Warm: "Das ist der völlig falsche Ansatz"

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Volleyball-Teamchef zu sein, ist nicht immer einfach.

Das trifft auch zu, wenn heute Abend (20:15 Uhr) das meisterschaftsentscheidende Finale sieben zwischen Aich/Dob und Hypo Tirol auf dem Programm steht.

Denn dann will praktisch jeder eine Expertise vom neutralen Michael Warm haben. „Ich hoffe, dass es sich soweit rumgesprochen hat, dass ich Trainer und kein Hellseher bin“, meint der Deutsche süffisant, um dann aber doch bereitwillig Auskunft zu gehen.

„Es ist schwer vorherzusagen, weil die bisherige Serie gezeigt hat, dass nicht unbedingt die Mannschaft gewonnen hat, die besser war. Ich denke, dass Aich/Dob in fünf Spielen besser gespielt hat, aber es steht 3:3, weil sie häufig mitten in den Sätzen aufgehört haben zu spielen.“

Der Kopf sei in der Finalserie bislang ein ausschlaggebender Faktor gewesen. Ein Faktor, der zumeist eher zum Hemmschuh wurde. „Aich/Dob hat oft mitten in den Sätzen gemerkt: Hoppala, wir könnten gewinnen, worauf sie sich dann verkrampft haben.“ Auch Tirol sei das schon passiert.

Tirol pfeift aus dem letzten Loch

Von daher habe Tirol in Bleiburg die „einfachere“ Aufgabe. „Weil das Thema, dass man zu Hause Meister werden könnte, vom Tisch ist. Die haben keine Erwartungen mehr, können nur noch gewinnen“, meint der gebürtige Nürnberger im Gespräch mit LAOLA1.

Beim Titelverteidiger spitzt sich allerdings die personelle Situation immer mehr zu. Im Aufeinandertreffen am Samstag verletzte sich auch noch David Szabo, dessen Einsatz am Dienstag als unwahrscheinlich gilt.

„Ihnen gehen allmählich die Spieler aus“, spricht Warm auch den Gesundheitszustand von Lorenz Koraimann an, bei dem Borreliose diagnostiziert wurde. „Er wird nicht spielen können.“

Wie müssen die Trainer reagieren?

Wie würde der ranghöchste Volleyball-Trainer im Land sein Team auf das wichtigste Spiel der Saison vorbereiten? „Ich denke, dass es einen Unterschied macht, ob wir da von Aich/Dob oder Tirol sprechen.“

Im Falle der zuletzt siegreichen Kärntner würde es Warm mit alltäglichen Trainingsübungen angehen, da die Spieler offenbar gut im Rhythmus sind. „Ich würde versuchen, die vorhandene Euphorie in Freude auf Volleyball umzuwandeln. Die Gefahr ist groß, dass sie an das Ergebnis und nicht an das Spiel denken. Und das hat noch nie einer Mannschaft gut getan.“

Struktureller Ansatz

Auch David Szabo ist für das Entscheidungsspiel fraglich

Von der sportlichen Sichtweise sei ein Sich-Einmischen ebenfalls höchst bedenklich. „Aich/Dob lässt ja nicht deswegen keine Österreicher spielen, weil der Micheu (Sportdirektor Martin Micheu; Anm.) keine Österreicher mag, sondern weil er ein bestimmtes Niveau in seiner Mannschaft haben will und es am Markt nicht so viele Österreicher gibt, die dieses Niveau auch spielen können. Und jetzt herzugehen und dem Österreicher diesen Platz einfach zu schenken, wäre doch genau das Gegenteil von dem, was ich mir als Bundestrainer wünsche.“

Was Micheu betrifft, sei sogar das Gegenteil der Fall. Er habe sich sogar bei Warm wegen heimischer Akteure für nächste Saison erkundigt. Schließlich bedeuten diese mehr Identifikationspotenzial für die Zuschauer und auch weniger Bürokratie.

„Solche Spieler wollen alle, aber die müssen auch von wo herkommen“, bezieht sich Warm auf die Nachwuchs-Akademien in Graz und Wien, von wo ein Gros der österreichischen AVL-Spieler stammt. „Aber da gibt es nicht unendlich viele Talente. Unser Ansporn muss sein, im Nachwuchs noch so viel besser zu arbeiten, dass wir das Angebot für die AVL-Vereine dementsprechend stellen können.“

Als Illustrierung führt Warm den deutschen Fußball an. „Warum glaubst du, stehen in den Stamm-Formationen der vier Champions-League-Halbfinalisten 18 oder 19 deutsche Kicker? Nicht weil irgendjemand in der deutschen Liga ein nationales Interesse hat, sondern weil die Nachwuchs-Ausbildung derzeit in Deutschland so stark ist, dass diese Spieler derzeit alle dort spielen, weil sie auch dort hingehören.“

So wie eben die besagten sechs ÖVV-Spieler ins AVL-Finale gehören.

Reinhold Pühringer

Während er es bei Aich/Dob ein wenig strenger anlegen würde, „um die Spieler in die Realität zurückzuholen“, wäre er als Coach von Hypo Tirol etwas großzügiger. „Bei den Innsbruckern geht es darum, die Wunden zu lecken und die letzten Niederlagen aus den Köpfen rauszubringen. So würde ich es zumindest machen.“

Kein Appell an die Vereine

In seiner Funktion als Nationaltrainer gilt es für Warm, auch ein Auge auf die österreichischen Akteure zu werfen. Während bei Hypo Tirol drei bis vier ÖVV-Spieler (Alexander Berger, Daniel Gavan, Fred Laure, Koraimann) in der Grund-Sechs aufgeboten werden, sind es bei Aich/Dob gerade einmal deren zwei (Philipp Kroiss, Gerald Reiser).

Nicht viel, aber jetzt deswegen anfangen zu lamentieren und die Vereine in die Pflicht zu nehmen, davon hält der 45-Jährige nichts. „Das wäre das Letzte, was ich tun würde: Einem österreichischen Klub zu sagen, er soll mehr Österreicher auf das Feld stellen.“ Auch wenn derartige Appelle aus dem heimischen Fußball durchaus bekannt sind.

„Das ist ja fast eine nationalistische Frage. Ich denke, es passt ohnehin nicht mehr in eine europäische Zeit, ständig darüber zu diskutieren, wie viele Aus- und Inländer irgendwo spielen. Auf der einen Seite wollen wir die EU und auf der anderen glauben wir, wir müssten uns separieren und dass wir hinter ein paar Bergen wohnen, wo uns der Rest Europas nicht sieht“, findet der besonnene Warm klare Worte.

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