Die Trauben hingen zu hoch

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Leerer Blick. Gerötete Augen. Leise Stimme.

"Es ist unglaublich schade", stammelt Philipp Schneider achselzuckend.

Soeben hat der Außenangreifer mit seinen Nationalteamkollegen gegen die Türkei auch das zweite Gruppenspiel der Heim-EM mit 0:3 verloren und damit die Chance auf den Einzug in das Viertelfinale de facto verspielt.

Auch wenn der 29-Jährige, der mit 15 Punkte bester ÖVV-Angreifer war, Mühe hat, Worte zu finden, steht ihm deutlich ins Gesicht geschrieben, dass für ihn gerade eine Welt zusammengebrochen ist.

Quälende Frage nach dem Warum

"Wieder konnten wir nicht das zeigen, was wir eigentlich drauf haben. Es scheint, als wären die vergangenen vier Monate umsonst gewesen", spielt Schneider auf die harte und entbehrungsreiche Vorbereitung auf das Großereignis an.

Die Ursachen für die neuerliche Niederlage? Schneider schüttelt mit dem Kopf, wirkt überfordert, zu groß ist die Enttäuschung.

Naturgemäß etwas gefasster ist da schon der Teamchef: Michael Warm. "Wir haben in den entscheidenden Situationen den Stress zu sehr gespürt", verweist er auf die oft unnötigen Eigenfehler gegen Ende der einzelnen Sätze.

Zu viel Brechstange

In den Worten des Deutschen schwingt eine Mischung aus Ärger und Verständnis mit. Zum einen Ärger, da die fraglichen Situationen "im Training bis zum Kotzen geübt" worden seien. "Ich bin mir sicher, die Jungs könnten ein Buch darüber schreiben."

Und zum anderen Verständnis, da der jungen Mannschaft letzten Endes ihre Unerfahrenheit zum Verhängnis wurde.

"Wir sind zu viel unter Strom gestanden, wollten es erzwingen. Leider zählt Volleyball aber zu jenen Sportarten, die mit der Brechstange nicht funktionieren. Die Notwendigkeit, die uns gefehlt hat, war der kühle Kopf", ergänzt Warm.

Es ist nicht alles schlecht

Dem Vorwurf, Österreich habe zu viele Service-Fehler begangen, kann der 41-Jährige nichts abgewinnen. "15 Fehler über drei Sätze verteilt, sind ein normaler Wert. Außergewöhnlich war viel mehr, dass die Türkei lediglich deren vier gemacht hat. Das hat es für uns sehr schwer gemacht."

Obwohl der Stachel der Enttäuschung über das verpasste Ziel auch bei Warm tief sitzt, sieht er das Team ob der Leistungsfortschritte während seiner Amtszeit auf dem richtigen Weg und möchte deshalb auch das Unternehmen EM nicht als totalen Fehlschlag werten:

"Verglichen mit dem, was wir uns vor eineinhalb Jahren erwarten durften, sind wir sehr weit gekommen. Wir haben stets gesagt, dass wir Trauben ernten wollen, die sehr hoch hängen. Und um diese zu erwischen, hast du zwei Möglichkeiten. Entweder du springst sehr hoch oder sie müssen runter fallen. Für uns waren die Trauben offensichtlich noch nicht reif."

Kleines Ziel gegen große Könner

An einen Aufstieg, der nur noch bei einem 3:0 Österreichs gegen Serbien bei gleichzeitigem 3:0 Sloweniens über die Türkei möglich wäre, glaubt im ÖVV-Team niemand mehr.

Das Ziel kann somit nur noch heißen, sich am Montag (20:10 Uhr) mit Anstand von der Heim-EM zu verabschieden und gegen Serbien zumindest einen Satz zu gewinnen, was gegen den Titel-Mitfavoriten allerdings alles andere als einfach wird.

"Wir haben die zwei Siege der Serben gesehen. Die spielen ein unglaubliches Volleyball", macht Schneider wenig Hoffnung. "Das ist ungefähr so, als würdest mit dem Fahrrad bei der Superbike-WM mitfahren."

Reinhold Pühringer

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