Emotionaler Abschied von Mardy Fish

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“Spiel nicht.”

Ich bin nur wenige Stunden von einem der größten Tennis-Matches meines Lebens entfernt. Ich werde am Geburtstag meines Vaters im Achtelfinale der US Open im Arthur Ashe Stadium gegen Roger Federer antreten.

Ich werde gegen den größten Spieler aller Zeiten um mein bestes Ergebnis bei meinem Lieblings-Turnier kämpfen. Ein Match, für das ich mein ganzes Leben gearbeitet und viel geopfert habe.

Doch ich kann nicht.

Ich kann einfach nicht.

Mit diesen bewegenden Sätzen beginnt Mardy Fish seinen in dieser Woche veröffentlichen Beitrag auf “The Players Tribune” (Lese-Tipp für englisch-kundige Fans!), einer amerikanischen Internet-Plattform, auf der Sportler selbst die Artikel verfassen.

Abschied vom Profi-Sport

Die von ihm beschriebenen Ereignisse spielten sich vor drei Jahren in New York ab. Fish – schon im Turnier-Shuttle sitzend - trat nach Rücksprache mit seiner Frau nicht zum Match seines Lebens an. Eine Panik-Attacke machte es dem damals 30-jährigen US-Amerikaner unmöglich, auf den Platz zu kommen.

Heute, drei Jahre später, absolvierte Fish beim selben Turnier sein letztes Spiel auf der ATP-Tour. Nach harter Gegenwehr musste er sich dem an 18 gesetzten Spanier Feliciano Lopez im Louis Armstrong Stadium nur hauchdünn mit 6:2, 3:6, 6:1, 5:7, 4:6 geschlagen geben. Bei 5:4 im vierten Satz servierte er sogar auf den Sieg.

"Eigentlich war Mardy der bessere Spieler. Er hätte sich den Sieg verdient gehabt", fühlte Lopez mit seinem Kontrahenten, der am Ende mit Krämpfen zu kämpfen hatte, mit.

Doch ganz egal was in Flushing Meadows in den kommenden beiden Wochen noch passieren wird: Der emotionale Held dieses Turniers wird Mardy Fish sein und bleiben.

Die amerikanischen Fans verabschiedeten den Vater eines ein Jahr alten Sohnes in einer tränenerstickten Atmosphäre mit Standing Ovations in ein neues Leben.

Panik-Attacken nach Lebens-Umstellung

Die Panik-Attacken schlichen sich langsam in sein Leben. Bis zum Jahr 2009 führte Fish das klassische Leben eines Spielers der erweiterten Weltklasse. „Ich hatte eine gute Karriere, gewann Silber bei den Olympischen Spielen 2004 und hatte gute Ergebnisse bei den Grand-Slam-Turnieren.“

Zudem heiratete er im Jahr 2008 seine heutige Ehefrau, das in Amerika recht bekannte Model Stacey Gardner. „Danach hat sich irgendwie meine Perspektive verändert. Meine Karriere war mir nicht mehr gut genug. Ich wollte noch mehr. Und ich wusste, dass es jetzt oder nie passieren musste."

Mardy Fish und seine Ehefrau Stacey Gardner

Fish ordnete alles dem Tennis unter, stellte sein komplettes Leben um - Ernährung, Lifestyle - und speckte  15 Kilogramm ab. „Mein Kampfgewicht!“

Erwartungen stiegen mit Erfolgen

Sein Einsatz sollte sich schon bald auszahlen. Bei den ATP-1000-Turnieren in Cincinnati (2010) und Montreal (2011) erreichte er jeweils das Endspiel, in Wimbledon das Viertelfinale (2011). Ergebnisse, dank der er es erstmals in die Top Ten schaffte. „Ich war jetzt nicht mehr irgendein Typ auf der Tour, sondern ein absoluter Top-Spieler.“

Doch die eigenen Erwartungen wurden immer höher. Der Status Quo wurde für Fish immer unbefriedigender. Der zuvor so hilfreiche Ehrgeiz krankhaft und selbstzerstörerisch.

„Ich habe großartige Leistungen geboten – doch ich konnte sie mir selbst nicht zugestehen. Ich wollte einfach immer noch besser werden. Das war ein zweischneidiges Schwert“, erzählte Fish über die Entstehungsphase seiner schweren Krankheit.

Neben den langsam aufkommenden Panikattacken erlitt er auch immer öfter Herzrhythmusstörungen. „Mein Herz spielte verrückt und ich konnte es nicht stoppen. Das war wirklich beängstigend“, erinnert sich Fish zurück.

„Konnte nicht mehr alleine schlafen“

Dadurch wurde er immer nervöser, unruhiger. „Meine Gedanken wurden immer eigenartiger. Ich hatte große Ängste, konnte nicht mehr alleine in einem Raum schlafen.“

Seine Frau und seine Eltern mussten den reisenden Profi auf der Tour begleiten, damit er seine Ruhe finden konnte. „Dabei war ich früher ein Typ, der gerne mal allein war. Plötzlich brauchte ich aber dauernd bekannte Menschen um mich herum.“

Bis zu den US Open 2011 erlebte er diese Phasen nur außerhalb des Tennisplatzes. Erst in New York in der dritten Runde gegen Gilles Simon passierte jene Situation, vor der er sich damals am meisten fürchtete. „Das werde ich niemals vergessen. Meine erste und einzige Panik-Attacke auf dem Tennisplatz.“

Seine Gedanken kreisten kurz vor Ende der Partie unkontrolliert um alle möglichen Probleme herum. „Irgendwie habe ich trotzdem gewonnen. Erinnern kann ich mich daran aber nicht mehr “, so Fish, dem danach klar war, dass dieser Tag sein Leben endgültig verändern würde.

Zum Achtelfinale gegen Federer trat er dann nicht mehr an. Sieben Turniere bestritt er danach noch im Jahr 2013, ehe er sich über ein Jahr von der Tour zurückzog.

Abschieds-Tournee 2015

2015 startete er in Indian Wells schließlich sein Abschieds-Jahr auf der Tour, bestritt ein Challenger in Savannah und die ATP-Events in Atlanta, Washington, Cincinnati und Winston-Salem.

Mit seinen Starts wollte der 33-Jährige vor allem anderen Menschen mit mentalen Krankheiten neue Hoffnung geben. „Alleine in den USA haben Millionen von Menschen mentale Probleme. Viele müssen für immer damit leben und manche dieser Probleme können sogar lebensbedrohend sein. Auf diesem schwierigen Weg will ich ihnen helfen.“

„Meine Geschichte soll zeigen, dass mit der richtigen Behandlung vieles möglich ist. Meine Krankheit hat mir meinen Job weggenommen. Drei Jahre später kann ich meinen Job wieder gut ausführen. Ich spiele wieder bei den US Open. Auch wenn ich danach meine Karriere beende.“

Keine Scham vor Schwäche

Vor allem will Fish auch zeigen, dass solche Dinge auch in der adrenalingeschwängerten Welt des Männer-Sports passieren können.

„Normalerweise wird uns gesagt, dass man sich schämen muss, wenn man Schwäche zeigt. Ich zeige nun Schwäche. Und ich schäme mich nicht dafür“, macht sich der ehemalige Weltranglisten-Siebente für mehr Offenheit bei diesen schwierigen Themen stark.

Ergreifende Worte findet Fish in seinem Beitrag auf “The Players Tribune” auch, als er zum Abschluss über seine Zukunft spricht:

„Weiß nicht, was jetzt kommt“

Ich weiß nicht, was jetzt kommt. Ich bin 33 Jahre alt und ich weiß, dass ich nie wieder etwas so gut machen werde, wie ich Tennis gespielt habe. Aber das ist in Ordnung.

Ich muss täglich mit meinen Panikattacken leben und meine Medikamente nehmen. An manchen Tagen gehe ich zu Bett und da fällt mir ein, dass ich an diesem Tag zu keinem Zeitpunkt an meine Krankheit gedacht habe. Das war dann ein wirklich guter Tag für mich. Das sind meine Siege.

Es gibt aber keine Turniere der mentalen Gesundheit. Keine Viertelfinali, keine Halbfinali oder Finali. Deshalb werde ich diesen Artikel auch nicht mit einer Sport-Metapher beenden.

Denn Sport endet mit einem Ergebnis. Das Leben aber geht weiter.

Meines, so hoffe ich, hat soeben erst begonnen.

 

Christian Frühwald

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