Djokovic-Coach: "Thiem kann ganz vorne mitspielen"

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Seit über sechs Jahren sitzt in der Box des aktuell weltbesten Tennis-Spielers ein Österreicher: Gebhard Gritsch.

Der 58-jährige Tiroler, der im April 2009 über Vermittlung von Günter Bresnik ins Betreuer-Team von Novak Djokovic kam, gab im Rahmen der US Open im Gespräch mit der APA - Austria Presse Agentur ein paar Einblicke in die Arbeit mit dem Weltstar.

"Der Job ist relativ vielfältig, sensibel und sehr herausfordernd, weil man im Prinzip immer am Limit ist", erklärte Gritsch auf der Anlage von Flushing Meadows.

Sein Schützling zog am Sonntagabend (Ortszeit) mit einem Vier-Satz-Sieg über Roberto Bautista Agut (ESP) übrigens ins Viertelfinale des letzten Grand-Slam-Turniers des Jahres ein.

Nicht nur Fitness-Coach

"Man versucht natürlich, das Bestmögliche zu machen und noch irgendwelche kleine Vorteile gegenüber der Konkurrenz zu finden."

Gritsch glaubt, dass das Team um Djokovic, mit u.a. Boris Becker und Langzeit-Coach Marian Vajda in den vergangenen Jahren gut gearbeitet hat. "Wir sind sicher eines der Teams, das im Bereich Sportwissenschaften, Ernährung, Psychologie, Biomechanik ganz vorne dabei ist."

Gritsch kommt selbst aus der Sportwissenschaft und sieht sich freilich nicht als reinen Fitnesscoach. "Ich habe einen Überblick über alle 'performance related' Bereiche, also die, die Leistung beeinflussen."

Der in Silz geborene Gritsch, der in der Spielerbox zumeist auch mit seiner Glatze heraussticht, sieht sich auch als "Filter" für all die Angebote aus diversen Lagern.

"Ja, das ist eine meiner Rollen, dass ich sage, 'okay, das kann nichts bringen, oder das können wir ausprobieren'. Aber an und für sich verlassen wir uns schon noch mehr oder weniger auf die klassische Wissenschaft und versuchen, bevorzugt Methoden zu verwenden, die wissenschaftlich fundiert sind."

"Mit möglichst wenig Aufwand möglich viel Erfolg"

Die immer wieder kolportierte Stabilisierung von Djokovic' Körper sei "komplett überbewertet". "Er ist ja kein Ringer, er ist Tennisspieler. Ein Ringer braucht natürlich viel mehr Stabilität als ein Tennisspieler. Es ist wichtig, aber es ist nur einer der Teilbereiche."

Für Gritsch ist der wichtigste Faktor Effizienz. "Man muss versuchen, dass man den Körper, den Motor, entwickelt und dann eben effizient einsetzt. Mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Erfolg, möglichst viel Aktion zu erzielen."

"Im Prinzip muss man den Ball eben beschleunigen können, erst einmal erlaufen und präzise spielen können. Diese Koordinaten muss man irgendwie zusammenbringen."

Inwiefern auch er selbst von einem Boris Becker im Team lernen könne? "Ich glaube, jeder kann von jedem lernen."

"Boris Becker hat eine unheimliche Erfahrung, gerade was Taktik betrifft und wie man ein Match angeht, wie man sich im Match verhält, wie man auch das Leiden der Gegner analysiert und das Ganze intensiv für sich selbst nützen kann", erklärte Gritsch. "Er ist sicher eine große Bereicherung für uns, aber mein Job hat sich überhaupt nicht verändert."

Der "Performance Manager"

Gritsch sieht die Definition Coach übrigens differenziert. "Jemand, der früher Tennisspieler war, ist meistens ein Coach. Aber der hat natürlich viel zu wenig Ahnung über die ganzen leistungsbezogenen Bereiche und kann das nicht abdecken. Also im Prinzip ist es Teamwork", erläuterte der 58-Jährige, der schon in Zeiten von Muster, Skoff und Antonitsch in der Südstadt war und viel vom damaligen Trainer-Guru Stan Francker gelernt hat.

"Im modernen Sport redet man heute vom Performance Manager, der eben den Überblick hat über alle Bereiche, und der Coach macht halt dann die Taktik oder bestimmte tennis-spezifische Geschichten", führte Gritsch weiter aus.

"Aber es ist ja nicht so, dass der Coach alles weiß und für alles verantwortlich ist. Das kann er auch nicht, wenn er nicht weiß, worum es in bestimmten Bereichen geht."

Gritsch beobachtet natürlich auch mit Freude den Aufstieg von Dominic Thiem. "Ich bin begeistert vom Dominic. Nicht nur ich, ich glaube viele Leute. Die Entwicklung ist sehr gut. Was mir irrsinnig gut gefällt, ist seine Fähigkeit zu analysieren, normal zu bleiben und an sich täglich weiterzuarbeiten", sagte Gritsch, der an einen weiteren Sprung des nun 22-jährigen Niederösterreichers glaubt.

"Dominic kann ganz vorne mitspielen"

"Dominic hat sicher eine Riesen-Zukunft, wenn er so weitermacht. Er ist ja schon fast ganz vorne und jetzt kann man nur schauen, was kann noch passieren - der kann ganz vorne mitspielen."

Ob es ihn nicht auch reizen würde, mit Thiem zu arbeiten? "Logisch. Auf jeden Fall würde es mich reizen, aber die Konditionen sind nicht immer so einfach."

Gritsch hat u.a. schon als Davis-Cup-Coach für die Philippinen, als Fed-Cup-Coach für Indonesien und vier Jahre lang für die Academy of Sports in Neuseeland gearbeitet.

An die Zeit mit seinem Lehrer und Freund Stan Francker erinnert sich Gritsch gerne zurück.

Wo muss Thiem sich verbessern?

"Ich habe sehr viel von ihm gelernt, sehr viel Zeit mit ihm verbracht, und das hat mir sehr geholfen. Im Prinzip hat er mir das Grundgerüst des Konzeptes über die leistungsbestimmenden Faktoren im Tennis vermittelt. Ich habe das auch in meinem Studium weiterverfolgt und mich auch darauf spezialisiert."

Und was würde der Spezialist Dominic Thiem mitgeben, wo sieht Gritsch besondere Steigerungsmöglichkeiten? "In den Bereich, in den er jetzt kommt, geht es darum, unheimlich schnell zu sein, Balance zu finden und letztendlich um die Präzision."

"Er muss den Ball beschleunigen können aus verschiedensten Situationen und den Ball auch präzise spielen können, dorthin, wo er will. Das ist jetzt die langfristige wichtige Trainingsarbeit." Dies könne man aber nicht in zwei Monaten verbessern, sondern dauere zwei, drei Jahre.

"Das macht er aber sicher. Der weiß, worum es geht."

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