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Die große Tour-Bilanz der ÖTV-Herren

Zwei Grand-Slam-Erfolge, sechs weitere Turnier-Siege, dazu mehrere Endspiel-Teilnahmen: Im Doppel und Mixed sind Österreichs Tennis-Herren in der Weltklasse anzusiedeln.

Von Sieger-Pokalen und Finaleinzügen waren Jürgen Melzer, Andreas Haider-Maurer und Co. im Rahmen der ATP-Tour im Einzel allerdings weit entfernt.

Kein einziger ÖTV-Profi schließt mit positiver Bilanz ab, speziell im zweiten Halbjahr ging die Leistungskurve steil nach unten. Doch auch ein Leckerbissen war dabei.

LAOLA1 analysiert gemeinsam mit dem ehemaligen Daviscup-Kapitän Günter Bresnik das Jahr der österreichischen Tennis-Herren auf der großen Tour:

Jürgen Melzer

Ranking 2010: 11

Aktuelles Ranking: 33

Tour-Bilanz 2011: 20-21

Das Jahr begann verheißungsvoll, gelang dem Deutsch-Wagramer doch erstmals in seiner Karriere der Sprung ins Achtelfinale der Australian Open. In den Folgewochen war der Viertelfinal-Einzug in Marseille ein Highlight, ehe im April mit dem Sandplatz-Turnier in Monte Carlo der Saison-Höhepunkt folgen sollte. In der Runde der letzten Acht stand Österreichs bestem Tennis-Profi mit Roger Federer der vielleicht beste Spieler aller Zeiten gegenüber. Melzer zeigte überragendes Tennis und warf den Schweizer dank eines 6:4, 6:4-Erfolgs aus dem Bewerb.

Fortan begann für den Niederösterreicher eine nicht zu erwartende Talfahrt, sportliche Glanzlichter blieben im Einzel aus. Wenngleich Verletzungssorgen ihn immer wieder körperlich beeinträchtigten, darf nicht darüber hinweggesehen werden, dass Melzer seit Mitte Juli in keinem einzigen Turnier mehr als einen Sieg feiern durfte. Für einen Spieler, der vor wenigen Monaten im ATP-Ranking noch auf Rang acht geführt wurde, eine erschreckende Ausbeute.

Erwähnenswert ist auch, dass der 30-Jährige abgesehen von Federer keinen einzigen Gegner bezwingen konnte, der besser gereiht war als er selbst. Dagegen musste er sich gleich 16 Mal einem Kontrahenten beugen, dem er von der Papierform hätte überlegen sein sollen.

Günter Bresniks Einschätzung: "Wenn man die ganze Karriere betrachtet, war es eine überdurchschnittliche Saison. Im Vergleich zur letzten Saison war es sehr enttäuschend. 2010 ist alles zu seinen Gunsten gelaufen. Vor allem in der zweiten Saisonhälfte 2011 ist alles zu seinen Ungunsten verlaufen. Es gab viele Spiele, in denen er sehr knapp verlor. Bei den großen Turnieren konnte er zu keinem Siegeslauf ansetzen wie bei den French Open 2010. 

Ab Monte Carlo war es enttäuschend, aber er hat sich am Rücken verletzt. Er ist 30, das ist ein Alter, in dem man sich eben nicht mehr so leicht davon erholt. Er hatte des Öfteren mit seiner Schulter zu kämpfen. Er ist doch sehr Aufschlag-abhängig, daher ist so eine Verletzung sehr unglücklich.

Was ich bei Jürgen aber noch anfügen möchte, ist, dass er einer der ganz wenigen ist, die sich als Person zu ihrem Vorteil entwickelt haben, während sie den großen Erfolg hatten. Davor ziehe ich meinen Hut. Auch sein konstant guter sportlicher Erfolg imponiert mir."

Andreas Haider-Maurer

Ranking 2010: 119

Aktuelles Ranking: 128

Tour-Bilanz 2011: 7-14

Der Andreas-Haider-Maurer-Zug kam 2011 nur langsam ins Rollen. In Chennai (Erstrunden-Aus) und Melbourne (Out in Quali-Runde 2) musste der 24-Jährige frühzeitig die Segel streichen. Auch Challenger-Erfolge halfen zunächst nichts, jeder Versuch auf der großen Tour - ob nun in Madrid (Quali-Aus) oder Nizza (Erstrunden-Aus) - schlug fehl.

Das erste Lebenszeichen gab Haider-Maurer bei den French Open ab, als er sich in die zweite Runde kämpfte. Bei den Rasen-Turnieren in s'Hertogenbosch und Wimbledon gelang ihm ebenfalls ein Sieg, wenig später stürmte er in Bastad und Gstaad sogar jeweils ins Viertelfinale. Danach folgte allerdings gähnende Leere auf der Habenseite, bis Jahresende wurde das Siegkonto nicht mehr erweitert. Besonders bitter war das frühe Aus in der Stadthalle, da er die Punkte aus dem Vorjahr (Finale) nicht annähernd verteidigen konnte.

Günter Bresnik: "Er hat sich spielerisch verbessert, er konnte allerdings die Gelegenheiten nicht nutzen, die sich ihm boten. Vom Ranking her ist es natürlich enttäuschend, spielerisch nicht. Vielleicht waren Probleme im Trainerstab ein Grund für den Rückfall. Die Seite des Konditionstrainers und jene des Tennis-Trainers waren sich nicht immer einig. Es ist immer problematisch, wenn zwei Köche nicht in dieselbe Richtung arbeiten. Ich glaube aber, das Problem wurde gut gelöst und hoffe, dass es jetzt wieder aufwärts geht."

Martin Fischer

Ranking 2010: 133

Aktuelles Ranking: 218

Tour-Bilanz 2011: 0-4

Reden wir nicht lange um den heißen Brei herum, für Martin Fischer war die Beletage 2011 ein äußerst kurzes Vergnügen. Vier Spiele, vier Niederlagen. In Wien war es allerdings denkbar knapp, der 25-Jährige zog im Tiebreak des dritten Satzes gegen den Deutschen Brands den Kürzeren. Auf jeden Fall positiv zu erwähnen ist auch die Tatsache, dass sich der Vorarlberger über den Umweg Qualifikation in den Hauptbewerb von Wimbledon kämpfte, wo er in Runde eins Simone Bolelli unterlag. Ansonsten sammelte Fischer vorwiegend auf der Challenger-Tour (acht Viertelfinali) Zähler.

Günter Bresnik: "Sich auf der Tour zu versuchen, war sicher kein Fehler. Mir gefallen Leute, die sich nach oben orientieren. 'Fisch' ist ein ausgesprochen intelligenter Bursche, der weiß, was er macht, und sehr ernsthaft arbeitet. Das Spiel in der Stadthalle zu verlieren, war schwieriger als es zu gewinnen. Insgesamt bewegt er sich deutlich besser, auch die Grundschläge und der Aufschlag sind stärker.

Ich denke nicht, dass ihm der Killerinstinkt fehlt. Es ist vielmehr die Erfahrung. Es hat lange gedauert, bis er sich erstmals für die großen Turniere qualifizieren konnte, wobei es in Österreich auch dreimal so schwer ist wie in anderen Nationen. Dort gibt es viel mehr Turniere, wo Wildcards vergeben werden."

Jenseits der ÖTV-Top-3

... bedeutet zugleich jenseits der erweiterten Weltklasse. Philip Oswald, der von der ATP-Weltrangliste auf Rang 266 ausgespuckt wird, mühte sich durch Future- und Challenger-Bewerbe.

Sollte sich doch einmal ein ÖTV-Profi auf die große Tour verirrt haben, hielten sich die Erfolgserlebnisse in Grenzen. Entweder war in der Qualifikation Endstation, oder, falls mit Wildcard in den Hauptbewerb gerutscht, in der ersten Runde. Eine Ausnahme bildete die größte heimische Hoffnung, Dominic Thiem.

Der 18-Jährige bezwang in Wien Thomas Muster und beendete die Karriere des größten heimischen Filzkugeljägers.

Gibt es außer Thiem weitere Spieler, denen der Sprung in die Top 100 zuzutrauen ist?

Günter Bresnik: "Ich sehe keinen. Insgesamt war es ein Jahr unter den Erwartungen der Spieler. Ich persönlich war nicht überwältigt, wenngleich es vernünftige Erklärungen gibt. Jürgen als Aushängeschild Nummer eins hatte mit seiner Verletzung extremes Pech. Fischer, Oswald und Co. haben allerdings viele Futures gewonnen und sich zum Teil nach vorne gearbeitet."

 

Christoph Nister

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