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Scouting Report: Saisonbilanz Capitals und Salzburg

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Wie sehr Salzburg der Konkurrenz überlegen war, zeigte die Schlussphase der letzten Playoff-Partie in Wien.

Die Roten Bullen ließen bei einer Ein-Tore-Führung die Scheibe in der Angriffszone der Capitals zirkulieren, als ob es sich um eine Trainingseinheit handelte. Die Wiener mussten hilflos zusehen, wie die Uhr herunterlief, bevor Goalie Matt Zaba erst nach einer endlos scheinenden Phase vom Eis konnte.

Eine bezeichnende Szene für ein Team, das nicht nur in puncto Spielintelligenz und Eislaufen weit über dem Rest der Liga stand.

Alles aus den Möglichkeiten rausgeholt

Klar: Salzburg hat natürlich die Mittel, um jedes Jahr eine Klassetruppe zusammenzustellen. Doch das heißt nicht, dass jedes Rädchen so wie heuer ins andere greift und das Team sich als kohärentes Ganzes präsentiert.

Kein einziger Spieler musste während der Saison aus Leistungsgründen abgegeben werden, einzig Michael Boivin und David Meckler mussten aus Punktegründen gehen.

Umso bemerkenswerter, da einige Neuzugänge von Manager Stefan Wagner vor Saisonbeginn keineswegs so sicher schienen wie im Rückblick.

Riskante neuzugänge blühen auf

Brett Sterling (ein „Shift Disturber“ vor dem Herren) und Ben Walter hatten schwierige Saisonen in Schweden hinter sich, Kyle Beach hatte sich in Nordamerika und Schweden mit Off-Ice-Issues fast alle Alternativen zerstört.

Und bei John Hughes war zwar dessen spielerische Klasse unbestritten, Ratushny und die starke Kabinenstruktur schafften es jedoch, dass Hughes seine in den letzten Jahren ausgeübte Nebentätigkeit als Lokaltester ruhend stellte.

Apropos Dan Ratushny: Nachdem Don Jackson konzernintern nach München abgewandert war und ein Kandidat wie Willie Desjardins im Alter von 57 Jahren eine NHL-Chance erhielt, kam der Kanadier zum Zug.

Ratushny als Heilsbringer

Sicher überraschend, die letzten beiden Saisonen mit Straubing gingen (auch aus Verletzungsgründen) eher daneben, doch der Kanadier überzeugte von Beginn an mit einer klaren Linie und einem konzilianten, aber bestimmten Auftreten.

Offenbar fand der ehemalige Rechtsanwalt einer Top-Kanzlei in Toronto von Beginn an die richtigen Worte in seinen Plädoyers.

Sein Konzept war jedenfalls gleich spürbar: Fünf Spieler auf dem Eis befanden sich ständig in Bewegung, im Angriffsdrittel versuchte man so stets eine Überzahl herzustellen, ein Verteidiger sollte im Rücken der Abwehr aktiviert werden.

Im Finale schoss man sich mit vielen Strafen dann natürlich selbst ins Bein, aber mit diesem Kader hätte es gegen Salzburg auch keine andere erfolgsversprechende Spielvariante gegeben.

Wie geht es weiter?

Boni bewies, dass er einer schon toten Mannschaft (und Anhängerschaft) Leben einhauchen kann, das Standing des einzigen Meistertrainers in der Caps-Geschichte ist eher noch gestiegen.

Trotz seiner nach der Linz-Serie guten Ausgangsposition im Vertragspoker und seinen einschlägigen Kenntnissen in diesem Berufszweig verzichtete er allerdings darauf, sich auch den Titel des Sportdirektors vertraglich festlegen zu lassen.

Mit Klemen Pretnar und MacGregor Sharp (beides Cracks mit gutem Preis/Leistungsverhältnis) lernt Boni zwei Zugänge erstmals bei Trainingsstart kennen, im Transfersegment – vor allem die Offensive muss völlig umgestaltet werden – strebt er aber sicher nach potentiellen Difference-Makern.

Zwei bis drei neue Punktegaranten werden für eine konstantere Saison ohnehin unausweichlich sein. Fraglich auch, wie langjährige Stützen wie Philippe Lakos oder Kapitän Jon Ferland in Bonis Vorstellungen von einem Up-Tempo-Team passen…

Punktewert des österreichischen Grundkaders (ohne Puschnik und Nödl, mit den noch vertragslosen Lakos, Iberer, Rotter und Hartl): 18 (P. Lakos, Schlacher, Klimbacher, F. Iberer, Rotter, Hartl, Schiechl, Fischer)

Aus der Liga:

Bis auf Linz und den VSV könnte jedes österreichische EBEL-Teams neue Starting Goalies benötigen. In Innsbruck (Wunschkandidat Andy Chiodo dürfte im Ausland bleiben) und Dornbirn (Nathan Lawson erwies sich als zu „High Maintenance“) stand das ja schon längere Zeit fest.

Beim KAC wäre ein etwaiger Ersatz für Pekka Tuokkola wohl eine deklarierte Nr. Eins. Graz? Wird Sabourins Gehalt auf einen oder zwei neue Goalies umgelegt?

Doch auch die beiden Finalisten könnten in der nächsten Saison neue Männer im Kasten haben: Salzburgs Luka Gracnar könnte in Finnland landen, in Wien sanken die Aktien von Matt Zaba vom Halbfinale aufs Finale.

Die entscheidende Frage dabei: Gibt der Markt hier eine definitiv bessere Variante für den zweimaligen Finaltorhüter her oder springt nach drei Jahren der Ruhe das altbekannte Caps-Goaliekarussell wieder an?

Ex-NHL-Hoffnung in die EBEL?

Ein interessanter und überraschender Name tauchte auf eben diesem Torhütermarkt auf: Jack Campbell, im Jahre 2010 als Nr. 11 Overall-Pick der NHL noch ein „Can’t-miss-prospect“, findet sich mittlerweile in der ECHL wieder und sein Entry-Level-Contract bei den Dallas Stars läuft aus. Kommt er bereits jetzt nach Europa?

Für die EBEL eher realistisch: Straubing-Goalie Jason Bacashihua, an guten Tagen ein reflexstarker Battler, an schlechten „all over the place“.

Wie Bacashihua ein potentieller Schrecken für österreichische Hockeywriter und Hallensprecher: Wolfsburgs Matt Dzieduszycki. „Diesel“, so sein Spitzname, wäre bei den Caps gut vorstellbar…

Ist Jan Urbas das nächste Stück im offensiven Puzzlespiel beim VSV? Nach gutem Beginn fiel der Ex-KACler in seinen Leistungen in Västeras zurück und kann dort keinen neuen Vertrag erwarten. Villach gilt als aussichtsreicher Interessent.

Ex-Center Jason Krog hingegen verhandelt mittlerweile als Agent Verträge für andere Spieler aus, einer seine Klienten: Sein letztjähriger Linienkollege Darren Haydar…

So etwas kann leicht zu einem Hochseilakt ohne Netz ausarten, wenn nur ein Spieler geistig oder läuferisch auslässt, doch die Roten Bullen präsentierten sich mit und ohne Scheibe als das mobilste und smarteste Team der Liga.

Egal, ob Villach, der KAC oder die Caps – selbst Rückstände sorgten nicht für ein Abweichen vom Spielkonzept, die Bullen schienen mühelos in einen höheren Gang schalten zu können, konditionell standen sie bis zur letzten Saisonsekunde voll im Saft.

Brilliert Ratushny auch bei der WM?

Die Salzburger, die ab November die Liga konkurrenzlos dominierten, sind sicher der überragendste und spielerisch attraktivste Titelträger der letzten Jahre, allzugroße Änderungen im Kader sind nicht zu erwarten.

Einzig in der Abwehr könnte man in der Riege um Milam, Fahey und Kutlak die eine oder andere jüngere Variante anstreben, die Österreicher sind außer Back-Up-Goalie Bernd Brückler alle festgezurrt.

Der 44-jährige Ratushny wurde innerhalb eines Jahres vom Unbekannten zum Hoffnungsträger des österreichischen Eishockeys für die A-WM: Klar, der rot-weiß-rote Kader wird an Klasse nicht mit dem der Salzburger mithalten können, doch ähnlicher Zusammenhalt und Wille zum Eislaufen könnte den Hoffnungen auf den Klassenerhalt mehr Realismus einhauchen…

Caps drehen nach Pleiten-Saison auf

Punktewert des österreichischen Grundkaders (Brückler derzeit noch ohne Vertrag): 19 (Brückler, Pallestrang, Trattnig, Heinrich, Raffl, Latusa, Brucker, Kristler)

Das Saisonziel erreicht, wenn auch auf Umwegen: Die Vienna Capitals schafften es nach einer Achterbahn-Saison ins EBEL-Finale, der Salzburger Sweep spiegelte allerdings den Unterschied zwischen den beiden Teams wieder.

Mit Neo-Coach Tom Pokel begannen die Caps mit starken Leistungen in der CHL, auch in der EBEL konnte das Team dank einer Serie von 2:1-Siegen längere Zeit mit den Roten Bullen mithalten.

Doch während die Salzburger stets Reserven hatten, spielten die Caps vom ersten Testspiel an immer auf Anschlag. Zunächst drehten sich die knappen Ergebnisse, dann auch die Leistungen, von Tag zu Tag lebten sich Pokel und die Mannschaft immer weiter auseinander.

Die Albert-Schultz-Halle verkam mehr und mehr zum Selbstbedienungsladen der Liga - in der gesamten Saison mussten die Abonnenten 18 (!) Heimniederlagen mitansehen, vor allem in der Zwischenrunde lagen die Fans fast schon in Agonie.

Boni bringt Erfolg zurück

Der eigentlich geduldige Präsident Hans Schmid hatte zu dieser Zeit dann auch die Faxen dicke und löste Pokel mit Ex-Meistermacher Jim Boni ab.

Auch dieser biss sich zunächst an einem offensiv sehr limitierten und verunsicherten Kader die Zähne aus, nach einem 0:2-Serienrückstand gegen Fehervar schien das Saisonende fast schon unausweichlich.

Doch mit einem „Punishing Style“ (vom ungarischen Powerplay nicht bestraft) drehten die Caps die Serie noch um und pressten auch die Linzer Black Wings sukzessive aus.

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