Hingis/Mirza - die Zukunft des Damen-Doppels?

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Das Damen-Doppel gehörte bislang nicht gerade zu den großen Aushängeschildern des Tennis-Sports.

Meist läuft es selbst bei den Grand-Slam-Turnieren nebenbei mit, unbeachtet von der breiten Masse, die diesen Bewerb oft nur belächelt.

Ein ungerechtes Schicksal, dass sich dank zweier Damen bald ändern könnte.

Mit Martina Hingis und Sania Mirza haben sich zwei der schillerndsten Persönlichkeiten auf der WTA-Tour dazu entschlossen, ein neues Doppel-Duo mit Kultpotenzial zu bilden.

Zusammenarbeit seit Anfang März

Anfang März gaben die beiden ihre Zusammenarbeit bekannt. Während Hingis sich von ihrer Standard-Partnerin Flavia Pennetta trennte, beendete Mirza das Experiment mit Hsieh Su-Wie.

Die Taiwanesin sollte die im vergangenen Jahr zurückgetretene Cara Black ersetzen, das Zusammenspiel lief aber nicht nach Wunsch.

„Hsieh fühlt sich auf der Vorteilseite nicht wohl und ich habe nicht das Gefühl, dass ich auf der Rückhandseite gut genug bin, um mit der Weltklasse mithalten zu können“, erklärte Mirza damals ihre Beweggründe.

Hingis erfüllt Anforderungsprofil

Das gesuchte Anforderungsprofil fand die 28-jährige Inderin in Martina Hingis. Die ehemalige Weltranglisten-Erste und fünffache Einzel-Grand-Slam-Siegerin ist seit ihrem zweiten Comeback im Jahr 2013 auf der Damen-Doppel-Tour unterwegs.

Was als körperlicher Ausgleich zu ihrer damaligen Funktion als Coach von Sabine Lisicki begann, wandelte sich zur neuen Hauptaufgabe, die sie mittlerweile überaus erfolgreich absolviert.

Gemeinsam mit Pennetta erreichte die 34-jährige Schweizerin in der letzten Saison das Finale bei den US Open. Zu Jahresbeginn holte sie bei den Australian Open im Mixed an der Seite von Leander Paes ihren ersten Major-Titel seit zwölf Jahren.

Hingis kam wieder auf den Geschmack

Spätestens dieser Titelgewinn brachte Hingis wieder auf den Geschmack, den ganz großen Erfolgen nachzujagen. Und diese sah sie mit Mirza eher machbar als mit Pennetta, obwohl sie mit der Italienerin in den vergangenen Monaten starke gemeinsame Vorstellungen ablieferte.

„Letztes Jahr hat es bei mir mit Flavia (Anm.: Pennetta) ausgezeichnet funktioniert. Ein Wechsel war also ein riskanter Schritt“, gab Hingis zu.

Turniersieg bei der Premiere

Dementsprechend froh war die Eidgenossin über das Abschneiden in Indian Wells. Gleich bei der Premiere stürmte das neu formierte Duo ohne Satzverlust zum Turniersieg.

Der erste gemeinsame Siegerscheck kann sich mit einer Summe von 295.000 Dollar mehr als sehen lassen.

“Wir haben gehofft, dass es gleich so gut läuft”, meinte Hingis nach dem insgesamt bereits 42. Doppeltitel ihrer Karriere. „Gleich bei der Premiere ein Turnier zu gewinnen, gibt einem viel Energie. Hoffentlich läuft es weiterhin so gut.“

So ist es geplant: Mirza von der Grundlinie, Hingis am Netz

Ihrem ersten Grand-Slam-Doppel-Titel läuft Mirza noch hinterher: 2011 stand sie bei den French Open im Endspiel, bei den anderen drei Majors erreichte sie insgesamt weitere vier Mal das Halbfinale.

„Martina kann mein Spiel perfekt ergänzen“

Mit Hall-of-Fame-Mitglied Martina Hingis soll Mirza nun der nächste Schritt gelingen und endlich der erste große Titel eingefahren werden.

„Martina ist eine der wenigen Spielerinnen, die mein Spiel perfekt ergänzen können“, erklärt die Inderin. „Kaum eine andere Spielerin hat am Netz eine so gute Hand wie sie. Ich brauche so jemanden, der die Bälle am Netz abschließt.“

Hingis gibt Lob zurück

Hingis gibt das Lob zurück: „Sania hat eine gewaltige Vorhand, vor allem auf der rechten Seite. Ich kann mich gut bewegen und den Punkt abschließen. Sie bereitet vor, ich beende es. Das funktioniert bislang ziemlich cool.“

„Ich bin froh, dass wir diesen Schritt getan haben. Wir hatten beide Partner, mit denen wir auch gut zusammengespielt haben. Ich bin sehr glücklich, dass es geklappt hat, weil man vorher ja nie weiß, wie es laufen wird“, ist sich die routinierte Schweizerin der Gefahr des Partner-Wechsels bewusst gewesen.

Nach ihrem ersten Indian-Wells-Titel seit 16 Jahren, den sie damals noch mit Anna Kournikova feiern durfte, ist Hingis nun aber natürlich bedeutend zuversichtlicher, dass der Name Hingis/Mirza in Zukunft nicht nur für Society-Schlagzeilen in den Boulevard-Blättern, sondern auch im Doppel-Raster für Furcht und Schrecken bei der Konkurrenz sorgen wird.

Mirza ist sich aber auch bewusst: „Namen zählen nichts. Man muss auf den Platz gehen und gewinnen.“

Christian Frühwald

Mirza war über das schnelle Zusammenspiel naturgemäß ebenfalls glücklich: „Auf dem Papier hat es schon so ausgesehen, dass wir ein gutes Team bilden würden. In der Praxis läuft es aber nicht immer so wie gedacht. Deshalb sind wir natürlich wirklich glücklich, dass wir hier gleich gewinnen konnten. Vor allem weil wir so dominant waren.“

Als gemeinsames Ziel haben die beiden ganz klar die Nummer eins auserkoren. Mit dem Turniersieg in Indian Wells verbesserte sich Mirza vorläufig auf Rang drei, Hingis ist aktuell auf Position fünf zu finden.

Empfang beim Premierminister

Dass sich die beiden viel von ihrer gemeinsamen Zukunft erwarten, zeigte bereits die Promotion-Tour, die sie vor Indian Wells in Mirzas Heimat abwickelten. Dabei wurden die beiden sogar vom indischen Premierminister empfangen.

Ein Beweis dafür, wie populär in Indien das Tennis-Doppel und vor allem Sania Mirza ist. Die in Hyderabad aufgewachsene Baumeister-Tochter ist in dem sehr konservativen Land eine der wenigen Weltklasse-Sportlerinnen.

Probleme mit radikalen Muslimen

Alleine durch diese Ausnahme-Stellung sorgte die gläubige Muslimin in ihrer Heimat seit Beginn ihrer Karriere für viele Kontroversen. Vor allem mit den radikalen Muslimen hatte sie immer wieder Probleme.

So wurden ihre T-Shirts von einem muslimischen Führer als „unislamisch“ und „korrupt“ bezeichnet. Ein Kleriker forderte sogar, dass sie in langen Kleidern und mit Kopftuch spielen müsse, ansonsten solle sie gestoppt werden.

Als Mirza bei einer Konferenz für „Safer Sex“ für Kondome warb, wurde ihr unterstellt, dass sie die indische Jugend verderbe.

Zudem handelte sie sich mit Nationalisten Ärger ein, als sie bei einer Pressekonferenz ihre nackten Füße auf den Tisch stellte, auf dem bereits eine kleine indische Flagge stand.

Offener Umgang mit Anfeindungen

Mirza und ihr Ehemann, der pakistanische Cricket-Star Shoaib Malik, sind es mittlerweile gewohnt, öffentliche Auftritte nur mit strengen Sicherheitsvorkehrungen wahrzunehmen.

Beim indischen Milliardenvolk hat das Ehepaar eine höhere Stellung als sie die Beckhams in der westlichen Welt genießen. Alleine Mirza kann auf 8,3 Millionen Facebook-Fans und 2,44 Millionen Twitter-Follower verweisen. Zahlen, die für sich sprechen.

 

Die sehr aktive Social-Network-Nutzerin ging mit den erlittenen Anfeindungen meist recht mutig und offen um.

Seit vielen Jahren schon setzt sie sich in ihrer Heimat für die Frauenrechte und für mehr Toleranz in der konservativen indischen Gesellschaft ein. Mittlerweile ist sie sogar UN-Frauen-Botschafterin für Südasien – als erste der Geschichte!

In der näheren Zukunft will die dreifache Grand-Slam-Siegerin im Mixed nun aber vor allem wieder vermehrt für sportliche Erfolge sorgen.

Nachdem sie im Jahr 2012 ihre Einzel-Karriere, die sie immerhin auf ein Career-High von Rang 27 führte, beendete, peilt sie im Doppel den Sprung an die absolute Spitze an.

Rücktritt der Nummer eins

Ein Unterfangen, das zwar schwer, seit Wochenbeginn aber zumindest ein bisschen einfacher geworden ist. Mit Roberta Vinci und Sara Errani gab nämlich das aktuelle Nummer-eins-Duo im Damen-Doppel seine Trennung bekannt.

Die beiden Italienerinnen verkündeten in einer gemeinsamen Aussendung, dass sie sich ausgepowert fühlen und eine Pause benötigen, um wieder etwas Luft zu bekommen.

"Jeder war überrascht"

"Diese Entscheidung hat wohl jeden überrascht", so Mirza. "Wir haben uns schon in Indian Wells gewundert, warum die beiden nicht im Raster zu finden waren. Anfangs haben wir geglaubt, dass sich eine der beiden verletzt hat."

Schnell stellte sich jedoch heraus, dass das Duo Vinci/Errani zumindest in der nächsten Zukunft nicht mehr gemeinsam auf den Platz kommen wird.

"Wenn sich eine langjährige Partnerschaft auflöst, ist es immer eine traurige Sache. Die beiden hatten eine sensationelle Karriere", meinte Mirza über Errani/Vinci, das als eines von nur fünf Teams der Geschichte den Karriere-Grand-Slam geschafft haben.

"Wir müssen uns jetzt natürlich um ein Team weniger Gedanken machen", weiß die Inderin natürlich auch, dass sie durch diese Entscheidung einen harten Konkurrenten weniger gegen sich haben.

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