Muster: "Wir haben einfach keine Sportkultur"

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Nach seinem zweiten Rücktritt von der Tennis-Bühne vor eineinhalb Jahren hat sich Thomas Muster endgültig aus dem Rampenlicht zurückgezogen.

Der 45-jährige Steirer kümmert sich in seiner Leibnitzer Heimat um seine Familie (Tochter Maxim ist mittlerweile drei Jahre alt) und seinen Weinbau.

„Ich ziehe in der Früh meine Arbeitsstiefel an und schau im Alltag wie ein Bauarbeiter aus“, erzählt der ehemalige Weltranglisten-Erste und French-Open-Gewinner im Gespräch mit LAOLA1. „Ich fahre mit einem 25 Jahre alten Jeep herum und kümmere mich um meine Landwirtschaft.“

„Die meisten erkennen mich nicht“

Von seiner früheren Popularität merke er heutzutage nur mehr wenig: „Ab und zu spricht mich mal jemand an, die meisten erkennen mich in meinem Aufzug aber eh nicht“, meint er schmunzelnd. „Sonst gehe ich in Leibnitz meinem Leben nach und in meine Lieblings-Stammkneipen ohne dass es jemanden interessiert.“

Doch auch in der Südsteiermark blieb Muster nicht verborgen, dass es im österreichischen Sport derzeit einige Baustellen gibt. Seien es die abbruchreifen Sportstätten, die mangelhafte Spitzenförderung oder fehlende Initiativen für den Breitensport.

„Maulwurfshügel statt Berge“

„Das ist alles Wahnsinn!“, ist der ehemalige Weltklasse-Sportler fassungslos. „Wir haben in Österreich einfach keinen Sinn für Sport. Außer im Skifahren – wenn wir da allerdings nicht von Natur aus Berge gehabt hätten, hätten wir jetzt wahrscheinlich Maulwurfshügel“, versucht er sein Unverständnis in Worte zu fassen.

Wo es überall hapert, wie man etwas verbessern könnte und warum er seine Kinder trotzdem auf dem Weg zum Profi-Sport fördern würde, erzählt Muster im großen LAOLA1-Interview.

LAOLA1: Die verpatzten Spiele 2012 in London, die Absage der Bevölkerung an die Olympia-Bewerbung und die Diskussion um die tägliche Stunde. Was sagst du zur aktuellen Lage des österreichischen Sports?

Thomas Muster: Wir haben absolut ein Sport-Problem. Ich finde es schade, dass wir nicht einmal ein eigenes Sport-Ministerium mit einem eigenen Budget haben. Dort müssten dann Leute sitzen, die eine Ahnung haben und selbst aus dem Spitzensport kommen. Es gibt ja auch Spitzensportler, die in der Wirtschaft sehr erfolgreich sind. Solche Leute gehören gefördert und eingebunden. Man muss sich in Österreich endlich zum Sport deklarieren – das geschieht aber alleine schon budget-technisch nicht. Das ist ein großer Fehler. Was ich auch nicht so toll finde ist, dass es Dachverbände gibt, die sich gegenseitig ein politisches Rennen liefern. Ich verstehe einfach nicht, dass man da nicht gemeinsam arbeiten kann. Das zieht sich von oben bis unten durch. Das geht vom Sportstättenbau über die Sportförderung bis hin zum Breitensport. Da würde es Synergien geben, die man einfach nicht nützt.

Muster als Botschafter für die Stadthalle

LAOLA1: Als ehemalige Nummer 1 muss dich das doch besonders schmerzen?

Muster: Natürlich. Es haben so viele Leute schon probiert, es hat aber noch niemand geschafft. Als Präsident kannst du auch keinen Dachverband knacken. Es kann nur Einsicht von oben kommen. Es ist ja auch sinnlos, wenn der eine Dachverband eine Halle baut und dann muss der nächste auch eine bauen. Dabei wäre es doch viel klüger, wenn man gemeinsam eine Große baut. In Wien gibt es immer noch keine große Multifunktionshalle. Bei den Schwimmbädern geht es weiter – da gibt es unzählige Beispiele. Man muss die Gelder zusammenlegen und schauen, dass man eine Kultur reinbringt. Man ist aber nicht gewillt, das zu tun. Wie gesagt: Es ist ja ok, dann darf man aber auch keine Ansprüche stellen.

LAOLA1: Findest du den öffentlichen Umgang mit Jürgen Melzer gerechtfertigt? Obwohl er einer der wenigen erfolgreichen Österreicher in einer Weltsportart ist, wird er als dein Nachfolger oft hart kritisiert.

Muster: Jürgen Melzer ist eine Eigen-Initiative und ob er gut oder schlecht spielt, geht eigentlich niemanden etwas an. Er macht seinen Job und verdient damit sein Geld. Es steht niemanden zu, ihn zu kritisieren, weil für ihn auch nichts gemacht worden ist. Wenn einer aus einem Ausbildungs-System kommt, dann kann ich sagen, dass ich ein Anrecht auf Leistung habe und dann kann ich auch Forderungen stellen. Wenn ich aber als Land sage, dass mich Sport eigentlich gar nicht so interessiert, dann darf ich auch keine Erwartungen haben.

LAOLA1: Wie könnte man etwas ändern?

Muster: Das ist eine sehr hohe politische Ebene, auf der das alles gespielt wird. Aber genau deshalb bräuchte man ein eigenes Sport-Ministerium. Nur dann kann ich eine eigene Wertigkeit und Kultur entwickeln. Der Sport ist ein sehr großer Teil der Gesellschaft, dem man auch eine dementsprechende Bedeutung zukommen lassen muss. Die Alternative wäre, dass wir uns dazu deklarieren, kein Sportland zu sein. Außer Skifahren natürlich – das können wir aber auch nur, weil wir die Berge nicht selbst haben bauen müssen. Sonst hätten wir wahrscheinlich eh nur Maulwurfshügel. Skifahren ist Tradition bei uns, da haben wir auch die Industrie dazu und es wird gut gemanagt. Das ist unser liebstes Kind. Wenn wir aber außer im Skifahren etwas erreichen wollen, müssen wir irgendetwas ändern. Es ist zu wenig, dass nach Sommer-Spielen, die komplett in die Hosen gegangen sind, kurz ein großer Aufschrei ist, ein Krisengipfel geformt wird und sich im Endeffekt nichts ändert.

LAOLA1: Nur 28 Prozent haben sich für Olympische Sommerspiele in Wien ausgesprochen. Fehlt nicht auch die Unterstützung in der Bevölkerung?

Muster: Wir haben einfach keinen Sinn für Sport. Mir fehlt die Sportkultur. Die muss man aber auch erst einmal bilden und vermitteln. Nur mit dem Gießkannen-Prinzip wird nichts herausgekommen. Man muss sich in diesem Land einmal entscheiden, was man überhaupt will. Es ist auch in Ordnung, wenn man sagt, dass man kein Sportland ist. Dann darf man sich aber auch nichts erwarten. Die lächerliche Turnstunde, die es da jetzt gibt, ist ja recht schön, man muss sich aber mal die Umsetzung anschauen. Es reicht ja nicht, wenn einer den Ball reinhaut und sagt: „Spielt’s einmal!“ Da ist sehr viel Arbeit zu machen. Es hat aber anscheinend zu wenig Bedeutung.

LAOLA1: Würdest du dich als Funktionär zur Verfügung stellen, um etwas zu ändern?

Muster: Nein, denn  in Wahrheit sind diese Hürden unüberbrückbar. Man muss sich nur diese Seilschaften anschauen, die es da gibt und die noch keiner knacken konnte. Das ist nicht zeitgemäß. Sport sollte unpolitisch sein – und dafür braucht man ein übergeordnetes Ministerium mit Leuten, die auch etwas davon verstehen und etwas weitergeben können. Solange es das nicht gibt, wird sich nichts ändern.

LAOLA1: Wie schätzt du die Lage beim ÖTV ein?

Muster: Es ist traurig genug, wenn einer der größten Verbände, was die Mitgliederzahl betrifft, kaum Geld zur Verfügung hat. In den letzten Jahrzehnten waren wir trotzdem immer unter den besten 16 der Welt. Da spielen wir gegen Nationen, gegen die wir im Fußball nicht einmal antreten. Trotzdem hat es in der Öffentlichkeit keine Bedeutung. Irgendwann wird es keinen Jürgen Melzer mehr geben. Dann werden wir absteigen und dann hat es überhaupt keine Bedeutung mehr. Dann sind wir in der Entwicklung irgendwo zwischen den 70er und 80er Jahren. Das ist ein Rückschritt, der eigentlich nur schwer zu akzeptieren ist.

LAOLA1: Österreich wird deiner Meinung nach also ein Land aus Einzelkämpfern bleiben?

Muster: Das ist statischer Zufall – sonst gar nichts. Bei acht Millionen Österreichern wird irgendwann einmal einer ein Tennis-Spieler, einer ein Fußballer oder ein anderer ein Judo-Kämpfer. Das passiert uns halt. Es ist aber nicht so, dass wir zehn gute Tennis-Spieler haben, von denen wir sicher sein können, dass wir sie in der Weltrangliste einmal vorne sehen werden. Oder 20 Judoka oder 30 Schwimmer. Oder nimm Basketball, Handball oder Tischtennis – das ist ja alles Zufall! Mit Werner Schlager haben wir einen, vor dem sie sich in China hinknien. Bei uns wissen die Leute nicht einmal, dass es den gibt. Auch Golf ist ein riesiger Zufall. Wie viele Leute spielen bei uns Golf? Das sind einfach Leute, die ein besonderes Talent haben oder die Eltern haben, die ihr Kind voll unterstützen. In Australien ist das zum Beispiel ganz anders. Das ist ein Sportland durch und durch. Dort will das ganze Land Sport. Bei uns will keiner Sport, es sollen dann aber schon große Leistungen erbracht werden.

LAOLA1: Würdest du deinen Kindern angesichts dieser Probleme in Österreich raten, Profi-Sportler zu werden?

Muster: Wenn ich sehe, dass sie Talent haben, würde ich sie fördern. Das wäre aber ganz egal, ob sie im Sport oder in Musik talentiert sind. Ich würde sie beraten, aber nie coachen, sondern ihnen nur die besten Möglichkeiten zur Verfügung stellen. Die meisten Kinder kommen heute aber gar nicht auf die Idee, Sportler zu werden, weil sie lieber vor ihrem Computer oder ihrem Ipad sitzen.

LAOLA1: Sind das die Gründe, warum es bei uns so wenig Nachwuchs gibt?

Muster: Das sind allenfalls super Ausreden. Wenn ich keine anderen Möglichkeiten schaffe, bleibt natürlich nur der Weg des geringsten Widerstandes. Es gibt heutzutage Kinder, die brechen sich mit einem Purzelbaum das Kreuz. Das ist alles ein Wahnsinn! Wir geben unseren Kindern weder die Möglichkeiten noch die Begeisterung für den Sport.

Das Gespräch führte Christian Frühwald

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