Die Problemfelder im österreichischen Tennis

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Wie schon im Vorjahr schaffte es auch heuer kein österreichischer Einzelspieler in die zweite Runde der French Open in Roland Garros.

Das eigentlich Erschreckende an der Situation ist jedoch, dass der diesjährige „Salto Nullo“ nicht einmal eine große Überraschung ist.

Jürgen Melzer erwischte gegen Igor Sijsling zwar sicher nicht seinen besten Tag, dass der aufstrebende Niederländer gegen den Deutsch-Wagramer aber nicht als krasser Außenseiter ins Rennen gehen würde, war nach dessen Einzug ins Düsseldorf-Halbfinale und seinem Memphis-Sieg über Melzer zu erwarten bzw. zu befürchten.

Wo ist der Nachwuchs?

Ebenso wenig konnte man damit rechnen, dass Tamira Paszek ausgerechnet auf der roten Asche von Roland Garros, wo sie zuletzt fünf Mal in Folge in Runde eins verlor, ihren Negativ-Lauf in dieser Saison beenden würde.

Und dass Lucky Loser Andreas Haider-Maurer gegen Nicolas Almagro, einen der besten Sandplatz-Spieler der Welt, auf ein kleines Wunder hoffen musste, stand ebenfalls im Vorfeld fest.

Doch warum standen nicht mehr Österreicher im Hauptfeld? Warum ist Österreichs bester Tennis-Spieler bereits 32 Jahre alt? Warum klopfte nicht zumindest im Qualifikations-Bewerb eine kleine, aber junge rot-weiß-rote Armada an der Tür zur Weltklasse an? Wo ist der heimische Nachwuchs?

LAOLA1 hat Erklärungen für die derzeitige Flaute im heimischen Tennis gesucht und folgende Problemfelder ermittelt:

Unbezahlbare Nachwuchs-Systeme

Weltweit gibt es praktisch nur drei Nachwuchs-Systeme, die regelmäßig auf hohem Niveau Talente produzieren: Frankreich, Spanien und Australien. Diese Länder stecken jährlich allerdings auch Millionen von Euro in die Nachwuchs-Förderung. Für den ÖTV, der als Gesamtbudget gerade einmal um die 800.000 Euro im Jahr für den Spitzensport zur Verfügung hat, ist die Umsetzung eines ähnlichen Systems undenkbar. Zudem zeigen die Beispiele in den USA und Großbritannien, dass es auch mit großen Geldspritzen keine Garantie auf Spitzenspieler gibt. Durchaus berechtigte Kritiken am Leistungszentrum in der Südstadt sind hier also auch immer in Relation zu setzen.

Tennis ist ein Einzelsport

Zudem sind auch Vergleiche zu anderen Sportarten wie zum Bespiel dem erfolgreichen ÖSV unangebracht: Tennis-Spieler sind Einzelsportler – auch und vor allem in der Ausbildung, die die meisten Spieler aus der eigenen Tasche bezahlen müssen. „Das ist international üblich“, erklärte Gebhard Gritsch, der Konditionstrainer von Novak Djokovic, im LAOLA1-Interview. „Serben und Russen machen das alle privat“, verweist der weit gereiste Tiroler auf die zahlreichen Top-Talente aus dem ehemaligen Ostblock. „System gibt es dort keines. Die meisten sind aber in einem schwierigen Umfeld aufgewachsen und bereit, eine Riesenleistung zu bringen, um sich selbst eine Chance zu geben, erfolgreich zu sein.“

Externe Förderungen

Wenn schon kein vernünftiges Leistungszentrum wie in Frankreich bereitgestellt wird, sollte sich der Verband wenigstens darum bemühen, dass den privat betreuten Talenten finanzielle Unterstützung zuteilwird. Schließlich kostet ein 15- bis 20-jähriger Nachwuchsspieler den jeweiligen Familien zwischen 50.000 und 120.000 Euro pro Jahr. Wie uns ÖTV-Sportdirektor Clemens Trimmel zu Jahresbeginn verriet, stehen dem Verband pro Jahr allerdings nur um die 300.000 Euro für externe Förderungen zur Verfügung. Diese Konstellation erinnert an die alte Redewendung mit dem kalten Tropfen und dem heißen Stein.

Verband hat kein Geld

Nach Fußball ist der Tennis-Sport in Österreich jener mit den meisten aktiven Mitgliedern (172.000, Stand 2011). Trotzdem hat der Verband ein vergleichsweise armseliges Budget zur Verfügung. Wenn man sich die Werbe-Millionen ansieht, die in den Fußball (501.000 Mitglieder) oder den Skisport (147.000) fließen, wäre das Potenzial sicherlich größer - auch wenn die Sponsoren-Suche in der heutigen Zeit zugegebenermaßen nicht einfach ist.

Spitze kommt aus der Breite

Den größten Vorwurf muss sich der österreichische Tennis-Verband gefallen lassen, wenn es um die mangelnde Ausnutzung des 90er-Jahre-Booms mit Thomas Muster an der Spitze geht. Tausende Kinder und Jugendlichen strömten damals auf die an jeder Ecke und in jedem Dorf entstehenden Tennis-Plätze. Langfristig wurde es jedoch verabsäumt, diese Menschen an den Tennis-Sport zu binden bzw. auch weiterhin für Nachwuchs zu sorgen. Denn nur wenn es eine große Masse an Hobby- und Breitensportlern gibt, können sich an der Spitze regelmäßig Weltklasse-Athleten entwickeln. Und genau diese werden wieder Vorbilder, um erneut neue Talente auf die Courts zu locken.

Mangelnde Infrastruktur

Nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat sich der ÖTV in den vergangenen Jahren allerdings auch mit der Wartung des Leistungszentrums in der Südstadt. „Es ist ein deprimierendes Leistungszentrum“, gestand erst vor wenigen Monaten Doppel-Spezialist Julian Knowle (LAOLA1-Interview). Zu den seit Jahrzehnten bestehenden Sandplätzen seien zuletzt gerade einmal zwei neue Hartplätze hinzugekommen. „Die sind allerdings kaum bespielbar, weil sie so schlecht sind. Da ist kein Leben und keine Energie. Es ist ein Armutszeugnis, dass dies das nationale Leistungszentrum in Österreich ist.“

Medien

Selbstkritik ist wichtig. Deshalb nützen wir diese Möglichkeit, um uns auch ein bisschen selbst an der Nase zu nehmen. Nicht nur die Tennis-Fans sondern auch die Medien sind von der erfolgreichen Muster-Ära verwöhnt. Dementsprechend überzogen sind dann phasenweise auch die Erwartungen, die dann oft zwangsläufig in Enttäuschungen enden. Wenn diese schließlich in Wort und Schrift verwandelt werden, muss man sich nicht wundern, wenn es der rot-weiß-roten Tennis-Gemeinschaft an einer positiven Einstellung mangelt. Ein kleiner Vergleich: Für die Golf-US-Open konnte sich kein einziger Österreicher qualifizieren. Der große mediale Aufschrei blieb allerdings aus.

Christian Frühwald

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