Punkteregel droht Österreichs Eishockey zu spalten

Aufmacherbild
 

„Jeder ist sich selbst der Nächste.“ Ein Sprichwort, sinnbildlich für die zerfahrene Situation im österreichischen Eishockey.

Nach der blamablen Weltmeisterschaft mit dem rot-weiß-roten Abstieg herrschte blankes Entsetzen. Die besorgniserregende Entwicklung wurde schonungslos aufgedeckt.

Vier Monate danach wartet die Öffentlichkeit vergeblich auf Aktionismus, noch. Hinter den Kulissen ziehen nämlich dunkle Wolken auf, es brodelt ganz gewaltig. Die umstrittene Punkteregelung (Erklärung durch Liga-Manager Christian Feichtinger) droht die EBEL zu spalten.

„Das System war die größte Schnapsidee“

„Das System war die größte Schnapsidee, welche die Verantwortlichen seit Jahrzehnten hatten. Sport und junge Spieler bleiben auf der Strecke“, gerät Claus Dalpiaz, Österreichs Rekord-Nationaltorhüter, im Gespräch mit LAOLA1 in Rage.

Ursprünglich sollte die Einführung im Jahr 2007 Angebot und Nachfrage wieder in ein Gleichgewicht bringen, denn „Mittelklassespieler erreichten ein zu hohes Einkommens-Niveau. Den Teams ersparte es vielleicht kurzfristig Geld, aber mehr nicht.“

Gert Prohaska, der im Sommer seine aktive Laufbahn beendete, äußert berechtigte Zweifel: „Damit hat man sich selbst in den Finger geschnitten. Kein Österreicher kostet derart viel wie neun bis zehn Ausländer mit Flugtickets, Wohnungen und Autos. Das war kontraproduktiv.“

VSV-Obmann Mion droht mit Ausstieg

Zehn Jahre hütete der 35-Jährige beim Villacher SV den Kasten, seit dem Karriereende kümmert sich die einstige Nummer eins um Bereiche „des Merchandisings, der Öffentlichkeitsarbeit sowie Presse-Betreuung“. Zur Causa Prima wagte sein neuer, alter Arbeitgeber unlängst im „Kurier“ einen Vorstoß.

„Die Ligasitzung am 3. September ist für mich entscheidend. Dort werden Villach, Graz, Jesenice und Linz fordern, die Kosten und Ausländer zu reduzieren. Wenn es keine Änderungen gibt, ist der VSV ab übernächster Saison nicht mehr bereit, diesen Weg mitzugehen“, droht Obmann Giuseppe Mion mit einem Rückzug.

Bislang verhinderten Interessens-Konflikte zwischen Liga und Verband eine Trendwende zum Wohle des österreichischen Eishockeys. „Wir sollten weniger Legionäre und dafür einige Nachwuchstrainer holen. Aber du kannst es dir sportlich nicht leisten, mit weniger Ausländern zu spielen als andere.“

ÖEHV-Routiniers als Opfer des Systems

In der Vergangenheit nahmen die Ausmaße überhand, häufig bangen gar heimische Leistungsträger um ihre sportliche Existenz. Markus Peintner bestätigt dies im LAOLA1-Talk: „Ein Nationalspieler, der keinen Job findet – das ist wahrscheinlich einzigartig. Es geht nicht um finanzielle Aspekte, sondern darum, wie viele Punkte ein Spieler wert ist. Leistungen oder das Erreichte zählen nichts mehr.“

Ein Schicksal, welches der vereinslose 30-Jährige mit prominenten Namen teilt. ÖEHV-Defender „Sir“ Darcy Werenka (Rouen/Frankreich), Florian Iberer (Dresdner Eislöwen/Deutschland) und Caps-Oldie Jeremy Rebek (Belfast/Nordirland) wurden mit nassen Fetzen vertrieben. All jene verbindet eine Gemeinsamkeit, sie zählen jenseits der 24 Lenze.

Keineswegs ein Zufall, wie Dalpiaz deutlich macht: „Es werden entweder österreichische Topspieler, Ausländer oder ganz Junge verpflichtet. Sie haben zehn bis zwölf Topspieler, die drei bis vier Punkte wert sind. Sprich: Acht Legionäre und zwei bis drei Nationalspieler. Wo bleibt dann noch Platz für die jungen Akteure?“

Bedeutet im Klartext: Heimische Hoffnungen wachsen nur in den seltensten Fällen über die Rolle des Ergänzungsspielers hinaus.

Entweder Topspieler oder arbeitslos

„Wenn Spieler älter als 24 und plötzlich eineinhalb oder zwei Punkte Wert sind, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie sind absolute Leistungsträger, gleichzusetzen mit Ausländern, oder eben arbeitslos“, findet der 39-Jährige deutliche Worte.

Ein solcher Qualitäts-Sprung sei angesichts fehlenden Vertrauens kaum realisierbar: „Die Jugend hat das Problem, dass sie nicht die Minuten in Überzahl und Unterzahl erhalten. Der Nachwuchs kriegt in der dritten oder vierten Linie lediglich sporadisch Eiszeit. Wenn es Spitz auf Knopf steht, spielt keiner von denen.“

Für Dalpiaz stellt EBEL-Dominator RB Salzburg das beste - oder eher schlechteste - Exempel für diese dramatische Lage dar: „Red Bull hatte in den letzten drei Saisonen einen enormen Spieler-Verschleiß. Unmengen an Talenten zwischen 18 und 22 Jahren wurden ausgetauscht.“

Nach Titel und Transfer zum VSV findet Pewal klare Worte zur Punkteregel

Meister in der Schusslinie

Mit Marco Pewal (VSV), Torhüter Reinhard Divis (Vienna Capitals) sowie Kapitän Thomas Koch (KAC) musste der amtierende Meister einige Eckpfeiler ziehen lassen. Sommerliche Abgänge, welche die „Bullen“ hauptsächlich durch Legionäre aus Nordamerika zu kompensieren versuchen.

„Es werden 35.000 Euro für einen drittklassigen Ausländer aus der East Coast Hockey League bezahlt. Coach Pierre Page holt nämlich lieber einen Crack, der vor Jahren gedraftet wurde, um ihn in die NHL zu bringen, anstatt einem Österreicher ins Nationalteam zu verhelfen. Das heimische Geschehen sollte wieder in den Vordergrund rücken“, ist Dalpiaz das Handeln des Budget-Krösus ein Dorn im Auge.

Für die Zukunft eine „traurige Entwicklung“, denn kommende Stars des Formats Koch, Pewal, Roland Kaspitz oder Matthias Trattnig tauchten zuletzt selten am Talente-Radar auf.

Punktesystem brachte „Ausländer-Fluten“

Zur Jahrtausend-Wende stand der Kufensport bereits einmal am Scheideweg. Eine Kosten-Explosion zwang die Verantwortlichen zum Umdenken. Seitens des ÖEHV wurde die Notbremse gezogen. Dank einer Legionärs-Beschränkung mussten die Vereine fortan Talente fördern wie auch fordern.

„Aufgrund dieser Reduktion schafften viele Spieler den Schritt. Sie haben damals die Chance erhalten und haben noch immer eine tragende Rolle. Es dauerte sieben Jahre, bis das Punktesystem neuerlich die Ausländer-Fluten brachte. Das ist der absolut falsche Weg“, blickt Prohaska zurück.

Nach einer Dekade im Trikot der „Adler“ trat er heuer von der EBEL-Bühne ab, ein Warnsignal. „Auch andere Leistungsträger, die es zu meiner Zeit schafften, werden ihre Laufbahn beenden. Was machen wir, wenn keine Jungen mehr nachkommen? Das gehört geändert, und zwar heute, nicht morgen.“

Die breite Masse ging verloren

Trotz dramatischen Trends betonen Entscheidungsträger allzu oft, welche Bedeutung die Punkteregel für die Hoffnungsträger von morgen hat. Reine Augenauswischerei, kocht Dalpiaz: „Vereine und Liga lügen sich selbst an, wenn sie behaupten, für die Zukunft viel zu tun.“

„Durchschnittsspieler werden durch Ausländer ersetzt. Dadurch wird Geld gespart, da sie den Jungen wenig bezahlen, weil diese nur Lückenfüller sind. Spieler über 20 Jahre, welche sich einigermaßen etabliert haben, werden in Zukunft vom Markt verschwinden. Die Klubs wollen Topspieler. Wenn ich jedoch keine breite Masse habe, wird sich nie eine Spitze entwickeln.“

Durch die Versäumnisse der Vergangenheit ging „die Grundlage an qualitativ guten Spielern verloren, Österreich wird die nächsten drei bis fünf Jahre daran knabbern.“ Hält man am strittigen System fest, wird das „ÖEHV-Team eine Fahrstuhl-Mannschaft bleiben, weil keine Talente nachkommen oder die Chancen nicht bekommen.“

Für den Experten von „Servus TV“ ist der heimische Kufensport erneut am Scheideweg angelangt.

„Punktesystem ist der sportliche Tod“

Der harschen Kritik schließt sich auch Chris Harand, dessen Leistungsvertrag mit den Vienna Capitals nach seinem Beinbruch aufgelöst wurde, an: „Es gehören Strukturen geschaffen, welche die Österreicher schützen. Die Legionäre sollten schrittweise reduziert werden, das Punktesystem ist der sportliche Tod für ältere Österreicher. Wenn ein Junger gut genug für die Erste ist, spielt er sowieso.“

Weichen wurden mit der Nationalliga-Reformierung bereits gestellt. Kommendes Jahr nehmen zwölf Teams an der Meisterschaft teil, darunter erstmals Farmteams des KAC, der Vienna Capitals und BW Linz. Zudem kooperieren die Graz 99ers mit den Kapfenberg Bulls. Eine Aufstockung, welche Dalpiaz als Investition in die Zukunft betrachtet: „Das ist der erste Schritt für eine bessere Ausbildung des Nachwuchses.“

Nun sind die höchste Spielklasse und ihre Teilnehmer gefordert, den eingeschlagenen Weg durch die Verabschiedung des Punktesystems fortzuführen. „Man muss Pläne haben, Ziele sowie Maßnahmen setzen. Dann würde das Nationalteam wieder langfristigen Erfolg haben“, ist Prohaska überzeugt.

Umdenken der Vereine gefordert

Ein sanfter Übergang zur Legionärs-Beschränkung sollte dies ermöglichen: „ Das geht nicht von heute auf morgen. In der ersten Spielzeit könnte man auf sechs Ausländer und danach weiter auf fünf oder vier Cracks reduzieren. Dann hätten wir in fünf Jahren wieder mehr österreichische Leistungsträger.“

Zuerst müssten sich die Vereine von ihrer Engstirnigkeit verabschieden, wie VSV-Oldie Roland Kaspitz gegenüber LAOLA1 betont: „Bei uns zählt einzig der Meistertitel, um jeden Preis will man gewinnen. Sobald dies nicht gelingt, wirft man alles über den Haufen. So ist es schwer, eine Regelung zu finden.“

Um einen Liga-Kollaps abzuwenden, scheinen Umstrukturierungen allerdings unerlässlich. „Alle Klubs müssen zusammenarbeiten und nicht immer jeder gegen jeden“, appelliert Neo-VSVler Pewal an die Vernunft.

„Jeder ist dem Nationalteam der Nächste.“ Eigentlich sollte dies bald sinnbildlich für den heimischen Kufensport sein.

Christoph Köckeis

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen