibehaltene) System für sich aus.

Der Verletzungsteufel wütete eigentlich schon die ganze Saison im Bunker, doch die „Netto-Version“ des Kaders kann dies nicht mehr so einfach auffangen. So verletzten sich Stützen wie Stefan Lassen und Olivier Latendresse unmittelbar nach der Deadline, ihre Punkte waren damit aber schon verbrannt. Dazu passend auch die Hüftverletzung von Verteidiger Clemens Unterweger. Nicht nur, dass der, von Ex-Sportdirektor Martin Krainz verpflichtete, Lienzer eine sehr gute Saison hinlegte, ist er als „Nullpunkter“ schon gar nicht zu ersetzen.

Die exzessive Verletzungsserie von Ende November ist zwar etwas abgeebbt, doch vor allem in der Defensive spannt das Personalkostüm gewaltig. Von den ursprünglich sieben Verteidigern fallen eben Lassen und Unterweger langfristig aus, zu den restlichen fünf gehört schon Kristof Reinthaler, der zu Beginn der Saison nur selten berücksichtig wurde. Nach Rupert Strohmeier durfte sich zuletzt auch Kevin Moderer als Aushilfsverteidiger versuchen – der 24-jährige hat damit für heuer schon alle Positionen (Center, Flügel und Verteidiger) durch.

Torhüter und vierte Linie

Bei allem Verständnis für Verletzungspech: Bjorkstrands Aversion gegen eine vierte Sturmlinie begann schon mit dem ersten Spiel. Oft setzt er diese nur zu Beginn ein, andrerseits habe ich auch schon Spiele gesehen, wo die Stürmer zehn bis zwölf erst im Laufe des Spiels gleichsam zu „Cameo-Auftritten“ kamen. Bei Spielern wie Moderer (ein Kämpfer vor dem Herren) und Daniel Woger (doch sicher ligatauglich) ist das nicht nachzuvollziehen. Ob hier der frisch eingebürgerte Zintis Zusevics weiterhelfen wird? Natürlich rotiert kein Team vier Linien gleichmäßig über 60 Minuten, doch Bjorkstrand versucht oft mit nur neun Stürmern auszukommen, wobei die Top-6 natürlich auch noch überbelastet werden.

Die Goalieposition ist eine weitere Baustelle, die sich aber schon vor der Deadline abgezeichnet hat. Dany Sabourin kann an guten Tagen ein Bollwerk sein, doch finden bei ihm verdammt viele Weitschüsse den Weg ins Tor. Schon in der letzten Saison brach er in der Qualifikationsrunde völlig ein, obwohl Sebastian Stefaniszin ihn zuvor wenigstens zeitweise vertreten konnte.

Heuer steht mit Wolf Imrich nur ein völlig unerfahrener Backup zur Verfügung, für ihn reichte es bisher nur zu einem 20-Minuten Einsatz. Eine ligataugliche Alternative fehlt völlig, nicht jeder Goalie kann ein Marathonmann wie Bozens Jaroslav Hübl oder Villachs J. P. Lamoureux sein. Bei Sabourin, nun mit der Sicherheit eines langfristigen Vertrags ausgestattet, sollte man auch nicht vergessen, dass er schon in den drei Saison vor seiner Unterschrift in Graz meist nur die 1b-Lösung in Hershey war und dabei nie mehr als 37 Spiele bestritt.

 

Die Personalentscheidungen im November

Im Gegensatz zu Teams, die ihre endgültigen Kader bereits im Sommer zusammenstellen, können die Fans und Experten in Graz weit tiefergehende Diskussionen führen. Denn hier sind ja die Alternativen zum bestehenden Personal bekannt. War es also wirklich clever, den äußerst limitierten Tomas Petruska dem pfeilschnellen und torgefährlichen Tyler Scofield vorzuziehen? War Jesse Jyrkkiö als einziger Rechtsschütze von der blauen Linie (eine Rolle, die jetzt Petruska als Aushilfe einnimmt) nicht ein integraler Bestandteil des Powerplays? Sicher berechtigte Fragen angesichts der derzeitigen Offensivmisere. Dass Roberts Jakimovs (Knöchelbruch) und Petri Lammassaari (wollte nach Finnland zurück) vor der finalen Kadererstellung ausschieden, dafür kann Bjorkstrand nichts.

 

Der Trainingsbetrieb

Wie immer drehen sich in Graz die Meinungen schnell. Wurde Bjorkstrand am Beginn der Saison noch für sein bestimmtes – wenn auch etwas knorriges – Auftreten und harte Führung gelobt, hört man jetzt wieder kritische Stimmen: Trainiert er etwa zu viel/oft/hart? Fakt ist: Als einziges Team der Liga absolvierten die Grazer auch nach Saisonbeginn „two-a-days“ (=Zwei Trainings pro Tag). Natürlich nur in Wochen ohne Dienstagsspielen, doch was erst gelobt wurde, gibt jetzt natürlich Ansatz zur Kritik. Sind die intensiven Trainings in Verbindung mit der dünnen Personaldecke jetzt der Grund für die Misere?

Das kann letztenendes nur jemand abschätzen, der nahe bei der Mannschaft ist, doch mangels sportlicher Kompetenz im Verein kann hier höchstens Sportdirektor Bjorkstrand über Trainer Bjorkstrand urteilen…

 

Die finanziellen Rahmenbedingungen

Bjorkstrand kam im Sommer nach 26 (!) Jahren als Spieler und Coach in Herning nach Graz. Zwar bekam er von seinem Agenten Patrick Pilloni Ezzes über die Organisation und Liga, doch so richtig konnte Bjorkstrand die EBEL natürlich nicht einschätzen. Schon gar nicht, wie überschaubar die Basis an guten österreichischen Spielern in Graz ist. Mit Manuel Ganahl (für nächste Saison kaum zu halten) gehört gerade ein Crack zur rot-weiß-roten Elite.

Dass dazu mit Legionären wie den aus Herning mitgebrachten Mitch Ganzak und Petruska hierzulande kein Staat zu machen ist, muss der 52-jährige US-Amerikaner jetzt auch einsehen.

Doch im Gegensatz zum kommenden Gegner KAC schöpft er ja wirklich nicht aus dem Vollen. Nennen wir das Kind beim Namen: Der Großteil der neu geholten Legionäre kommt aus der Preisklasse um die 30.000 Euro netto (oft sogar um die 25.000), weniger zahlt eigentlich nur Laibach. Wenn man wie im Fall Jeff LoVecchio sogar von Fehervar locker überboten wird, sagt das doch einiges aus.

Ausnahmen sind hier nur Anders Bastiansen (zuletzt mit einem rapiden Leistungsabfall und des Kapitänsamtes enthoben) sowie die aus der Vorsaison übernommenen Dany Sabourin und Olivier Latendresse.

Angesichts dieser finanziellen Zwänge – denen sich Bjorkstrand vielleicht wie im Fall LoVecchio etwas zu sklavisch unterwarf – stehen mit Stephen Werner, Matt Kelly und Luke Walker trotzdem einige gute Leute im Kader, auch Miha Verlic (eine Morgengabe von Co-Trainer Ivo Jan) zeigt gute Ansätze. Vom Preis/Leistungs-Verhältnis her ist Bjorkstrand also nicht viel vorzuwerfen…

Die Zukunft für Bjorkstrand und das Team

Goalies, Verteidiger, Stürmer – derzeit können die Grazer überall Verstärkungen brauchen. Es dürfte jedoch auf jeweils einen neuen Defender und Angreifer hinauslaufen. Der Zuzug von Miikka Männikkö sprengte jedenfalls schon die 60-Punkte-Grenze, dadurch bleiben nur mehr zwei Tauschvorgänge über. Ein neuer Torhüter könnte danach Sabourin nur mehr ersetzen, ihm aber nicht zuarbeiten. Bjorkstrand ist auch fleißig am Telefonieren, doch der Markt, in dem auch Dornbirn oder Bozen fischen, gibt vor allem auf der Verteidigerposition derzeit eher Ergänzungen als Verstärkungen her.

Egal ob der Abwärtstrend durch Zuzüge noch gestoppt werden kann oder nicht, Bjorkstrand steht auch für die nächste Saison unter Vertrag. Da sollte er die Liga auch besser kennen bzw. könnte er den Kader völlig nach seinen Vorstellungen formen. Doch die Lage auf dem österreichischen Spielermarkt kann auch er nicht ändern, noch dazu, wo er weder auf etwas launenhafte Techniker wie Roland Kaspitz oder harte, aber limitierte Verteidiger wie Andreas Wiedergut (beide wurden früh eliminiert) zu stehen scheint. Viel bleibt da ja nicht übrig…

Doch neben einem Turnaround in den nächsten Wochen ist auch nicht völlig auszuschließen, dass Bjorkstrand den umfangreichen Grazer Trainerfriedhof um einen weiteren Namen erweitern wird. Es wäre ja in der Murstadt nicht das erste Mal, dass anfängliche Lobeshymnen sich im Saisonverlauf ins Gegenteil kehren.

Einen Verdienst um das Grazer Eishockey hat sich Bjorkstrand jedoch bereits jetzt erworben: Die jährlich wiederkehrenden, völlig paranoiden Anklagen über Verschwörungen gegen die Grazer – durch wahlweise die Liga, Schiri-Boss Lyle Seitz oder die Referees selbst – blieben heuer fast völlig aus. Eine kaum für möglich gehaltene Art der Selbsthygiene…

>>>TV-TIPP: Freitag, ab 17:25 Uhr: Graz 99ers - KAC bei LAOLA1.tv<<<

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