"Das hat mich schon ein bisschen enttäuscht"

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Barbara Schett hat das geschafft, wovon viele SportlerInnen träumen.

Sie blieb ihrem Sport nach dem Karriere-Ende verbunden und hat sich so ein weiteres Standbein aufgebaut.

Die ehemalige Nummer 7 der Welt fungiert als Expertin bei "Eurosport", ist zudem Testimonial, Mutter und Turnierbotschafterin der "Generali Ladies Linz".

"Manchmal frage ich mich selbst, wie ich das alles schaffe", lacht die Blondine im Gespräch mit LAOLA1.

Trotz ihrer Erfolge und Erfahrung gibt es momentan keinen Weg, dass die 38-Jährige ihre Eindrücke an die jungen heimischen Spielerinnen weitergibt. "Es hat mich nur ein wenig geärgert, dass ich nie gefragt wurde", wundert sich die Tirolerin.

Österreichs Damen-Tennis hätte diese aber bitter notwendig. Nach Yvonne Meusburgers Karriereende steht Patricia Mayr-Achleitner als einzige ÖTV-Spielerin als 94. in den ersten 100. Noch – denn auch die 27-Jährige rasselt im Ranking rasant nach unten.

"Es ist schade, jetzt sieht es sehr trist aus", muss auch Schett eingestehen. "Ich glaube schon, dass da vielleicht zu einer gewissen Zeit ein bisschen was falsch gemacht wurde."

Was genau falsch gemacht wurde, warum Serena Williams Steffi Grafs Grand-Slam-Rekord brechen wird, sie das Fed-Cup-Team nicht übernehmen wollte und sie Dominic Thiem in Schutz nimmt, erklärt sie im großen LAOLA1-Interview.

LAOLA1: Wie siehst du die Entwicklung im Damen-Tennis? Was hat sich in den fast zehn Jahren seit deinem Karriereende verändert?

Barbara Schett: Wenn ich mir die Weltrangliste ansehe und merke, dass Serena Williams immer noch Nummer eins der Welt ist, die unter den ersten Zehn war, wie ich noch Top 10 war, hat sich vielleicht gar nicht so viel weiterentwickelt. Von der Physis her, sei es Kondition, Schnelligkeit oder Stärke, ist die Breite ganz anders, als bei mir. Da gab es immer wieder Spielerinnen, die nicht so fit waren. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Die meisten Frauen spielen schnelles, kraftvolles Tennis - was mir abgeht ist die Variation. Hin und wieder einen Stopp oder einen Slice einzubauen, das würde ich mir wünschen. Es gibt jetzt schon ein paar Spielerinnen, die das machen, das freut mich total. Im Großen und Ganzen denke ich, dass Damen-Tennis sehr attraktiv ist, teilweise gibt es sogar attraktivere Matches als bei den Herren. Es ist die Weltsportart der Frauen, darauf kann man schon stolz sein.

LAOLA1: Wie du angesprochen hast, ist Serena Williams nach wie vor an der Spitze. Ist sie so gut oder die anderen Spielerinnen so schlecht?

Schett: Sie ist schon ein Ausnahmetalent. Sie hält sich so lange vorne, weil sie nicht so viele Turniere spielt. Sie spielt vielleicht 12 Turniere und nimmt sich immer wieder ihre Pausen, um auch vom Kopf her frisch zu bleiben. Sie hat jetzt 18 Grand-Slam-Titel geholt, ich bin mir sicher, dass sie Steffi Grafs Rekord (22/Anm.) einstellen wird. Wenn sie fit ist und Lust hat, kann sie sicherlich noch einige Jahre weiterspielen. Ich freue mich, dass ich die Chance hatte, mit ihr und gegen sie zu spielen.

LAOLA1: Österreichweit hat sich bezüglich Damen-Tennis seit deinem Rücktritt nicht viel getan. Seit Sybille Bammers Karriereende 2011 sieht es ganz düster aus.

LAOLA1: Keine einzige Nachwuchsspielerin wird derzeit vom Verband gefördert. Was sagst du dazu?

Schett: Das wusste ich nicht. Ich muss nachfragen, warum das so ist. Beim ÖTV gibt es immer wieder Kriterien, die er zu erfüllen hat. Bei mir war es auch so, ich musste Staatsmeisterschaften und Fed Cup spielen, ein gewisses Ranking haben, Tests absolvieren. Mein Sprint musste so und so schnell sein. Es gibt sicherlich gewisse Vorlagen, vielleicht hat keine Spielerin diese erwiesen. So kann ich es mir vorstellen, aber ich muss da nachforschen.

LAOLA1: Bei den Herren ist derzeit Dominic Thiem in aller Munde. Wie hast du seinen steilen Aufstieg miterlebt?

Schett: Ich bin hin und weg, es freut mich total, wie weit er es in diesem Jahr schon geschafft hat. Er spielt sehr unbekümmert, ist aber gleichzeitig sehr reif für sein Alter. Wir können stolz und froh sein, dass wir so jemanden in Österreich haben. Wer weiß, wie lange Jürgen Melzer noch spielt. Es ist wichtig, im eigenen Land ein Idol zu haben. Er hat wieder einen kleinen Tennis-Boom ausgelöst, das ist schön zu sehen. Nach oben hin ist bei ihm alles möglich. Dass er Nummer eins der Welt wird, wird schwer. Aber bei den US Open hat man schon erkannt, dass es langsam zu einer Wachablöse durch Nishikori, Cilic oder Raonic kommt. Die "großen Vier" sind schon sehr lange da oben, es wird Zeit für frischen Wind. Da kann Dominic mitmischen.

LAOLA1: Wie siehst du seine Absage für den Davis Cup gegen Lettland?

Schett: Ich verstehe es, weil er einfach total erschöpft war. Er hatte so viele Matches, daran muss er sich erst gewöhnen. Er hat 40 oder 50 Matches gespielt, so viele wie ein Roger Federer. Da muss er erst reinwachsen. Deshalb hat er eine Pause gebraucht. Ich denke schon, dass er wieder Davis Cup spielen wird. Tennis ist kein Mannschaftssport, sondern ein Einzelsport. Man muss letztlich auf sich selbst schauen. Ich will ihn nicht freisprechen, ich bin immer dafür, dass man sein Land vertritt. Außerdem ist es immer eine nette Woche, mit dem Team unterwegs zu sein. Ich hoffe einfach, dass er seine Entscheidungen selbst trifft und sie nicht getroffen werden.

LAOLA1: Du bist Mutter, Ehefrau, Eurosport-Expertin, Testimonial, Turnierbotschafterin und noch vieles mehr. Wie bekommst du das alles unter einen Hut?

Schett: Das frage ich mich auch oft (lacht). Das Zauberwort heißt: Organisation. Ich bin ein sehr organisierter Mensch. Das ist für uns das A und O. Mein Mann (Joshua Eagle/Anm.) ist auch 25 Wochen im Jahr mit dem australischen Tennis-Verband unterwegs. Es wäre ohne meine Eltern, die mich immer unterstützen, auch mit meinem Sohn, nicht möglich. Es funktioniert gut und macht mir Spaß. Ich bin ausgeglichener, wenn ich Mutter sein und meinen Job machen kann. Die Liebe zum Tennis ist so groß, es war immer fix, dass ich dranbleiben will. Das ist mit gelungen und darauf bin ich stolz. Viel mehr darf es aber nicht mehr werden (lacht).

 

Das Gespräch führte Matthias Nemetz

Schett: Es war sicherlich schwer, in meine Fußstapfen zu treten und in die Top 10 zu kommen. Das ist nicht leicht, ich habe mein ganzes Leben darauf ausgerichtet und auf viel verzichtet. Nach der Sybille hat es nochmal schlechter ausgesehen. Tamira (Paszek/Anm.) hatte private und körperliche Probleme, Yvonne Meusburger hatte einige Erfolge, aber niemand hat es geschafft, wirklich nach vorne zu kommen. Es ist schade, jetzt sieht es sehr trist aus. Patricia Mayr-Achleitner ist gerade noch in den ersten 100, ich weiß nicht, wie lange sie sich dort noch halten kann. Wichtig für junge Spielerinnen ist, dass es Vorbilder gibt. Wir können über Dominic Thiem froh sein, Mädchen können sich auch Burschen zum Vorbild nehmen. Es wäre aber wichtig, dass es bald wieder jemanden bei den Damen gibt.

LAOLA1: Woran liegt die negative Entwicklung?

Schett: Das kann ich schwer sagen, da ich eigentlich zu weit weg bin. Ich glaube aber schon, dass da vielleicht zu einer gewissen Zeit, ein bisschen was falsch gemacht wurde. Ich weiß nicht, ob es das System in Österreich ist. Aber was mir auffällt, ist diese „Eigenbrötlerei“ von den meisten Spielerinnen. Dass es nicht irgendwo ein Zentrum gibt, ob in der Südstadt oder in Salzburg, wo alle Guten zusammenkommen und sich gegenseitig nach oben pushen. Ich kann nur aus eigener Erfahrung sagen, dass mir das wahnsinnig geholfen hat. (Schett trainierte ab 14 in der Südstadt/Anm.)

LAOLA1: Österreich bringt immer wieder Talente hervor, denen dann nachgesagt wird, nicht den letzten Biss zu haben. Ist das ein typisch "österreichisches" Problem?

Schett: Tamira kenne ich am besten, sie hatte immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen. Zu meiner Zeit war es so, dass man Verletzungen gar nicht an die große Glocke gehängt hat. Man wollte keine Schwäche zeigen. Es ist eine andere Generation. Ich war jeden Tag am Tennis-Platz. Mit zehn Jahren wollte ich unter die ersten 10 der Welt kommen. Darauf habe ich hart hingearbeitet. Ich habe meine Familie verlassen und bin nach Wien gegangen. Früher war der Respekt anders, die Eltern haben sich nicht eingemischt. Vielleicht geht es der Jugend heutzutage besser. Ich wollte damals auch viel Geld verdienen. Ich habe Tennis geliebt und mir gedacht, dass ich mir dann vielleicht einmal das und das leisten kann. Von nichts kommt nichts. Es ist ein Full-Time-Job - da muss man sich durchkämpfen und nicht jammern. Ich denke, das ist aber eher ein globales Problem. In Ländern, wo es den Leuten besser geht, denkt man sich, warum man sich schinden sollte. Man wird ja ohnehin einmal erben (lacht). Da geht es aber nicht nur ums Tennis. Im Leben muss man sich Ziele setzen, sonst wird man nicht erfolgreich.

LAOLA1: Wie man gemerkt hat, hättest du durchaus Interesse, dem österreichischen Tennis weiterzuhelfen.

Schett: Es hat mich nur ein wenig geärgert, dass ich nie gefragt wurde. Wenn man Top 10 war, so viel Erfahrung hat und noch immer so im Tennis involviert ist, könnte man schon zu Rate gezogen werden. Das war nicht der Fall und das hat mich ein bisschen enttäuscht.

LAOLA1: Gab es seitens des ÖTV nie eine Anfrage?

Schett: Naja, vom Verband gab es die ein oder andere Anfrage den Fed Cup zu übernehmen. Das geht sich zeitlich bei mir aber nicht aus. Das Fed-Cup-Team ist so zerstritten, deshalb hat es mich um ehrlich zu sein nicht interessiert. Wenn ich etwas mache, will ich auch hundert Prozent geben und mich nicht nur einmal für zwei Wochen auf die Bank setzen. Vor allem, wenn ich dafür meinen Kopf hinhalte.

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