Trimmel: "Wir sehen uns als die armen Kleinen"

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Die Visitenkarte von Clemens Trimmel ist mittlerweile lang.

Neben seiner hauptberuflichen Funktion als ÖTV-Sportdirektor ist der 35-Jährige auch als Davis- und Fed-Cup-Kapitän tätig.

Als quasi omnipotenter Ansprechpartner in Sachen Tennis stellte sich der Wiener einer Journalistenrunde, um über seine persönliche Zukunft und jene des österreichischen Tennis zu sprechen. Dabei versuchte er, einen kleinen Einblick in die österreichische Sportler-Seele zu geben und deren Probleme zu beleuchten.

Frage:  Ist es nicht ein Armutszeugnis, dass wir es nicht schaffen, auch nur ein einziges Challenger auszutragen?

Clemens Trimmel: Als Armutszeugnis würde ich es nicht sehen. Wenn du zwei bis drei Sponsoren hast, dann stellt man so ein Turnier relativ schnell auf die Beine. In erster Linie sehe ich die Future-Turniere als extrem wichtig an, um Jugendlichen, die den Sprung ins Herren- oder Damentennis anpeilen, eine Plattform zu geben. Für die Jungen ist es ein Vorteil, wenn man nicht großartig herumreisen muss und in Österreich spielen kann.

Frage: Es ist relativ schwer, als Veranstalter bei einem Challenger positiv zu bilanzieren - nicht nur in Österreich.

Trimmel: Ja, das ist immer das Problem. Auch hier muss man schauen, dass man positive Zahlen schreibt, wie bei allen anderen Turnieren. Die Futures bekommen vom Verband eine finanzielle Unterstützung – deshalb sind wir da ganz gut versorgt. Heutzutage ist es nicht einfach, solche Turniere zu veranstalten und ohne Sponsoren geht sowieso nichts. Deswegen sehe ich es auch als meine Verantwortung an, diese Events so gut wie möglich zu promoten und zu zeigen, dass es sich lohnt, herzukommen. Bei solchen Turnieren lebt vor allem der Spitzensport, aber natürlich geht das dann auch in die Breite. Man versucht, Jugendliche und Kinder anzusprechen.

Frage: Hat der Tennis-Sport ein Problem durch die immer größer werdende Konkurrenz von anderen Sportarten?

Trimmel: Die ganze gesellschaftliche Struktur hat sich verändert, man muss einfach bewusst schauen, dass Kinder zum Sport kommen. Da hat nicht nur Tennis ein Problem. Tennis wird in Österreich immer ein Breitensport sein, der nicht umzubringen ist, dafür ist die Sportart zu groß. Wir haben oft das Problem, dass es zu wenige aktive Vereine gibt.

Frage: Sollte der Verband nicht auch versuchen, durch die neue Zugkraft von Dominic Thiem nicht nur den Spitzensport, sondern auch die Breite zu fördern?

Trimmel: Wir sind mit unseren finanziellen Mitteln beschränkt. Da stellt sich die Frage: Wie steht man zum Spitzensport in Österreich allgemein? Wie viel ist man von der Politik bereit, wirklich zu investieren? Das ist ausbaufähig. Ich würde mir in jedem Bereich wünschen, dass man die perfekten Schulen und Ausbildungszentren hat. Ich arbeite jeden Tag dafür, dass es besser wird.

Frage: Wie zufrieden bist du mit der Sponsoren-Akquirierung im Verband?

Trimmel: Ich selbst habe relativ wenig Zeit, dass ich mich auf Sponsoren-Suche begebe. Meine Hauptaufgabe liegt bei der Schaffung der sportlichen Strukturen. Aufgabe des Verbands ist es natürlich, Sponsoren zu lukrieren. Das ist aber nicht einfach. Wir sind in einer Situation, in der wir über jeden Tausender froh sein müssen. Ich habe erst kürzlich mit dem Schweizer Sportdirektor gesprochen. Die machen ein ähnliches Programm wie wir und da sprießen nach Federer und Wawrinka auch nicht die großen Talente. Bei den Damen kommt Belinda Bencic nach – das war es dann aber auch schon. Die Schweizer haben allerdings ein Budget von 2,3 Millionen Schweizer Franken und ich habe eines über 800.000 Euro. Mit so einer Summe kann man natürlich besser arbeiten. Ich habe genug Ideen in meinem Kopf, die man aber nur umsetzen kann, wenn man genug Geld zur Verfügung hat. Wir haben sicher den Bedarf nach ein, zwei Groß-Sponsoren. In erster Linie hoffen wir, dass Präsident Ronnie Leitgeb mit seinen Kontakten einen großen Fisch an Land ziehen kann – leicht ist es aber nicht.

Frage: Warum haben wir in Österreich nur sehr wenige Spitzenspieler, die wirklich den Sprung ganz nach vorne schaffen?

Trimmel: Ich würde mir von den Österreichern oft mehr wünschen, dass sie dagegen fighten und mehr Emotion rauslassen. Dominic (Anm.: Thiem) hat zum Beispiel diese Sieger-Mentalität. Wenn der gegen einen Top-10-Spieler spielt, denkt er sich: "Du musst jetzt richtig gut spielen, wenn du mich schlagen willst."

Frage: Wie schaut deine Analyse der österreichischen Seele aus? Wie war es bei dir?

Trimmel: Bei mir war es ähnlich. Ich hatte auch Phasen, nach denen ich mich geärgert habe, weil ich nicht ordentlich dagegen gehalten habe. Die ganze Geschichte wäre ein hochinteressantes Thema für eine Diplomarbeit, die lauten könnte: "Haben typische österreichische Spitzensportler diese Sieger-Mentalität?" Thomas Muster war meiner Meinung nach deshalb so extra-populär bei uns, weil es für einen Österreicher so ungewöhnlich ist, dass sich einer jeden Tag ungeachtet seiner Befindlichkeiten oder äußerer Umstände den Arsch aufreißt. In Schweden ist das beispielsweise für jeden total normal. Deshalb haben diese Sportler bei uns einen noch höheren Stellenwert als in anderen Ländern. Vielleicht geht das sogar Richtung Weltkriegs-Denken. Wir sehen uns als die armen Kleinen, die nichts mitzureden haben. Diese Mentalität kommt auch bei Mannschafts-Sportarten zu tragen. Und jene, die dann gegen diesen Strom schwimmen, sind dann umso größer bei uns und werden umso mehr anerkannt. Das spiegelt sich auch im Tennis wider, wenn Spieler mit dem Leitmotto "Ich spiele eine gute Partie und schauen wir, was dabei rauskommt", reingehen und nicht mit "Schnall dich an und schau, dass du gegen mich gewinnst". Spieler, die sich langfristig ganz vorne durchsetzen, haben aber diese Mentalität. Wir sind meistens sehr freundliche Verlierer.

Frage: Wie schaut deine berufliche Zukunft aus?

Trimmel: Mein Vertrag läuft mit Jahresende aus. Derzeit sitzen wir gerade wegen einer Verlängerung zusammen. Wir befinden uns in Gesprächen, ich glaube aber, dass wir uns einigen werden.

Frage: Wie bilanzierst du nach zweieinhalb Jahren?

Trimmel: Ich versuche immer, mich persönlich hinten anzustellen. Ich will primär Ansprechperson sein, wenn wir im Verband helfen können. Im Davis Cup haben wir ein erfolgreiches Jahr gehabt und eineinhalb Jahre lief es weniger gut. Im Fed Cup ist es aufgrund des Modus schwierig, aus der Euro-Afrika-Zone I rauszukommen. Von 16 Nationen steigen nur zwei auf. Mein Ziel für das österreichische Tennis ist es, dass wir Jugendliche bei den Junioren-Grand-Slam-Turnieren haben. Mir geht im österreichischen Tennis immer noch das Gemeinsame ab. Mit dem neuen Headcoach Michiel Schapers in der Südstadt wollen wir als Verband ein nationales Leistungszentrum anbieten, das so professionell wie möglich arbeitet. Im Idealfall kommen die guten Leute zu uns. Derzeit sind Lucas Miedler und Sebastian Ofner fix – zudem stehen wir in Verhandlungen mit anderen Kandidaten.

Frage: Patricia Mayr-Achleitner hat die Kommunikation mit dem Fed-Cup-Kapitän kritisiert. Wie lautet deine Stellungnahme?

Trimmel: Ich bin nicht der Typ, der so etwas über die Medien kommuniziert. Wenn sie ein Problem hat, soll sie sich mit mir zusammensetzen und es mir sagen. Ich habe mir eigentlich gedacht, dass sie mich ansprechen wird – das hat sie aber nicht gemacht. Für mich hat das Thema derzeit aber keine Priorität, weil der nächste Fed Cup erst im nächsten Jahr stattfinden wird.

Aufgezeichnet von Christian Frühwald

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