Der Streit, den keiner will

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"Ich will, dass Dominic Thiem im Davis Cup spielt"

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Für einigen Unmut unter den heimischen Tennis-Fans sorgte am Mittwoch Dominic Thiem.

In einem ORF-Interview kündigte Österreichs Nummer eins an, dass sie nur im Falle einer finanziellen Einigung über nicht erhaltene Fördergelder künftig im Davis Cup antreten werde.

„Meine Familie hat einfach extreme Bürden aufbringen müssen, um mir das zu finanzieren, was anders sicher leichter gewesen wäre", erklärte Thiem. "Deshalb ist das ein Gegenmittel, der Davis Cup, obwohl ich extrem gerne spielen würde. Aber manche Sachen kann man so nicht akzeptieren.“

Selbst Coach Bresnik ist überrascht

Eine Aussage, mit der sogar sein Coach nicht wirklich gerechnet hatte, wie Günter Bresnik im Gespräch mit LAOLA1 erzählt: „Ich war total überrascht, als ich es gelesen habe. Zuerst habe ich mir noch gedacht, dass irgendein Journalist einen Blödsinn geschrieben hat, aber er hat es tatsächlich so gesagt.“

„Selbst wenn er es sich denken würde, würde ich es ihm empfehlen, es nicht zu sagen“, empfand der erfahrene Betreuer das verbale Vorpreschen des 21-Jährigen als etwas ungeschickt. „Unmittelbar nach einem verlorenen Match  redet man leicht ein bisschen einen Schwachsinn daher.“

„Solche Aussagen entsprechen ihm ja gar nicht. Er hat dann eh gleich gewusst, dass es ein Blödsinn war“, erzählte Bresnik über ein anschließendes Gespräch mit seinem Schützling.

Bresnik sieht Thiem im Recht

In der Sache selbst sieht der ehemalige Trainer von Boris Becker und Horst Skoff seinen Schützling allerdings im Recht. „Wenn du jemandem 1.000 Euro borgst und im nächsten Jahr verdienst du 50.000 Euro und der erklärt dir dann, dass du die 1.000 Euro eh nicht mehr brauchst, würde ich es auch nicht akzeptieren“, sucht Bresnik einen bildlichen Vergleich für den Streit zwischen Thiem und dem Verband.

Letzterer einigte sich im Jahr 2013 unter dem damaligen ÖTV-Präsidenten Ronnie Leitgeb auf einen drei Jahre laufenden Förderungsvertrag mit der Familie Thiem. Nachdem zuvor jahrelang keine Einigung erzielt werden konnte, sollte das damals aufstrebende Talent ab sofort jährlich mit 46.000 Euro unterstützt werden.

Leitgeb kündigte Vertrag vorzeitig

So kam es, dass Thiem im April 2014 gegen die Slowakei seine Davis-Cup-Premiere feierte. Als Konsequenz des steilen Aufstiegs des Youngsters kündigte Leitgeb den Vertrag jedoch nach nur einem Jahr.

Womit der gerade erst erloschene Streit zwischen den beiden Lagern erneut entfacht wurde. Für die nachfolgenden Davis-Cup-Duelle gegen Lettland (September 2014) und Schweden (März 2015) stand Thiem nicht mehr zur Verfügung.

Noch keine Gespräche mit neuer ÖTV-Führung

Was an der aktuellen Situation am meisten überrascht, ist allerdings, dass es offiziell gar keinen Streit bzw. eine finanzielle Forderung gibt. In den vergangenen Monaten herrschte nämlich Funkstille zwischen den beiden Parteien.

ÖTV-Präsident Groß ist seit März im Amt

„Wir haben jetzt einmal mit Kitzbühel den Spielort festgelegt“, erklärte ÖTV-Präsident Robert Groß auf Nachfrage von LAOLA1, inwiefern die Kommunikation mit der Familie Thiem denn schon fortgeschritten sei.

„Als nächstes werden wir das Gespräch mit Günter Bresnik und der Familie Thiem suchen. Dann wird man sehen, was dabei rauskommt. Bis jetzt kann man das überhaupt noch nicht sagen.“

Nachzahlung der gekündigt Förderung unwahrscheinlich

Was eventuelle Zahlungen seitens des ÖTV betrifft, gibt sich der pensionierte Sparkassen-Direktor allerdings sehr zurückhaltend: „Was soll es für eine Forderung geben? Das war alles vor meiner Zeit. Diese Probleme hat es mit Ronnie Leitgeb gegeben. Was vor meiner Präsidentschaft war, will und kann ich nicht beurteilen. Ich schaue in die Zukunft“, meinte der Oberösterreicher, der erst im März sein neues (Ehren-)Amt antrat.

Zudem sei es auch administrativ nicht so einfach möglich, Förderungen aus der Vergangenheit nachzuzahlen. Die Anträge werden nämlich vom ÖTV selbst nur an die Bundessport-Organisation (BSO) weitergeleitet. „Im Nachhinein Forderungen zu stellen, ist etwas unrealistisch“, gibt Groß zu bedenken. Aus dem normalen Budget sei es kaum möglich, größere Summen zu entnehmen.

Außerdem streicht Groß eine mögliche Ungleich-Behandlung der einzelnen Team-Mitglieder hervor: „Ein Jürgen Melzer oder Gerald Melzer haben auch nie eine Unterstützung vom Verband bekommen. Die hätten ja dann auch denselben Anspruch.“

Zeit spielt für den ÖTV

Die Zeit spielt in dieser Diskussion eher für den ÖTV. Sollte Thiem auch in Zukunft nicht im Davis Cup für Österreich antreten, könnte er im kommenden Jahr auch nicht bei den Olympischen Spielen in Rio an den Start gehen. Zudem zeigen jetzt schon viele österreichische Fans wenig Verständnis für den Dauer-Clinch mit dem Verband.

Argumente, die für Bresnik aber nicht sonderlich schwerwiegen: „Für mich persönlich hat Olympia keine Wertigkeit im Tennis bzw. nur eine geringe.“

Und die öffentliche Meinung sei sowieso ein eigenes Kapitel: „Wenn bei den österreichischen Jugendmeisterschaften der Raster nicht voll ist, dann läuten bei mir die Alarmglocken. Das ist den Leuten aber wurscht. Ob der Thiem beim Davis Cup dabei ist oder nicht, ist hingegen bedeutungslos für den Sport.“

„Er geht in Österreich zum Bundesheer und zahlt hier seine Steuern. Das haben nicht immer alle so betrieben“, kann er der Argumentation des mangelnden Patriotismus wenig abgewinnen. „Wenn es Leute gibt, die dann trotzdem versuchen, ihn mit Gewalt anzuschwärzen, dann sollen sie das tun. Ich lasse mich davon nicht irritieren. Und Dominic hoffentlich auch nicht.“

Noch am Freitagabend wollte sich Groß einen Gesprächstermin mit Bresnik für die kommende Woche ausmachen: „Ich will, dass Dominic Thiem im Davis Cup spielt.“

Doch das wollen eigentlich eh alle.

Christian Frühwald

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