Jim Boni will die Dinge vereinfachen

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„Wien ist eine Herzensangelegenheit!“

Mit diesem Satz erklärte Jim Boni, warum er seine Auszeit vom Eishockey so abrupt unterbrochen und einen Vertrag bis Saisonende bei den Vienna Capitals unterschrieben hat.

Boni will die Dinge vereinfachen

Eigentlich wollte der 51-jährige Kanadier nämlich nach seinem Manager-Job bei DEL-Klub Ingolstadt ein Jahr lang pausieren und erst zu Beginn der neuen Saison wieder ins Geschäft einsteigen.

Doch oft kommt alles anders und so nimmt Boni, der die Vienna Capitals in der Saison 2004/05 zum ersten und bislang einzigen Meistertitel führte, erneut auf der Capitals-Bank Platz.

„Wir haben uns sehr kurzfristig zu diesem Schritt entschlossen. Jim hat sich sofort bereiterklärt, nach Wien zu kommen. Hans Schmid tauscht normalerweise keinen Trainer unter der Saison aus. Wir sind aber von der Richtigkeit dieses Schritts überzeugt“, so Manager Franz Kalla.

Dass auf Boni nun viel Arbeit wartet, ist nicht nur ihm, sondern auch Co-Trainer Phil Horsky klar: „Wir werden zusammen die letzten Spiele analysieren und vielleicht auch die Linien umkrempeln. Wir müssen der Mannschaft wieder Mut einhauchen.“

Der Headcoach selbst will die Dinge vor allem einfacher gestalten. „Simplify“ lautet sein Zauberwort. Was ihn zur Unterschrift bewogen hat, was er ändern wird und wie er mit dem Erwartungsdruck umgeht:

Jim Boni über….

...die Vertragsverhandlungen:

Das Gespräch mit Franz (Kalla, Anm.) war sehr gut, wir waren uns schnell einig. Ich bin sehr froh, wieder in Wien zu sein. Ich freue mich, dem Verein in dieser schweren Situation helfen zu können. Ich habe nur gute Erinnerungen an Wien, meine Zeit hier war sehr schön. Ich bin nur wegen den Vienna Capitals jetzt schon wieder zurück im Geschäft. Man muss auch einmal etwas zurückgeben. Ich werde die vier Jahre, die ich bereits hier als Trainer verbracht habe, in meinem ganzen Leben nicht vergessen. Wien ist eine Herzensangelegenheit für mich.

…die derzeitige Situation:

Die Situation ist nicht gut, dessen bin ich mir bewusst. Bevor die Vienna Capitals einen Trainer feuern, muss viel passiert sein. Ich werde mich intensiv mit Phil Horksy über die Mannschaft austauschen. Ich kenne einige Spieler, aber natürlich nicht alle. Ich bin auf die Hilfe von Phil angewiesen. In den nächsten Tagen und Wochen ist ohnehin viel Videostudium angesagt.

Boni möchte den Caps "etwas zurückgeben"

…den Zustand der Mannschaft:

Meine Erfahrung sagt mir, dass der Mannschaft momentan das Selbstvertrauen fehlt. Die einfachsten Dinge klappen nicht mehr. Wir müssen jetzt einen kühlen Kopf bewahren und die Sache analysieren. Man kann nicht ein Auge auf die Arbeit richten und das andere auf das Ziel. Du musst die gesamte Konzentration auf die Arbeit legen, die Ziele kommen dann ganz von selbst. Ich glaube an den Prozess. Ich bin kein Träumer, ich bin realistisch. Es wird sehr schwer, aber wir haben sehr gute Einzelspieler. Daraus müssen wir jetzt ein Team formen. Es gibt sicher nicht viele, die momentan auf unsere Mannschaft wetten würden. Aber ich glaube an die Jungs. Die wollen zeigen, was sie können. Ich habe ein sehr gutes Gefühl.

…den Fahrplan bis zu den Playoffs:

In zehn Tagen geht es wieder bei null los, die Karten werden neu gemischt. Das ist das positive an der jetzigen Situation. Ich wünsche mir, dass wir ein unangenehmer Gegner für alle sind und die Albert-Schultz-Halle wieder eine Festung wird. Jetzt werden wir Video schauen ohne Ende. Erst nehme ich mir unsere Mannschaft vor, dann die Gegner. Alles wird analysiert. Gegen Znojmo werden Phil Horsky und Christian Dolezal coachen. Ich werde aber auf der Bank Platz nehmen, mir das ganze ansehen und schon auch hin und wieder was sagen. Die Körpersprache ist sehr wichtig.

…die Dinge, die er in so kurzer Zeit ändern kann:

Das möchte ich mit einem Beispiel aus dem Training beantworten. Da gibt es bestimmte Übungen, die laufen immer gleich ab. Irgendwann schleicht sich da ein gewisser Schlendrian ein, es kommt eine Automatik in das Ganze, die nicht gut ist. Man überlegt nicht mehr, sondern macht einfach alles nach Schema. Da will ich ansetzen. Ich will die Spieler wachrütteln, damit sie die Dinge wieder anders sehen, ich will sie aufbauen. Das wird schon morgen gegen Znojmo wichtig. Wenn wir gewinnen, haben wir noch die Chance auf das Heimrecht. Aber selbst falls wir Sechster werden, mache ich mir keine Gedanken. Manchmal ist es sogar ein Vorteil, wenn man erst auswärts antritt.

…seine Zeit als Sportdirektor in Ingolstadt:

Es war eine tolle Zeit, aber ich arbeite lieber als Trainer. Das war auch ein Grund, warum ich als Sportdirektor aufgehört habe. Ich ziehe die tägliche Arbeit mit der Mannschaft sowie Taktik und Trainingsplanung dem Aushandeln von Verträgen vor. Ich habe Ingolstadt schon im Oktober 2013 mitgeteilt, dass es mein letztes Jahr dort sein wird. Ich bin zwar stolz darauf, was ich dort erreicht habe, aber ich wollte diesen Job nicht mehr machen und mir eine Auszeit nehmen. Ich habe auch ein paar anderen Vereinen abgesagt. Mein Plan war es, erst nächste Saison wieder zu arbeiten. Aber als der Anruf von Franz (Kalla, Anm.) kam, konnte ich nicht nein sagen

…die hohen Erwartungen an ihn:

Es ist eine Ehre, wenn die Leute mich in Verbindung mit den Capitals als Erfolgsgeschichte sehen. Man muss aber realistisch bleiben.  Es liegt sehr viel Arbeit vor uns. Ich werde mein Bestes geben und die Mannschaft ebenfalls. Wenn du alles gibst, kannst du dir nichts vorwerfen lassen. Wunder gibt es nicht, nur harte Arbeit. Ich staple normalerweise gerne tief, aber ich habe ein gutes Gefühl. Wir werden ein unangenehmer Gegner sein. Wenn die anderen Teams sagen, es ist schwer gegen die Caps zu spielen, ist das das größte Lob.

…über Potenzial und das Formen einer Mannschaft:

Für mich ist das Wort Potenzial das schlimmste. Was heißt es schon? Dass du noch nie was erreicht hast! Wir haben sehr gute individuelle Spieler, daraus gilt es jetzt eine Mannschaft zu formen. Jeder muss für jeden kämpfen. Das hört sich so einfach an, aber man darf nicht vergessen, dass man es mit Menschen zu tun hat. Menschen mit Familien, mit Frauen und Kindern. Das darf man nicht unterschätzen. Als Coach hast du nach Weihnachten eine ganz andere Arbeit, als zuvor. Das Trainingscamp ist vorbei, die Systeme sind eingespielt, man muss dann an den Kleinigkeiten arbeiten. Das wird eine große Herausforderung, aber genau darum mache ich das. Ich liebe das, es ist ein großartiger Job.

…über seine Philosophie:

Weniger ist oft mehr. Wir reden vom schnellsten Spiel der Welt. Das ist nicht Basketball. Du hast keine Zeit, nachzudenken. Jeder muss wissen, was der andere macht. Aber wie soll das gehen, wenn du zu kompliziert spielst? Zu viel Information ist nicht gut. Man kann auch ein gewisses Selbstvertrauen reinbringen, wenn man einem einfachen System treu bleibt. Wir werden uns nicht unseren Gegnern anpassen, die müssen sich uns anpassen.

 

Fabian Santner

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