Melzer muss auf den OP-Tisch

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"Krieg der Welten" zu Ende?

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So richtig nach Wunsch lief es für Jürgen Melzer in den letzten Wochen nicht.

Nach dem Achtelfinal-Einzug in Monte Carlo setzte es für den  Niederösterreicher vier Erstrunden-Niederlagen in Folge.

Erst beim Rasen-Turnier in Halle kehrte er mit einem Drei-Satz-Erfolg über den Italiener Riccardo Ghedin wieder auf die Erfolgsspur zurück. Im Achtelfinale war Melzer gegen Richard Gasquet dann aber chancenlos.

Leistenbruch bei Melzer

Hüftprobleme setzten dem 32-Jährigen vehement zu. Ötserreichs Nummer 1 war gezwungen, seine Teilnahme am ATP-Turnier in 's-Hertogenbosch (täglich LIVE bei LAOLA1.tv) abzusagen.

Nun ist auch klar, warum. "Ich habe die Diagnose erfahren, dass ich einen Leistenbruch habe", so Melzer im Gespräch mit LAOLA1.at.

Eine Operation ist für den Gewinner von vier ATP-Titeln unumgänglich.

Warum er dennoch im Wimbledon teilnimmt und mit welchen Erwartungen er ins dritte Major-Event des Jahres geht, verrät er im großen Interview.

Außerdem erklärt er, warum er im Doppel mit US-Altstar James Blake sein Glück versucht, wieso seine Frau Iveta noch warten muss und warum früher doch manches besser war.

LAOLA1: Du hast wegen Hüftproblemen deinen Start in Hertogenbosch abgesagt. Wo genau liegt das Problem?

Jürgen Melzer: Ich habe die Diagnose erfahren, das ich einen Leistenbruch habe. Daraus resultieren die Hüftprobleme. Es sticht einfach, wenn ich mich zur Rückhand hinbewege.

LAOLA1: Was bedeutet das für Wimbledon?

Melzer: Ich werde das Turnier auf jeden Fall spielen, muss mich danach aber einer Operation unterziehen. Voraussichtlich werde ich drei Wochen pausieren müssen.

LAOLA1: Wie lange hast du die Probleme schon?

Melzer: Die Probleme haben während der Sandplatz-Saison begonnen. Je mehr ich spielte, umso schlechter wurde es. Das ist natürlich suboptimal.

LAOLA1: Zuletzt lief es bei dir leider nicht nach Wunsch. Inwiefern haben deine Hüftprobleme damit zu tun bzw. wie zufrieden kannst du mit einem Sieg aus sechs Spielen sein?

Melzer: Wenn ich zum Ball hinlaufen muss, habe ich meine Probleme. Die Schläge an sich selber sitzen. Das habe ich auch immer im Doppel gesehen. Ich habe seit Miami relativ wenig gewonnen. Darüber muss man nicht reden. Derzeit fehlt mir einfach auch das Selbstvertrauen und das ist im Tennis ein wichtiger Bestandteil. Ich werde versuchen, meine Matches in Wimbledon zu gewinnen – das wird aber sicher ein schwieriges Unterfangen werden.

LAOLA1: Hast du mit dem Trainer-Team über den derzeitigen Negativlauf gesprochen?

Melzer: Das erste Match auf Rasen ist immer schwierig. Wenn ich nicht hundertprozentig fit bin, dann kriege ich gegen einen Richard Gasquet (in Halle, Anm.) eben eine Klatsche. Rasen ist sein Lieblingsbelag. Da muss ich schon ein außerordentlich gutes Match spielen, um mitspielen zu können – und das habe ich nicht gemacht. Ich habe o.k. gespielt, aber das reicht halt nicht, um gegen solche Leute zu gewinnen.

LAOLA1: Philipp Petzschner musste letzte Woche im Doppel w.o. geben. Wirst du in Wimbledon Doppel spielen und wenn ja, mit wem?

Melzer: Ich werde mit James Blake antreten, da sich Philipp voll aufs Einzel konzentrieren will. James und ich kennen uns schon lange und wir trainieren auch oft miteinander. Vom Ranking her hat James jemanden gebraucht, der relativ weit vorne steht. Deshalb habe ich ihn einfach angerufen, ob er spielen will.

LAOLA1: Wie sieht es mit einem Mixed-Start aus? Ist deine Frau Iveta wieder fit?

Melzer: Iveta wird nicht in Wimbledon spielen und deshalb trete ich auch nicht im Mixed an. Iveta wird erst gegen Jahresende wieder spielen, da die Turniere im Sommer relativ gut besetzt sind und sie ihr „Protected Ranking“ als Nummer 60 nicht für Qualifikations-Bewerbe verschwenden will. Deshalb wartet sie noch ein bisschen, obwohl sie mittlerweile keine Schmerzen mehr hat.

LAOLA1: Du bist zwar dreifacher Wimbledon-Sieger (Junioren-Einzel, Doppel, Mixed), hast auf Rasen aber interessanterweise trotzdem knapp die schlechteste Bilanz auf allen Belägen. Wie erklärst du dir das?

Melzer: Das kann stimmen, Wimbledon ist aber trotzdem eines meiner Lieblings-Turniere. Auf Rasen gibt es nicht so viele Möglichkeiten zu spielen. In Wimbledon hatte ich in den ersten Jahren viel Pech bei der Auslosung, traf in der ersten Runde auf Leute wie Philippoussis, Hewitt, Rusedski oder Björkman. Die waren auf Rasen einfach besser. Das ist sicherlich auch ein Grund für die schlechte Bilanz.

LAOLA1: 13 Jahre sind seit dem Sieg bei den Junioren vergangen. Die Bedingungen haben sich in dieser Zeit aber doch stark verändert, oder?

Melzer: Auf jeden Fall. Der Ballsprung ist viel höher und auch die Bälle sind schwerer. Ich habe bei den Junioren noch viel Serve-and-Volley gespielt. Das macht man heute überhaupt nicht mehr. Llodra und Mahut sind einer der wenigen Spieler, die das noch machen.

LAOLA1: Thomas Muster hat sich erst vor wenigen Wochen dagegen ausgesprochen, dass sich die Beläge immer ähnlicher werden. Siehst du das auch so?

Melzer: Ich finde es schade. Man sollte unterschiedliche Spieler-Typen und Spielstile fördern. So etwas macht das Tennis noch interessanter. Die Leute haben sich früher gerne Agassi gegen Rafter angesehen, weil dabei zwei Welten aufeinandergetroffen sind. Das geht heute verloren, weil eben doch sehr viele gleich spielen.

LAOLA1: Zudem merkt man beim Spielstil ja kaum mehr einen Unterschied, ob man sich ein Finale in Melbourne, Paris oder Wimbledon anschaut. Mal ganz davon abgesehen, dass meist dieselben Akteure im Endspiel vertreten sind.

Melzer: Ja, das auch. Es ist einfach überall möglich, dass man alles ganz normal von hinten spielt. Sand muss heute nicht mehr der langsamste Belag sein.

LAOLA1: Ist diese Thematik auch bei den aktiven Spielern ein Thema oder wird dies eher von schon zurückgetretenen Akteuren ins Spiel gebracht?

Melzer: Meist sind es die Älteren, die sich dazu äußern. Fish und Roddick haben immer wieder etwas gesagt. Auch Björkman war dieses Thema ein Anliegen. In erster Linie ist es halt jenen Spielern wichtig, die auf schnelleren Belägen zuhause sind. Ein Spanier, der lieber auf langsameren Belägen spielt, wird eher den Mund halten, denn der würde sich ja ins eigene Fleisch schneiden. Wenn, dann müssten sich die Turnierveranstalter ihre Gedanken machen.

LAOLA1: Interessant ist auch, dass Länder wie Schweden oder die USA, die früher Spezialisten für schnelle Beläge produziert haben, große Probleme beim Nachwuchs haben.

Melzer: Natürlich, wenn eine Spielkultur nicht mehr den notwendigen Untergrund erhält, dann muss das Ganze geändert werden und das dauert.

LAOLA1: Was sagst du zum Comeback von Rafael Nadal?

Melzer: Einfach unglaublich. Wobei ich nicht so sehr überrascht bin, dass er wieder so stark geworden ist, sondern wie schnell er es geschafft hat, wieder dorthin zu kommen, wo er einmal war. Bis auf Indian Wells hat er seit seinem Comeback allerdings nur auf Sand gespielt. Im Race führt er jetzt mit über 2.000 Punkten – und das ohne Australian Open und Miami. Wenn er fit ist, dann ist er nur verdammt schwer zu schlagen. Wobei er selber sagt, dass er noch nicht so weit ist, wie er gerne sein würde.

LAOLA1: Glaubst du, dass er sich auf Rasen und Hartplatz nun schwerer tun wird?

Melzer: Er hat jetzt einfach einmal extrem viel Selbstvertrauen gesammelt. Dadurch wird er auch auf Rasen seine Matches gewinnen. Außerdem spielt er eh nur in Wimbledon. Wahrscheinlich wird er auch danach sehr vorsichtig bei seinem Turnier-Kalender sein und nur in Montreal, Cincinnati und den US Open spielen. Aber das ist natürlich alles nur Spekulation.

LAOALA1: Wer sind deine Titel-Favoriten in Wimbledon?

Melzer: Es sind wieder die gewohnten Vier, die sich den Titel ausmachen werden. Für David Ferrer wird es auf Rasen schwierig, ganz vorne mitzumischen. Wenn sich Berdych erfängt, ist er auf Rasen auch ein Thema.

LAOLA1: Welcher von den „Vier“ ist dein Favorit?

Melzer: Es ist schwierig, einen herauszunehmen. Djokovic hat in Paris schon sehr, sehr gut gespielt und nur ganz knapp gegen Rafa verloren. Bei Murray weiß man nicht, wie fit er nach seiner Rückenverletzung ist. Wenn ich mein Geld setzen müsste, was ich ja nicht darf und nicht mache, dann würde ich es wahrscheinlich auf Murray setzen.

Das Gespräch führte Christian Frühwald

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