Martina Hingis - eine Legende mit 32 Jahren

Aufmacherbild
 

Mit Martina Hingis wurde an diesem Wochenende einer der ganze großen Stars der WTA-Tour der beiden vergangenen Jahrzehnte in die „Tennis Hall of Fame“ in Newport aufgenommen.

„Es ist ein Privileg, zu den wenig Auserwählten zu gehören“, freute sich die Schweizerin in einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ über diese große Ehre. „Vorher hat man immer nur von den Legenden gesprochen, jetzt bin ich plötzlich selber eine.“

Obwohl die 32-Jährige nur ein Jahr älter als die aktuelle Weltranglisten-Erste Serena Williams ist, dürften jüngere Fans ihre Erfolge nur mehr aus Erzählungen und Büchern kennen.

Wunderkind dominiert WTA-Tour

Als Wunderkind dominierte sie am Ende der Ära „Steffi Graf“ in den späten 90er Jahren das Damen-Tennis.

Mit 16 Jahren und drei Monaten gewann Hingis als jüngste Spielerin der Geschichte ein Grand-Slam-Turnier. Bei den Australian Open 1997 fegte sie die Französin Mary Pierce mit 6:2, 6:2 vom Platz.

Als Überraschung galt dies damals aber nicht. Zu dieser Zeit dominierte die nur 1,70 Meter große Rechtshänderin die Konkurrenz, wie es im weißen Sport nur ganz wenigen Spielerinnen vergönnt war und ist.

Kroatin Majoli verpatzt „Grand Slam

Beinahe hätte Hingis 1997 in Folge sogar den klassischen „Grand Slam“, den Sieg bei allen vier Majors, geholt. Im French-Open-Endspiel unterlag sie damals aber sensationell der Kroatin Iva Majoli, die weder davor noch danach auch nur annähernd einen ähnlichen Erfolg einfahren konnte.

Doch auch ohne „Grand Slam“, der im Damen-Einzel bislang nur Maureen Connolly (1953), Margaret Smith Court (1970) und Steffi Graf (1988) gelang, liest sich die Vita von Martina Hingis beeindruckend.

Von ihren insgesamt 43 Turnersiegen feierte sie fünf auf Grand-Slam-Ebene. Dazu kommen neun Major-Titel im Doppel und einer im Mixed. Mit 20,13 Millionen Dollar an Preisgeld-Einnahmen liegt sie in der ewigen Rangliste immer noch auf Platz zehn.

Zudem strahlte sie 209 Wochen von der Weltranglisten-Spitze, womit sie im All-Time-Ranking sogar auf Platz vier hinter Steffi Graf (377), Martina Navratilova (332) und Chris Evert (262) aufscheint. Die aktuelle Dominatorin Serena Williams kommt vergleichsweise nur auf magere 145 Wochen.

Tochter zweier Tennis-Profis

Ihre große Karriere wurde Hingis in die Wiege gelegt. Ihre Eltern Karol Hingis und Melanie Molitor waren selbst ehemalige Profis. Schon bei der Geburt im slowakischen Kosice gab die Mutter bei der Namenssuche den Weg vor, als sie ihre Tochter nach Martina Navratilova benannte, die zu dieser Zeit das Um und Auf im Damen-Tennis war und von der Mutter sehr verehrt wurde.

Im Alter von zwei Jahren soll Hingis erstmals mit dem Tennis-Training begonnen haben. Mit vier bestritt sie ihr erstes Turnier. Auch durch die Scheidung der Eltern im Jahr 1988 ließ sich die kleine Martina nicht von ihrem Erfolgsweg abbringen.

Als die Mutter mit ihr in die Schweiz zog, nahmen sie die Eidgenossen mit Freude in ihrem Verband auf. Schließlich war schon damals abzusehen, dass es sich hier um ein ganz außergewöhnliches Talent handelte.

Jüngste Wimbledon-Siegerin aller Zeiten

So kam es, dass Hingis schon im Jahr 1994 als 13-Jährige ihr Profi-Debüt gab. Unter anderem erreichte sie auf Tour-Ebene bereits zwei Viertelfinali (Essen, Filderstadt) womit sie im Jahresend-Ranking bereits unter die Top 100 vorstieß (Platz 87).

1996 fuhr sie an der Seite von Helena Sukova in Wimbledon bereits den ersten Grand-Slam-Titel ein. Zugleich kürte sie sich zur jüngsten Siegerin im Rasen-Mekka aller Zeiten. Den ersten Einzel-Turniersieg ließ sie später in Filderstadt folgen. Im Jahr darauf nützte sie die verletzungsbedingte Abwesenheit von Steffi Graf, um endgültig das Kommando auf der WTA-Tour zu übernehmen.

Einzigartiger Spielstil

Entgegen dem aufkommenden Trend zum Power-Tennis verzückte Hingis ihre Fans jahrelang mit ihrem intelligenten Spiel. Dank ihres beeindruckenden Antizipationsvermögens und herausragenden Ballgefühls gestaltete sie ihre Spielzüge ähnlich einer Schachpartie.

Viele ihrer Kontrahentinnen verfügten zwar über deutlich härtere Schläge, wurden von der agilen Hingis aber regelmäßig ausgekontert. In der heutigen Zeit sieht man diesen Spielstil nur mehr selten. Einzig eine Agnieszka Radwanska erinnert mit Abstrichen an die Martina Hingis aus den 90er Jahren.

Körper macht Probleme

Trotzdem rächte sich die körperliche Unterlegenheit bald. Ab dem Jahr 2000 wurde sie immer wieder von Fußverletzungen zurückgeworfen. Die Turnier-Pausen wurden immer länger, ehe im Februar 2003 der endgültige Rücktritt erfolgte. Mit gerade einmal 22 Jahren hängte Hingis den Schläger an den Nagel.

Ein Comeback-Versuch mit Saisonbeginn 2006 verlief anfangs zwar recht erfolgreich, schon bald zeichnete sich aber ab, dass Hingis Körper einfach nicht mehr den Anfordernissen des Profi-Sports standhält. Hüft- und Rückenverletzungen zwangen sie zu Aufgaben und Pausen.

Endgültiger Rücktritt nach positivem Kokain-Test

Nachdem sie in Wimbledon 2007 positiv auf Kokain getestet worden ist, verkündete sie im November desselben Jahres ihren endgültigen Rücktritt.

 Laut Hingis sei ihr die Droge zwar nur in ihren Orangensaft gemischt worden, da sie aber keine Lust auf eine jahrelange juristische Auseinandersetzung hätte, wolle sie der Tour kampflos den Rücken kehren. Nachträglich wurde Hingis in Folge von der ITF für zwei Jahre gesperrt.

Turbulentes Privatleben

Turbulent verlief neben ihrer sportlichen Karriere auch immer ihr Privatleben. Nach Verlobungen mit Tennis-Kollege Radek Stepanek und einem Schweizer Anwalt heiratete die begeisterte Pferde-Liebhaberin im Jahr 2010 den sieben Jahre jüngeren Springreiter Thibault Hutin.

Diese Ehe steht mittlerweile allerdings kurz vor dem Aus. In einem Interview mit dem „SonntagsBlick“ warf ihr der Franzose vor wenigen Tagen jahrelange Untreue vor.

Kein Erfolg als Coach

Vielleicht waren ihre privaten Probleme der Grund, die Rückkehr auf die Tour zu wagen. Vor einigen Wochen versuchte sie als Coach der Russin Anastasia Pavlyuchenkova ihr Glück.

„Mir hat es gefehlt, auf dem Platz zu stehen, direkt mit einer Spielerin zu arbeiten. Dort kann ich am meisten bewirken und leisten“, so Hingis.

Das Experiment verlief allerdings ebenfalls nicht nach Wunsch. Schon in Wimbledon war Hingis nicht mehr an der Seite von Pavlyuchenkova zu finden. „Man sollte nur so lange zusammenarbeiten, wie die Harmonie stimmt. Sonst muss man etwas ändern“, meinte Hingis pragmatisch.

Es macht also nicht den Anschein, als ob sie sowohl in ihrem beruflichen, als auch in ihrem privaten Leben sobald zu Ruhe und Konstanz finden würde. Aber das muss sie ja nicht – sie ist ja erst 32 – und trotzdem schon eine Legende.

Christian Frühwald

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen