Krisensitzung

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"Glaube, dass wir Amerikaner meilenweit zurückliegen"

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Jede Krise birgt auch ihre Gewinner.

An diesen Spruch klammern sich wohl tausende amerikanische Tennis-Fans. Denn Tennis befindet sich in Übersee seit Jahren in der Krise.

Während bei den Damen immer noch Serena Williams die unangefochtene Nummer eins ist, sieht es bei den Herren düster aus.

Elf Jahre lang warten die „Amis“ nun schon auf einen Grand-Slam-Titel. Zuletzt konnte Andy Roddick 2003 die US Open gewinnen – eine Ewigkeit für die einstige Tennis-Nation Nummer eins. Zuvor herrschte zwischen 1984 und 1989 die längste Zeit ohne Grand-Slam-Titel. Von 1989 bis 2003 konnte immer mindestens eines der vier wichtigsten Turniere des Kalenders gewonnen werden.

„Wir Amerikaner wurden überholt vom Rest der Welt“, gesteht auch Legende Pete Sampras vor den heute (25.8.) beginnenden US Open ein.

Ein „Riese“ als Zugpferd?

Fragt man nach dem aktuell besten US-Spieler, sieht man meist nur fragende Gesichter und rauchende Köpfe.

John Isner heißt jener Mann, der in der Weltrangliste so hoch gereiht ist, wie kein anderer Profi aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Fragt sich, ob 2,08-Meter-Mann John Isner das gewünschte Zugpferd ist. Mit seinen Marathon-Matches bringt er die Fans immer wieder zum Staunen. So auch 2010, als er in Wimbledon in seinem Duell mit Nicolas Mahut mit 11:05 Stunden den Rekord für das längste Spiel der Tennis-Geschichte aufstellte.

Show-Potential hat der „Riese“ auf alle Fälle. Mehr aber nicht. Drei Achtelfinal-Teilnahmen bei Grand-Slam-Turnieren stehen auf seiner Vita. Auch bei ATP-1000-Turnieren konnte er noch keinen Titel erringen. Es scheint also ausgeschlossen, dass das „Aufschlag-Monster“ die GS-Durststrecke beenden kann.

Viel Mittelmaß

Doch wer hat das Potential dazu? Blickt man auf die Weltrangliste, fällt auf, dass sich zwischen Position 40 und 60 einige Spieler tummeln. Donald Young (46.), Steve Johnson (49.), Jack Sock (55.) und Sam Querrey (56.) heißen jene vier Mann, die besagte Ränge belegen.

Young, inzwischen 25 Jahre alt, ist ebenso wie Johnson (24 Jahre) und der 26-jährige Querrey ein solider Spieler. Zum absoluten Top-Star wird es bei keinem der drei reichen.

Mit einem unerwarteten, plötzlichen Leistungs-Schub ist dies zwar immer möglich, wahrscheinlich scheint es aber nicht.

Auffallend ist, dass  amerikanische Spieler den Vorteil der vielen (meist kleineren) Turniere ohne Stars im eigenen Land wahrnehmen und sich so in der Weltrangliste nach vorne arbeiten. Bei größeren Turnieren ist dann oftmals frühzeitig Endstation.

Einer, bei dem dies nicht der Fall sein soll, ist Jack Sock.

Hoffnungsträger Jack Sock

Der 21-Jährige überzeugt auf der Tour sowohl im Einzel, als auch im Doppel. „Er hat einen tollen Aufschlag, eine sehr, sehr gute Vorhand und eine durchschnittliche Rückhand. Er ist ein Ausnahme-Athlet. So etwas kann man jemandem kaum antrainieren“, lobte Thiem-Coach Günther Bresnik jüngst im „Youngster-Check“ bei LAOLA1.

Sein Problem sei die fehlende Konstanz: „Er kann es meist nicht über ein, zwei Wochen durchspielen – das brauche ich aber, um bei einem Turnier Erfolg zu haben.“

Der Jungspund konnte bereits einen Mixed- (US Open 2011) und Doppel-Grand-Slam-Titel (Wimbledon 2014) erringen. Schöpft er sein athletisches und spielerisches Potential auch im Einzel aus, könnte er der Hoffnungsschimmer am Horizont sein.

Ein warnendes Beispiel kommt aber aus dem eigenen Land. Ryan Harrison, der inzwischen 22 Lenze zählt, stand vor zwei Jahren auf Position 43 der Weltrangliste und sorgte als „Next John McEnroe“ für Furore. Danach begann der steile Abstieg, momentan liegt er auf Position 184.

„Spielern fehlt Wettbewerbsfähigkeit“

Die Flaute ruft auch den amerikanischen Davis-Cup-Kapitän Jim Courier auf den Plan. Der viermalige Grand-Slam-Champion lässt kein gutes Haar an den Nachwuchsspielern.

„Es gibt viele talentierte Spieler, die nicht das Beste aus ihrem Talent herausholen. Unseren Spielern fehlt die Wettbewerbsfähigkeit“, kritisiert der 44-Jährige gegenüber „The Atlantic“.

„Sie haben gute Schläge, verstehen aber nicht, wie man ein Match spielt. Wir haben gute Trainer, aber die Einstellung der Spieler muss sich verbessern.“

Neben Courier schlägt mit Pete Sampras eine weitere Tennis-Legende in dieselbe Kerbe.

Sampras: „Liegen meilenweit zurück“

Der 14-fache Grand-Slam-Gewinner stellt bei „tennismagazin“ unmissverständlich klar: „Das ist eine andere Liga. Die anderen sind besser geworden. Ich glaube, dass wir Amerikaner meilenweit zurückliegen, und ich weiß keine Antwort darauf.“

Seine Landsleute seien „zu schnell zufrieden“ und „zu soft“. So sieht es auch John McEnroe: „Wir schwelgen in Erinnerungen an große, vergangene Zeiten und hoffen darauf, dass wir wieder einen großen Siegspieler finden.“

Einfach so finden werden die Amerikaner einen Siegspieler nicht. Champions werden erst durch Triumphe geboren – vielleicht schon bei den US Open.

Denn jede Krise birgt auch ihre Gewinner.

 

Matthias Nemetz

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