"Genie" will keine Flasche sein

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"Ich war unsicher und wollte das alte Gefühl zurück"

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Vor fast genau einem Jahr stand Eugenie Bouchard auf dem bisherigen Höhepunkt ihrer noch so jungen Karriere.

Nach ihren sensationellen Halbfinal-Einzügen bei den Australian Open und den French Open setzte die damals 20-jährige Kanadierin noch einen drauf und zog in Wimbledon in ihr erstes Grand-Slam-Endspiel ein.

Dort zog sie zwar gegen Petra Kvitova klar den Kürzeren, dem weltweiten Hype um die fesche Blondine tat dies jedoch keinen Abbruch.

Bis Oktober arbeitete sich Bouchard mit ihrem aggressiven und teilweise auch sehr riskanten Spiel bis auf Platz fünf des WTA-Rankings vor.

Die erste große Krise

2015 trauten der ehrgeizigen Rechtshänderin bereits viele ihren ersten großen Titel zu. Doch auch Bouchard musste anerkennen, dass der Weg an die Spitze nur selten in einer geraden Linie verläuft, sondern mit vielen Auf und Abs versehen ist.

Bei den Australian Open erreichte sie noch das Viertelfinale, danach schlitterte die Junioren-Wimbledon-Siegerin des Jahres 2012 immer mehr in die Krise. In 15 Partien konnte sie seit Ende Jänner gerade einmal vier Siege einfahren.

Nach dem Erstrunden-Aus bei den French Open fiel Bouchard vor wenigen Wochen bereits aus den Top Ten. Nun droht der aktuellen Weltranglisten-Elften in Wimbledon der ganz große Absturz. Schließlich hat sie durch ihren letztjährigen Final-Einzug 1.300 ihrer 3.118 Punkte im All England Club zu verteidigen.

Video-Analyse soll Selbstvertrauen stärken

Um sich ihrer alten Stärken wieder bewusst zu werden, sah sie sich laut einem ESPN-Bericht in den letzten Tagen auf Videos ihren Erfolgslauf in Wimbledon vom vergangenen Jahr an.

„Damit ich weiß, was ich kann“, erklärte Bouchard, die mit ihrem aggressiven und dadurch deutlich fehleranfälligeren Spiel noch mehr Selbstvertrauen benötigt, als es im Tennis ohnehin notwendig ist.

Ihr Lieblings-Video ist ihr Halbfinal-Sieg über die Rumänin Simona Halep. „Das war eine richtig gute Partie von mir“, so Bouchard. „Ich liebe Wimbledon und die ganze Atmosphäre. Im vergangenen Sommer habe ich sehr gutes Tennis gespielt. Da war ich sehr fokussiert und habe nicht viel über andere Dinge nachgedacht. Das hat mir damals sicherlich geholfen.“

 

Rückkehr auf Lieblingsbelag

Rasen scheint für das schnelle, aggressive Spiel von Bouchard sowieso wie geschaffen zu sein. „Ich nehme die Bälle sehr früh. Auf Rasen springt der Ball sehr flach ab und ist schnell – ich mag es, aggressives Tennis zu spielen.“

Wobei auch die Rückkehr auf ihren Lieblingsbelag bislang nicht den erhofften Umschwung brachte. In Hertogenbosch war bereits in Runde eins gegen Yaroslava Shvedova Endstation und auch in Birmingham kassierte sie gegen Kristina Mladenovic eine Auftaktniederlage.

„Man muss geduldig sein und trotz aller Widrigkeiten an das glauben, was man tut. Man muss an sich selbst glauben, ganz egal was passiert. Dann wird man es vielleicht schaffen. Das versuche ich umzusetzen und daran arbeite ich auch hart. Ich versuche positiv zu bleiben und das Richtige zu tun“, will sich Bouchard trotzdem nicht von ihrem Weg abbringen lassen.

Trainerwechsel im Winter

Dementsprechend will sie auch ihre im Winter neu eingeschlagene Richtung fortsetzen. Ende der vergangenen Saison trennte sich Bouchard von ihrem Langzeit-Coach Nick Saviano, der die Kanadierin seit ihrem zwölften Lebensjahr betreute.

Sam Sumyk, der Victoria Azarenka zu zwei Australian-Open-Siegen und an die Spitze des WTA-Rankings führte, kümmerte sich fortan um die Bedürfnisse des hoffnungsvollen Jungstars.

„Ich hoffe, dass ich das Ding herumdrehen kann. Ich freue mich darauf, wieder auf dem Top-Level mitzuspielen. Wenn es so weit ist, werden meine Siege noch befriedigender sein als davor. Denn dann weiß ich, wie viel Schmerz und wie viel Anstrengung dafür notwendig war, dass ich hier stehe“, erklärt die gereifte Kanadierin, die das letzte Halbjahr vor allem als Lernphase ansieht.

Schwierige Lernphase

„Habe ich in dieser Zeit viel über mich gelernt? Auf jeden Fall – und auch über das Leben an sich. Ich habe gelernt, dass der Weg an die Spitze nicht gerade ist und es auf diesem Weg einige Rückschläge zu verkraften gibt“, sagte Bouchard, die in den letzten Monaten auch im sozialen Umgang mit Spieler-Kolleginnen einige Lernprozesse zu verzeichnen hatte.

Ähnlich wie Maria Sharapova versucht sie schon seit Beginn ihrer Karriere den Umgang mit anderen Profis zu vermeiden. Bei den Fed-Cup-Einsätzen für Kanada übertrieb es Bouchard jedoch, als sie ihren Gegnerinnen das Hand-Shake vor Matchbeginn verweigerte.

„Ich glaube nicht daran, dass man seiner Gegnerin vor dem Match alles Gute wünscht“, erklärte sich die Tochter eines Investment-Bankers, die dafür herbe Kritik von allen Seiten einstecken musste.

Respekt vor Williams

Höchsten Respekt zeigt Bouchard für vor der Karriere von Serena Williams. Sie traut der Weltranglisten-Ersten zu, heuer noch den Grand Slam einzufahren, also alle vier Major zu gewinnen.

Große Titel will sie selbst in Zukunft einfahren. Dafür steckt sie sich aber einen engeren Zeitrahmen als die bald 34-jährige Williams, die schon seit fast 20 Jahren auf der Tour mit dabei ist.

Mit über 30 Jahren will sie ihre Zeit nämlich nicht mehr auf dem Tennisplatz verbringen. „Ich glaube nicht, das ich so lange spielen will. Mit 30 hätte ich gerne schon eine Familie und will mein Leben leben.“

Christian Frühwald

Außerdem wechselte Bouchard ihr Management und ihren Konditions-Trainer. Eigentlich kein Wunder, dass sie nach diesen vielen Änderungen in der Saisonvorbereitung etwas außer Tritt kam.

„War in meinem Spiel unsicher“

„Ich musste viele Veränderungen verarbeiten und es hat einige Zeit gedauert, bis sich alles eingespielt hat“, gab Bouchard zu. „Es hat definitiv Momente gegeben, an denen ich mir nicht mehr sicher war, ob meine Entscheidungen richtig waren. Ich war in meinem Spiel unsicher und ich wollte das alte gute Gefühl zurückhaben.“

„Mein neuer Coach will, dass ich nahe an der Grundlinie stehe und meinen Schlägen mehr Spin mitgebe. Ich habe jetzt einige Dinge an meinem Spiel verändert. Nichts großes, aber einige Kleinigkeiten. Ich will weiterhin die aggressive Spielerin sein, die ich bislang war.“

Bouchard ist sich sicher, dass zukünftige Erfolge nach diesen schweren Zeiten umso befriedigender für sie sein werden.

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