"Gemeinsam die Hymne singen"

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"Es ist aus österreichischer Sicht einmalig"

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Schon vor dem ersten Ballwechsel beim Erstrunden-Duell der Europa/Afrika-Zone I zwischen Österreich und Schweden in Örebro steht fest, dass rot-weiß-rote Tennis-Geschichte geschrieben wird.

Erstmals steht an diesem Wochenende ein österreichisches Brüder-Paar gemeinsam im Davis-Cup-Team.

Neben Jürgen Melzer findet sich im ÖTV-Quartett auch Bruder Gerald, der schon im Vorjahr gegen die Slowakei sein Debüt feierte.

Damals fehlte allerdings Jürgen verletzungsbedingt, womit es deshalb erst an diesem Wochenende zur geschwisterlichen Premiere kommt.

Ein Traum wird wahr

„Es ist ein Traum, dass das im Herbst meiner Karriere noch möglich geworden ist“, freut sich der 33-jährige Jürgen, der gegen die Schweden zum bereits 31. Mal im Davis-Cup-Team vertreten ist und bereits 65 Matches für sein Land absolvierte (Bilanz: 29-36).

Sein neun Jahre jüngerer Bruder kann es gar nicht glauben: „Das ist alles ein bisschen irreal. Ich habe als kleiner Junge beim Davis Cup zugesehen und jetzt spielen wir gemeinsam. Das ist einfach nur unglaublich.“

Mit einem Einsatz wie gegen die Slowakei (6:4, 3:6, 2:6 gegen Lukas Lacko) rechne der Weltranglisten-167. „eigentlich nicht“. Läuft alles nach Plan werden wohl Andreas Haider-Maurer und Jürgen Melzer die Einzel sowie Jürgen Melzer und Alexander Peya im Doppel an den Start gehen.

Herzlicher Umgang

„Das wäre ja auch noch schöner, wenn er einen Platz einfordern würde. Da würde ich ihn mir schon ein bisschen herholen“, scherzte Jürgen Melzer eine Kopfnuss andeutend auf die Frage, ob sein kleiner Bruder Konkurrenz-Druck ausüben werde.

Diese Szene symbolisiert den herzlichen Umgang, den die beiden Geschwister miteinander pflegen. Trotz des großen Altersunterschieds von neun Jahren herrscht zwischen den Melzers eine enge Verbundenheit.

Bei LAOLA1 sprechen die beiden im Doppel-Interview unter anderem über den gemeinsamen Ausflug zum Davis Cup, welche Rolle Tennis in der Melzer-Familie einnimmt und wie es zum fliegenden Trainer-Wechsel von Markus Hipfl kam.

LAOLA1: Da Jürgen im Vorjahr in der Slowakei verletzungsbedingt gefehlt hat, seid ihr diesmal erstmals gemeinsam im Davis-Cup-Team. Was ist das für ein Gefühl, mit seinem Bruder die rot-weiß-roten Farben zu vertreten?

Jürgen Melzer: Für mich ist es herrlich. Ich habe Gerald ja schon von Beginn an auf seinem Weg mitbegleitet. Wir haben bereits im Garten miteinander Tennis gespielt. Daher ist das für mich ein Traum, dass das im Herbst meiner Karriere noch möglich geworden ist. Vor allem ist es aus österreichischer Sicht einmalig. Wir sind das erste Brüderpaar, das gemeinsam Davis Cup spielt. Das ist schon eine lässige Geschichte.

Gerald Melzer: Für mich ist das alles ein bisschen irreal. Ich habe als kleiner Junge Stefan (Anm.: Koubek) und Jürgen beim Davis Cup zugesehen. Als ich angefangen habe, selbst zu spielen, war das ein Traum, der in weiter Ferne war. Dieser Traum ist Schritt für Schritt näher gerückt und dass wir jetzt wirklich gemeinsam im Davis Cup spielen, ist einfach nur unglaublich und macht extrem froh.

2008 gewannen die Melzer-Brüder das Challenger in Graz

LAOLA1: Jürgen, wie bist du mit der Entwicklung deines Bruders zufrieden?

Jürgen: Ich habe in Quito viele seiner Matches gesehen. In der Höhenlage ist es natürlich ein bisschen anders zu spielen, aber man hat auf jeden Fall gesehen, dass er das Level hat, um mit sehr, sehr guten Spielern mitzuspielen. Er kann sie nicht nur ärgern, sondern auch gegen sie gewinnen. Wir haben auch in der vergangenen Woche miteinander trainiert. Ich glaube, dass er auf einem sehr, sehr guten Weg ist und sein Niveau ständig nach oben schraubt. Das ist das Wichtigste. Der Rest liegt an ihm. Im Endeffekt geht es darum, so viele Matches wie möglich zu gewinnen. Zur Zeit gelingt ihm das sehr gut. Ich hoffe, dass das auch nach dem Davis Cup so weitergeht.

Gerald: Im vergangenen Jahr bin ich richtig gut in die Saison gestartet und habe bis Paris fast alle meine Punkte gemacht. Doch anstatt, dass ich die Top 100 geknackt habe, bin ich rund um Platz 140 geblieben. Das war extrem schade, dass ich ab diesem Zeitpunkt nichts mehr gewonnen habe, aber ich habe immer Rückenprobleme gehabt. Das habe ich lange Zeit nicht in den Griff bekommen. Im letzten Monat habe ich gut gespielt und über 100 Punkte gemacht. Ich gehe davon aus, dass es weiterhin so gut läuft. Ende des Jahres will ich um die 100 stehen und damit einen Platz im Hauptfeld der Australian Open haben. Das halte ich für schaffbar.

LAOLA1: Wie läuft die Zusammenarbeit mit deinem Trainer Markus Hipfl?

Gerald: Ich arbeite seit Paris 2014 mit ihm zusammen. Am Anfang lief es nicht so gut, weil ich eben diese Rückenprobleme hatte. Im Winter haben wir aber sehr gut arbeiten können und die ersten Früchte dieser Arbeit sieht man jetzt. Ich fühle mich auf alle Fälle als besserer und konstanterer Spieler als wie im vergangenen Jahr.

LAOLA1: Jürgen, du hast davor mit Markus Hipfl trainiert. Wie hat sich dieser fliegende Trainer-Wechsel ergeben?

Jürgen: Bei Gerald hat sich die Zusammenarbeit mit seinem damaligen Trainer Ingo Neumüller zerschlagen. Damals ist mein Manager Ronnie Leitgeb sehr viel mit mir gefahren und dadurch hat sich das einfach so ergeben. Es hat bei den beiden vor allem menschlich gut geklappt und das ist sowieso das Wichtigste. Nur dann kann man was weiterbringen. Im Endeffekt zählen eh nur Siege.

LAOLA1: Jürgen, du bist mittlerweile wieder zu deinem alten Trainer Jan Velthuis zurückgekehrt. Wie läuft es mit ihm?

Jürgen: Ja, seit November bin ich wieder mit Jan unterwegs. Wir haben gemeinsam die Vorbereitung gemacht. Nur in den letzten Wochen war ich alleine auf Tour, weil Jan mit Dusan Lajovic, den er auch betreut, in Südamerika unterwegs war. In Indian Wells übernimmt er mich wieder. Er ist ein guter Mann und es macht Spaß, mit ihm zu arbeiten. Jetzt schauen wir mal, dass wir wieder in die Spur finden.

LAOLA1: In den letzten Wochen hat es ja leider nicht so gut funktioniert.

Jürgen: Nach Australien bin ich mit über 40 Grad Fieber fünf Tage lang im Bett gelegen. Dadurch habe ich auch wieder mehr Probleme mit dem Rücken bekommen.

LAOLA1: Nach dem Davis Cup hast du für das ATP-1000-Turnier in Indian Wells genannt. Das wird ganz schön knapp werden.

Jürgen: Die Qualifikation in Indian Wells wird natürlich eng. Ich komme Montagnacht an und muss bereits Dienstag spielen. Erwarten darf man sich nichts, so realistisch muss man sein. Ich werde es aber zumindest probieren, wenn ich nicht irgendwelche Schmerzen habe. Weh tun muss ich mir nicht. 

Das Gespräch führte Christian Frühwald

Jürgen: Nebeneinander zu stehen und die österreichische Bundeshymne zu singen – darauf freue ich mich extrem. Es wird einfach eine coole Woche. Es ist schon etwas Besonderes, wenn du jemanden dabei hast, der dir in deinem Leben so nahe steht.

LAOLA1: Jürgen, kannst du Gerald irgendwelche speziellen Ratschläge geben?

Jürgen: Irgendeinen besonderen Trick gibt es nicht. Sollte er zum Einsatz kommen, werde ich ihn natürlich so gut wie möglich darauf vorbereiten. Im Endeffekt kannst du ihn eh nur ein bisschen leiten. Den Rest muss er selber machen. Er war gegen die Slowakei schon mit dabei und hat dadurch bereits Davis-Cup-Luft geschnuppert.

LAOLA1: Welche Rolle spielt Tennis in eurem Alltag? Wie schwierig ist es, am Familientisch einmal andere Themen anzusprechen?

Jürgen: Klarerweise ist Tennis bei uns immer ein Thema. Es ist unser Beruf und spielt eine riesengroße Rolle in unserem Leben. Wir sprechen dementsprechend auch über unsere Erlebnisse. Tennis ist aber trotzdem nicht das Hauptthema, wenn wir uns treffen.

LAOLA1: Gerald, wie bist du mit deiner Entwicklung in diesem Jahr zufrieden?

Gerald: Ich habe im Winter gut trainiert. Der Saisonstart in Australien war nicht unbedingt so, wie ich es mir erwartet hatte. Danach ging es aber nach Südamerika, wo ich mich sehr wohl fühle. Ich liebe es, in der Höhenlage auf Sand zu spielen. Dort habe ich meinen ersten Top-100-Spieler geschlagen. Danach habe ich gegen Andi (Anm.: Haider-Maurer) die erste Runde bei einem ATP-Turnier gewonnen. Wobei ich sagen muss, dass ich mir wegen meiner sieben Niederlagen in den vorangegangenen Versuchen noch keine Sorgen gemacht habe. Ich habe schon gewusst, dass ich irgendwann einmal gewinnen werde. Ich fühle mich gut und es macht super viel Spaß. Ich glaube, dass es noch eine gute Saison wird.

LAOLA1: Als Jürgen in deinem Alter war, fand er über Turniere in Höhenlage meist weniger schöne Worte.

Jürgen: (lacht) Ja, das stimmt. Aber das hat sich auch nicht verändert. Du wirst mich sicher niemals in Quito Tennis spielen sehen. Wir sind einfach völlig konträre Spieler-Typen. Die gemeinsame Bruder-Reise nach Südamerika wird es sicher nicht geben. Höchstens dann, falls ich einmal sein Trainer sein sollte. Als Spieler wird es mich dorthin sicher nicht verschlagen.

Gerald: Mir macht es dort einfach sehr viel Spaß. Während es bei uns Temperaturen um den Nullpunkt hat, ist es dort richtig schön heiß. Das Wetter ist mit unserem nicht zu vergleichen. Zudem sind die Leute immer freundlich und die Stimmung ist ausgezeichnet. Bei den Matches ist einfach immer was los. Außerdem passen die Bedingungen gut zu meinem Spiel. Ich gewinne dort jedes Jahr sehr viele Matches.

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