"Kein Jugendlicher kann ihm das Wasser reichen"

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Günter Bresnik ist seit Jahrzehnten im österreichischen Tennis tätig und hat mit Horst Skoff und Stefan Koubek zwei echte Leistungsträger unter seinen Fittichen gehabt.

Mit dem erst 19-jährige Dominic Thiem scheint auch die dritte Generation für die Zeit nach einem Jürgen Melzer gesichert.

Bresnik spricht im Interview über das tolle Potenzial Thiems, Ivan Lendls Staunen, die erstaunliche Quali-Wildcard für seinen Schützling für ein ATP-500-Turnier und über seine "bescheidene Arroganz".

Frage: Darf man weiter so große Entwicklungssprünge erwarten?

Bresnik: Er hat körperlich noch viel Potenzial. Wenn er stabiler wird, auch im Ausdauerbereich besser wird, dann ist er ein Kandidat für ganz vorne. Das hat er hier für mich eindrucksvoll bewiesen, weil es nicht zu erwarten war, wenn ich mir den Verlauf der letzten Monate anschaue. Er war krank, verletzt (Kniescheibenbruch/Anm.). Und er hat sich trotzdem so stark entwickelt. Er spielt mit den Leuten auf Augenhöhe. Nicht nur im Windschatten, sondern er fährt neben ihnen im gleichen Tempo. Hut ab, auch wie gut er ein Match analysiert. Für einen 19-Jährigen ist es ein Zeichen von extremer Reife, von hohem Spielverständnis und einer Begeisterung und einem Herz für diesen Sport, der seinesgleichen sucht.

Frage: Heutzutage erreichen Spieler die Top 100 immer später. Ist Thiem dies wie Melzer schon mit 21 zuzutrauen?

Bresnik: Für mich ist er der beste 19-Jährige, der auf der Welt herumläuft. Das ist der beste Jugendliche, da gibt es niemanden, der ihm das Wasser reichen kann. Wenn ein Ivan Lendl das laut ausspricht, und er sagt, er hat keinen besseren Spieler in den letzten fünf bis zehn Jahren bei der Orange Bowl gesehen, der das Zeug hat, wirklich Großes zu gewinnen. Dominic hat noch nichts erreicht, aber deswegen werde ich das weder totschweigen, noch in den Himmel heben.

Frage: Machen Sie Dominic damit nicht viel Druck?

Bresnik: Ich hoffe, ich mache ihm Druck. Er wird damit umgehen lernen müssen. Das ist das tägliche Brot von einem Tennisprofi und jedes Spitzensportlers. Je früher und je öfter, umso besser wird er mit dem Druck umgehen können."

Frage: Stehen eigentlich internationale Sponsoren schon Schlange?

Bresnik: Das ist das uninteressanteste Alter für Sponsoren: Ein Tennisspieler, nachdem er mit der Jugendkarriere aufgehört hat. Im Normalfall kommen die mit 21, 22 in die ersten 100, das sind schon die Überflieger.

Frage: Was sagen Sie zur Kritik von Thomas Muster vor Turnierbeginn, Thiem sei "stehengeblieben"?

Bresnik: Ich glaube nicht, dass er das so gemeint hat. Der Zeitpunkt ist sicherlich nicht sehr schlau gewählt gewesen, aber dafür ist der Tom auch nicht bekannt. Mir ist aber auch lieber, die Leute sagen, was sie sich denken, als sie reden hinter dem Rücken.

Frage: Sie haben immer wieder die mangelnde finanzielle Unterstützung des ÖTV beklagt. Wird Thiem trotzdem, etwa als Sparringpartner, beim Davis Cup in Kasachstan dabei sein?

Bresnik: Dominic ist mir zu gut und zu wichtig, dass ich ihn nach Kasachstan auf Urlaub fahren lasse. Außerdem bin ich der Meinung, dass die Leute, die ihm eh jahrelang die Unterstützung versagt haben, auch einmal Farbe bekennen müssen.

Frage: Thiems Karriere ist hauptsächlich von seiner Familie finanziert worden. Darum geht es Ihnen doch?

Bresnik: Es geht nicht um eine einmalige Zahlung. Für mich gehört der ÖTV endlich wieder einmal auf die richtigen Schienen gestellt, es läuft nach wie vor falsch.

Frage: Zurück zur näheren Zukunft. Thiem hat für Valencia eine
Wildcard für die Qualifikation bekommen.

Bresnik: Das ist zum Beispiel ein Zeichen. Unglaublich, dass ein Österreicher in Valencia bei einem ATP-500-Turnier eine Wildcard für die Quali kriegt. Und in Österreich muss man herumdiskutieren, ob er überhaupt die Anlagen hat für einen guten Spieler. Das ist Dummheit und Ahnungslosigkeit.

Frage: Würden Sie mit Blick auf Thiem den Satz unterschreiben, dass man sich um Österreichs Tennis keine Sorgen machen muss?

Bresnik: Ich würde unterschreiben, dass sich der Dominic keine Sorgen machen muss. Dominic ist nicht das österreichische Tennis. Eine Sportart auf einen aufbauen, ist eine sehr dünne Geschichte. Du kannst keine Spieler wie Dominic am Fließband produzieren. Ich trainiere mit ihm seit über 10 Jahren.

Frage: Ist er denn wirklich das einzige Talent mit solchem Potenzial?

Bresnik: Es gibt in Österreich eine handvoll Spieler aus der gleichen Generation, wie ein Novak, ein Ofner, die auch erste 50, erste 100 der Jugend-Weltrangliste hätten werden müssen, wenn gescheit mit ihnen gearbeitet wird.

Frage: Vielleicht sieht man Sie ja wieder einmal in einem ÖTV-Amt?

Bresnik: Ich werde da nie ein Entscheidungsträger werden, weil ich mich nie ganz dem Verband verschreiben werde. Mich interessiert nur Spitzensport. Mit all meiner bescheidenen Arroganz behaupte ich, dass es noch nie einen Spieler gegeben hat, mit dem ich trainiert habe, der schlechter geworden ist.

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